"We are in Exile..."

"A. ist eine Andere" von Andreas Sauter/Bernhard Studler im Darmstädter Werkstatt-Theater
Wie gehen Menschen mit dem plötzlichen, unerwa- teten und offensichtlich endgültigen Verlust eines engen Lebensgefährten um? Können Sie eine solche Lücke überhaupt verarbeiten, ja, wollen sie das? Oder verdrängen sie die Tatsachen, drehen ihre eigene Enttäuschung und Vereinsamung als hilflosen Vorwurf gegen den so unerwartet Ver- schiedenen? Eine Trennung unter Lebenden äußert sich dabei bei weitem nicht in den selben Sympto- men wie der Tod, weil in seinem Fall auch nicht mehr die leiseste Hoffnung auf eine Rückkehr besteht. Der Hinterbliebene muss sich mit dem Zustand der endgültigen Trennung abfinden.

v.l.n.r.: Gerd Herrmann, Karin Klein,Klaus Ziemann, Christian Wirmer und Nicole Averkamp

Der Einakter der beiden jungen Autoren Andreas Sauter und Bernhard Studler spielt diese Situation an einer examplarischen Menschengruppe durch, die plötzlich mit dem Tod einer jungen Frau, eben der A., konfrontiert wird. Da ist erst einmal Gerd (Gerhard Herrmann), ein "rest- hippiger" Gitarre- spieler, der sich in jeder freien Minute in sein Instrument verkriecht und sich hinter seinen zu den Akkorden halblaut gesungenen Liedern von der Welt zurückzieht. Er war eng liiert mit A., die plötzlich nicht mehr in die gemeinsamen Wohnung zurück- gekehrt ist. Gerds "Kumpel" Herwig, genannt Bongo (Christian Wirmer), besitzt eine kleine Bar und fühlt sich in der Rolle des "coolen" Vorstadt-Chauvis offensichtlich wohl. Seine Lebensmaxime besteht in schnellen Autos und Bier, und notfalls kann er auch seinem eigenen Kleinwagen Rennwagen-Qualitäten abgewinnen. Beide Männer hören weder einander noch anderen zu; jeder lebt in seiner eigenen Traumwelt, die ihn von der schalen Trivialität des Alltags wohl tuend abhebt. Bongo hat für Frauen eigentlich nur abgebrühte Sprüche übrig und würdigt sie höchstens eines Fünfminuten-Quickies, wenn sie denn Ja sagen. Gerd ist ihm mehr Begleiter bei seinen Touren denn wirklicher Freund.

Nina (Nicole Averkamp)war die beste Freundin von A., ist selbst Ärztin und war A. offensichtlich mehr zugetan als einer normalen Freundin. Daher betrachtet sie die Männer auch als natürliche Gegner. Bongos eher beiläufige Avancen fegt sie eher routiniert beiseite, wohl wissend, dass er an ihr sowieso nicht persönlich interessiert ist. Für Gerd hätte sie sich - sie schaut zu beiden Ufern aus - durchaus interessiert, aber der gehört ihrer Freundin A.

Joseph Pheres (Klaus Ziemann), der Vater von A., rundet das Ensemble ab. Er ist den Ereignissen überhaupt nicht gewachsen und verkriecht sich in seiner Gärtnerei mit den Bonsai-Bäumen, und seinen nicht bewältigten Schock über den Tod der eigenen Tochter übertüncht er mit Selbstgesprä- chen über Sinn und Unsinn von Bonsai-Bäumen.

Das Autoren-Duo hat die Geschichte in eine kunst- volle Zeitenschichtung mit mehreren Ebenen ver- packt. In der "Jetzt-Zeit", irgendwann - Tage, Woche oder Monate - nach der Beerdigung der neben ihrem Auto verbrannten A., erinnern sich die Betroffenen der Ereignisse und der Verstorbenen. In diese Erzählungen werden gleitend kurze Sequen- zen aus verschiedenen Zeitebenen der Vergangen- heit eingespielt, so die Fussball- und Saufnacht der beiden Freunde in der Nacht von A.s Verschwinden, die wachsende Unruhe am nächsten Tage und die Konfrontation mit dem Bericht der Polizei über den Fund des Wagens und der verbrannten Leiche. Auch die Entstehung der Liaison zwischen A. und Gerd und die frivolen Spielchen zur Absicherung dieser Beziehung in Gestalt eines gezielten "Anmache-Tests" von Nina gehören dazu. Nina betrachtet das eher als eine Dienstleistung an ihrer Freundin, es bleibt jedoch offen, was sie im Falle eines Eingehens von Gerd gemacht hätte......

Wenn Nina nichts Besseres vorhat, besäuft sie sich zusammen mit Bongo, und dieses Besäufnis wirkt fast wie bewusster Erotik-Ersatz, der jedoch außer einem kurzen Katzenjammer keine weiteren Kopfschmerzen verursacht. Das Motto dieser beiden lautet: lieber einen schweren Kater als eine kompli- zierte Beziehung; Alkohol als Ersatz für Bindungen. Bei Gerd übernimmt die Gitarre die Rolle des Alkohols. Auch er ist eigentlich unfähig zu einer echten Bindung, obwohl er meint, A. geliebt zu haben und sie noch zu lieben. Doch eigentlich liebt er wie ein großes Kind nur sich, und daher kann er sich nach ihrem Tod auch nur in Selbstmitleid stürzen, das er für echte Trauer hält. Letztlich gefällt er sich in einer geradezu "outrierten" Wut über den Lauf der Welt und teilt diese Wut seiner Gitarre mit. Im Hintergrund grantelt dazu der alte Pheres hilflos über die frühen Tode seiner Frau und seiner Tochter. Dieses Schicksal ist ihm buchstäblich über den Kopf gewachsen, so dass er bald kleiner als seine Bonsai-Bäumchen scheint.

Um dieses Quartett kreist von Anfang an eine junge Frau in Unterwäsche (Karin Klein), und der Zuschauer identifiziert sie bald als die A., anfangs ihren Geist dahinter vermutend. Sie beobachtet nicht die agierenden Hinterblie- benen sondern eigentlich nur das, was sie von ihnen kennt. Sie lässt mehr oder minder ihr Leben Revue passieren und führt den Zu- schauer langsam aber sicher zu dem Punkt, an dem sie die folgenschwere Entscheidung traf. Obwohl in gesicherten Verhältnissen mit einem geliebten Mann lebend, hat sie das Leben plötzlich als ungeheuer einengend empfunden und wollte einmal ausprobieren, was passiert, wenn sie das Unvorstellbare wagt. Diese Idee zieht sie an wie die Tiefe den Turmbesucher, und schließlich folgt sie dem Sog und stürzt sich ins Ungewisse. Von dort her sendet sie, fliehend nur, körnige Schauer von Gedanken an die ihr ehemals nahe Gestandenen. Diese vernehmen sie nicht und lassen die Gedanken der fernen A. unerkannt um sich streichen.

Das eigentlich Erschütternde liegt in der abso- luten Stagnation der Gruppe. Jeder hadert auf seine Weise mit dem Tod der A., teils wegen der lästigen Folgeerscheinungen - so muss Bongo seine Pläne umstellen und Nina ver- passt fast den Geburtstag ihres Bruders - und teils wegen der emotionalen Unbequemlich- keit, die der Tod einer so nahen Freundin mit sich bringt. "Was macht die uns bloß für einen Ärger mit ihrem Tod", hört man sie fast stöh- nen. Gerd sieht mehr sein ungerechtes Los als Witwer als dass er sich wirklich mit den möglichen Gründen des Freitods auseinander- setzt. So könnte das Leben der vier weiter gehen, bis der Zahn der Zeit die dünne Kruste der Betroffenheit abgenagt hat und die alltäg- liche Routine mit neuen Scheinbindungen wieder einsetzt. Eine Entwicklung machen diese Menschen angesichts des plötzlichen Ablebens eines angeblich geliebten Mit- menschen nicht durch.

Darin liegt jedoch bei allem Tempo und trotz der Dichte der Inszenierung des Stückes seine Schwäche: es entwickelt sich nicht, sondern präsentiert nur immer wieder die selbe larmo- yante Lethargie der Betroffenen in verschiede- nen Facetten. Die Zustandsbeschreibung einer gesellschaftlichen Gruppe ist zwar treffend aber am Ende nicht ganz befriedigend.

Die Darsteller haben jedoch aus diesem Text alles herausgeholt was möglich war. Gerhard Herrmann - übrigens ein guter Gitarrespieler - ist ein lebendes Abbild einer selbstvergesse- nen und in ihrer scheinbaren Sensibilität nur egozentrischen Spezies, die alles möchte, nur nicht erwachsen werden. Christian Wirmer gibt einen in seinem markigen Chauvinismus eher hilflosen Bongo, der nur eins hasst: nicht "cool" zu wirken, und Nicole Averkamp schließlich lässt Nina frustiert und unentschie- den zwischen diesen menschlichen Torsen hin und her stolpern, nach einer zuverlässigen Bindung hungernd, immer in Angst vor einer bodenlosen Enttäuschung und diese Angst durch Sarkasmus überdeckend.

Das Publikum spendete Darstellern und Regisseur Benjamin Walter lang anhaltenden Beifall für eine durchaus ansprechende Leistung.