Musik als Rausch und Sinnenfülle

8. Sinfoniekonzert mit Mussorgsky, Dukas und Rimskij-Korsakow
Zum Abschluss der Konzertsaison hatte das Staats- theater Darmstadt sein Publikum zu einem musika- lisch-sinnlichen Abend eingeladen. Auf dem Programm standen zwei große Russen der Spätromantik - Modest Mussorgsky (1839-1881) und Nikolaj Rimskij-Korsakow (1844-1908) - und eingerahmt von ihnen der französische Spätromantiker Paul Dukas (1865-1925). Dieses Programm versprach klangsatte, vollmundige, süffige Musik, und um dieser Erwartuns- haltung gerecht zu werden, hatte man mit Michail Jurowski (* 1945) einen auch und im Besonderen musikalisch schwer gewichtigen Dirigenten aus Moskau engagiert, der als meisterlicher Interpret der russischen Musik gilt.


Modest Mussorgsky

Mussorgskys "Nacht auf dem kahlen Berge" ist der musikalische Bericht einer Walpurgisnacht auf dem russischen Blocksberg, unverkennbar inspiriert von Berlioz´ "Symphonie Fantastique" mit ihrem Hexen- sabbat. Wilde Rhythmen zu dämonisch flirrenden Streichern, donnerndes Schlagzeug, der Ankündigung des jüngsten Gerichtes aus der Hölle gleich, abrupte Wechsel von Motiven, Instrumentation und Intensität kennzeichnen dieses Werk. Man kann sich vorstellen, wie es nachts bei Sturm und Gewitter auf diesem kahlen Berge zugeht, wenn die Geister der Nacht dort ihr Unwesen treiben. "Gar grausig ist´s übern Berg zu gehen", möchte man in Abwandlung eines bekannten Gedichtes ausrufen, und die eher naiven und ursprüng- lich empfindenden Zuhörer des 19. Jahrhunderts wer- den auch so empfunden haben. Wir dagegen sehen dagegen nur noch einen musikalischen Kunstgenuss, den wir weitab jeglicher psychischer oder gar physi- scher Gefährdung genießen oder ablehnen mögen. Im Konzertsaal der heutigen Zeit erscheint das Grauen nur noch in Gestalt des musikalischen Stellvertreters und wird als ästhetischer Genuss sublimiert. Insofern übt diese maßlose "Gewalttätigkeit" der Musik nicht mehr die intendierte sondern nur noch eine vermittelte Wirkung aus.

Seis drum, auch für heutige Ohren gilt es dabei viel zu entdecken, so die Verschränkung der einzelnen Motive und Stimmen, wenn das Treiben seinem Höhepunkt entgegen eilt, oder wenn der erwachende Morgen von friedlichen Kirchenglocken eingeläutet wird, die damals das Publikum zurück ins Reich des Gewohnten und Verlässlichen führen sollten und heute fast nur noch ein Schmunzeln bewirken.

Als nahezu kongruente Ergänzung fügte sich Paul Dukas´ "L´apprentice sorcier", auf Deutsch "Der Zauberlehrling", frei nach Goethe in Noten gesetzt, an die Mussorgskische Tondichtung an. Wer kennt nicht die Zeilen "Hat der alte Hexenmeister sich doch einmal wegbegeben!", die schließlich gipfeln in dem klassi- schen "Die ich rief die Geister, werd ich nun nicht los!". Paul Dukas hat diese Ballade nahezu Zeile für Zeile in Musik umgewandelt. Nach einer orchestralen Einlei- tung, die dem Gedichtanfang entspricht, beginnt das Fagott mit dem typischen Thema, das sich nun bis zum Ende durchziehen wird. Der losgelassene Besen hüpft los, um Wasser zu holen, und das Orchester folgt seinen Spuren, nimmt seine wachsende Ge- schwindigkeit auf, vertont das beginnende Chaos und die Verzweiflung des Lehrlings durch alle Instrumenten- gruppen bis hin zum vermeintlich finalen Zerstörungs- akt, der mit einem Paukenschlag symbolisiert wird. Doch die zerbrochenen Besenteile erheben sich wieder, und jetzt schleppen zwei Besen Wasser, das heißt, das Orchester intoniert das Thema zwiefach, versetzt und variiert, bis das Chaos nicht mehr zu bändigen ist und der "alte Meister" alles wieder ins Lot bringt. Das Stück verklingt in Erschöpfung und Erleichterung.

Schon zur Pause schlug Michail Jurowski unge- wohnt starker und langer Beifall entgegen, hatte er das Orchester doch mit soviel Feingefühl ud Elan geleitet, dass sich dieses von Beginn an in Hochform befand. Da saß jeder Einsatz, und die einzelnen Istrumente, seien es Klarinetten, Flö- ten, Blechbläser, Schlagzeuger oder Streicher, glänzten durch exakte Intonierung und dem bei dieser Musik notwendigen Gefühl.


Nikolaij Rimskij-Korsakow

Nach der Pause stand "nur noch" Rimskij- Korsakows "Scheherezade" auf dem Programm, ein weit ausladendes, klangpralles Musikgemälde aus dem alten Orient mit seinen Geschichten aus "1001 Nacht". Hier kommt die weit schwei- fende Phantasie voll zu ihrem Recht. Hier gelten keine intellektuellen musikalischen Kategorien, hier gilt nur der Klang. Man spürt förmlich, wie der Komponist mit den Klangmöglichkeiten eines großen Orchesters gespielt hat, wie er die typi- schen Klangfarben der einzelnen Instrumente - Violine, Klarinette, Flöte - bis zum Letzten aus- kostet und sie reizvoll gegeneinander setzt. Dabei verströmt die Komposition eine ferne, märchenhafte Atmosphäre, halt, wie man sich den alten Orient der Kalifen und Emire als Kind vorstellte. Um immer wieder streicht das gesamte Orchester mit seiner ganzen Fülle über die Ein- zelstimmen hinweg, versinnbildlicht den breiten Strom des Lebens und der Geschichte(n).

Will man einzelne Instrumentalisten besonders hervorheben, schieben sich sofort die anderen Instrumente mit ihrer gleichermäßen eindringli- chen Präsenz davor. Lobt man zu Recht die ausdrucksstarke Klarinette, tut man den lyri- schen Flöten unrecht, hebt man die Streicher mit ihren schnellen und doch so exakten Passagen und ihren Pizzicati hervor, so fallen einem sofort die äußerst präsenten Blechbläser und die Schlagzeuger ein. Kurz: an diesme Abend liefen alle Musiker des Staatstheaters dank der enga- gierten Mimik und Gestik von Michail Jurowski zu Höchstform auf und präsentierten dem Publikum - passend zum Ausklang des lokalen "Heiner- festes" - einen musikalischen Höhepunkt zum Ausklang der Saison.


Dirigent Michail Jurowski

Der Schlussbeifall fiel dann noch einmal gerade- zu begeistert aus, für Darmstadt schon eine Seltenheit, und so oft wie Michail Jurowski musste wohl wenige Dirigenten wieder am Pult erscheinen und sich verbeugen. Passend dazu begann kurz nach Ende der Vorstellung das große Feuerwerk zum Abschluss des Darm- städter "Heinerfestes", das den auf der Terrasse des Staatstheaters verbliebenen Besucher wie ein passender Kommentar zu diesem Konzert- abend erschien.