Eine Sache der Ehre

"Das Aias-Projekt" nach Sophokles im Darmstädter Werkstatt-Theater
Der Kampf um Troja war seit alters her eines der zentralen Themen der Literaten, von Homer bis zu - na eben - diesem Stück. Die geradezu mythische Wucht der Auseinandersetzung hat im Laufe der Jahrhunderte die Phantasie und Ausdruckskraft ungezählter Autoren frei gesetzt.


Achim Barrenstein als Aias

Einer der frühen Interpreten der "Ilias" war Sophokles, der in der Tragödie "Aias" das Schicksals dieses griechischen Helden in dramatische Form umgesetzt hat. Aias, auch "Ajax" genannt, ist neben Achilles der bedeutendste "Held" der Ilias, gleich ihm ein uner- schrockener, gradliniger Kämpfer, im Gegensatz zum eher listigen - will sagen "hinterfotzigen" Odysseus - der den direkten Kampf gern durch eine gepflegte Intrige ersetzt. Nach Achills Tod in der Schlacht stehen seinem Blutsbruder Aias dessen Waffen zu. Doch Odysseus erreicht mit seinen hervorragenden diplomatischen Fähigkeiten, dass man ihm öffentlich die Waffen zuspricht. Vor aller Augen schwerstens gedemütigt, verfällt Aias in einen unmäßigen Zorn und beschließt rachedurstig, das Trio Agamemnon, Menelaos und Odysseus nächtens zu meucheln. Die Götter jedoch, die mit Odysseus ("Odyssee") und Agamemnon (Klytemnestra!) noch anderes vorhaben, verwirren seinen Sinn und lassen ihn stattdessen einige Ziegen umbringen, im Glauben, es seien die verhassten Feinde. Als er seinen Irrtum erkennt, nimmt er sich vor Scham das Leben.

Sophokles hat in dieser Tragödie das Lebensgefühl der antiken Helden als ein ernst zu nehmendes verhandelt und sieht im Untergang Aias´ eine Tragödie, weil er erst all seiner Ansprüche beraubt und dann um seine Rache gebracht wird. Eine hervorragende Ausgangs- situation für eine griechische Tragödie, die menschli- chen Ehrgeiz mit göttlicher Willkür kollidieren lässt.

Die Regisseurin Isabel Schröder hat sich dieses Themas neu angenommen, von dem Niederländer Pepijn Zwanenberg einen neuen Text auf die Handlung schreiben lassen und diese neue Variante im Werk- statt-Theater des Darmstädter Staatstheaters vorge- stellt. Isabel Schröder verkürzt die alte Tragödie auf einen extrem kurzen Zeitpunkt, nämlich den Freitod von Aias, wenn er in einer letzten, einem Zeitraffer gleichen Rückschau die Ereignisse noch einmal Revue passieren lässt. Diese Sekunden des Sterbens dehnt sie auf über siebzig Minuten, so wie die letzten Sekun- den vor einem Unfall den Opfern oft auch ewig erschei- nen mögen. Außerdem reduziert sie das Personal auf wenige Rollen, nämlich Aias selbst und seine drei Antipoden Agamemnon, Menelaos und Odysseus.

Zu Beginn liegt Aias (Achim Barrenstein) vor einer halb transparenten Wand im Todeskampf, doch erst die über Lautsprecher übertragenen Atemgeräusche lassen die Agonie erahnen. Dazu erscheinen Video- - Sequenzen auf der Wand, in denen die traumatischen Erlebnisse der letzten Stunden sich widerspiegeln. Übergroße Ziegenaugen scheinen ihm höhnisch zuzu- zwinkern, und zwischendurch erscheinen kurze Bild- fetzen eines triumphierenden Odysseus und anderer griechischer Krieger. Die mal verwaschenen, mal insistierenden Sequenzen verweisen auf den Albtraum des Sterbenden.

Dann jedoch erhebt sich Aias´ Geist zu einer letzten Abrechnung und Rechtfertigung, zu der sich Achim Barrenstein wie symbolisch erhebt. Ein letztes Mal klagt Aias seine Umwelt an, verflucht die Ungerechtig- keit der Welt, sucht in der Weite des Nichts Verbün- dete und leugnet verzweifelt die lächerliche Verwechs- lung von Menschen mit Ziegen. Doch die Abrechnung dreht sich im Kreise. Aias kann zwar sein Recht auf Achills Waffen einklagen, doch niemand hört ihm mehr zu. Der Fall ist gelaufen, die Sterblichen haben ihr Urteil gefällt, und in der Welt Isabel Schröders fehlen die Götter, die man verfluchen könnte.

Je mehr Aias flucht und greint, desto mehr er- weist er sich als kleinkarierter Verlierer, der nicht einmal einen ehrenhaften Kampf gegen seine Widersacher vorzuweisen hat. Isabel Schröder führt Aias bis an den Rand zur Lächerlichkeit und darüber hinaus, wenn er in letzter Not nach sei- nem "Papa" schreit, der ihm Recht geben soll. Von Sophokles bleibt dabei nicht mehr viel übrig, was wohl auch nicht beabsichtigt war. Das trifft übrigens auch auf die Sprache zu, denn Pepijn Zwanenberg hat eine moderne Umgangssprache gewählt, die Aias auch als betrogenem Betrüger der "New Economy" anstehen würde. Da ertönt auch schon einmal kräftig das Wort "Scheiße" und andere Ingredienzen der zeitgenössischen Wutsprache.

Gerade als Aias´ Verzweiflungsausbruch in der Agonie zu versiegen beginnt, erscheinen seine drei Gegner auf der Empore, tatsächlich in alten griechischen Kriegerkostümen, und höhnen auf ihn in archaischer Sprache nieder. Die Symbolik ist überdeutlich: die Macht bedient sich der Kon- vention, der Verlierer versinkt in der strukturlosen Unverbindlichkeit einer Allerweltssprache. Spä- testens zu diesem Zeitpunkt gewinnt die Drama- turgie plakative Züge, man möchte fast sagen, "wie es jungen Leuten eigen ist". Natürlich tritt dann der Ausgestoßene im zeitlosen, schlichten Kostüm auf, während die Mächtigen im Outfit der Macht erscheinen, und die Sprache folgt diesem Muster. Für den Inhalt der Rede gilt das Gleiche. Meneloas fordert mit gestanzten Reden, den Ver- räter nicht zu begraben, und Agamemnon schweigt dazu. Nur Odysseus bittet um Gnade für den Toten, dessen entweichender Geist das Spektakel von außen verfolgt, doch offensichtlich eher als Rückversicherung gegenüber den Wech- selfällen des Leben als aus reiner Menschlich- keit. Die schlimmste Schmach für Aias jedoch ist die Großmut des Siegers, da er aus der Sicht des antiken Helden - im Rittertum war es übri- gens ähnlich - endgültig nicht mehr als ernst zu nehmender Gegner anerkannt und damit aus der Gemeinschaft ausgestoßen und entehrt ist. Die kleinliche Rache der Gegner dagegen würde den Toten noch posthum als Gegner akzeptieren und ihn moralisch erhöhen. In der modernisierten Fassung von Isabel Schröder wirkt dieser letzte Ehrverlust jedoch nicht überzeugend, weil er nicht mehr dem heutigen Lebensgefühl entspricht, das die Großmut des Siegers eher zu schätzen weiß. So stirbt Aias ungerächt und unerlöst als Verlie- rer auf ganzer Linie, aber es wird nicht ganz klar, ob es hier um einen antiken oder einen modernen Aias geht.

Das Stück leidet unter zwei Dingen: den Längen im Solo-Auftritt von Aias/Barrenstein sowie dem Bruch beim Auftritt der Herrschenden. Obwohl man die Absicht versteht, will sich die Wirkung nicht einstellen. Die Spannung, die im Monolog des Aias gerade entstanden ist, wird durch die statuarischen Monoloe "ex cathedra" wieder ver- nichtet. Dazu ist jedoch festzustellen, dass es Achim Barrenstein auch nur begrenzt gelingt, diese Spannung aufzubauen. Dazu tragen sowohl die saloppe Sparche - man denke zum Vergleich nur an "Ödipus" - , der Text als auch die kreisen- den Wiederholungen seines Aufbegehrens bei . Es klingt nie wie ein existenzielles Aufbegehren des Individuums gegen ein übermächtiges Schicksal sondern wie das Greinen eines Jungen, dem man die Murmeln weggenommen hat. Die Schwäche des Stückes liegt in der mangelnden Ausgestaltung des Aias-Monologes. Ein starker Monolog verweist die Suaden der Herrschenden ins Groteske, ein schwacher gibt ihnen den Raum, den sie nicht ausfüllen können.

So bleiben nach dem nicht gefallenen Vorhang alle Fragen offen, auch wenn das Premieren- Publikum den Akteuren, vor allem Achim Barrenstein, forcierten Beifall spendete. Wenn auch die Darsteller versuchten, das Beste aus dem Stück herauszuholen, hat dies nicht für einen beeindruckenden Theaterabend gereicht. Es war ein Experiment, mehr nicht.