| Mystik und Musik - modern |
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Deutsche Uraufführung der Oper "L´amour de loin" in Darmstadt |
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Im 18. und 19. Jahrhundert war die zeitgenössiche Oper ein fester Bestandteil des Repertoires, um nicht zu sagen, der Normalfall. Das Publikum erwartete geradezu mit Spannung die neuesten Werke von Mozart oder Verdi, um nur zwei zu nennen. Rauschende Erfolge gehörten ebenso dazu wie durchgefallene Produktionen, auch mäßiger Applaus war durchaus nicht unüblich. Undenkbar jedoch, dass die überwiegende Mehrheit des Publi- kums zeitgenössischen Opern generell kritisch oder ablehnend gegenüber gestanden hätte. Die Rezep- tion sieht heute jedoch grundsätzlich anders aus. Auch heute erleben wir in vielen Opernhäusern rauschende Premieren-Erfolge, nur stehen meist die selben Werke dahinter wie früher, will sagen Mozart, Verdi, Wagner und ihre Zeitgenossen. Schon Richard Strauss, eigentlich ein Klassiker, findet heute nur geteilte Zustimmung des Publi- kums. Ganz selten hört man gar von begeistert aufgenommenen zeitgenössischen Opern, zumal bei ihrer Uraufführung.
Mary Anne Kruger als Clémence (r.) und Katrin Gerstenberger als Pilger Letzteres war, um es gleich vorweg zu sagen, bei der deutschen Uraufführung der Oper "L´amour de loin" Ende April 2003 in Darmstadt der Fall. Der Hessische Rundfunk hatte den seltenen Fall einer Erstinzenierung zum Anlass für einen "Live"-Bericht aus dem Großen Haus des Staatstheaters Darm- stadt genommen und gut daran getan, da die an- schließenden Interviews vor quasi "vollem Foyer" stattfanden. Doch nun zum Gegenstand der Begeisterung: die Oper basiert auf einer alten Legende um den französischen Troubadour Jaufré Rudel, der sich in eine fremde Frau in der Ferne verliebt. Als er erfährt, dass sie von seiner Liebe weiß, reist er zu ihr, erkrankt jedoch auf der Reise schwer und stirbt in ihren Armen. Wäre sie nicht mystisch, könnte man diese Ge- schichte schlicht für sentimental wenn nicht kit- schig halten. Aber die Kondensierung allgemeiner Erfahrung mit den elementaren Gefühlen der Men- schen in einer einfachen Geschichte immunisiert die Handlung für solche Kritik, und eine Inszenie- rung, die sich auf das Allgemeine hinter der vorder- gründigen Handlung konzentriert, liefert ihren Bei- trag zu einem Kunstwerk eigener Prägung und Wertigkeit. Der arabisch-französische Schriftsteller Amin Maalouf hat aus diesem Stoff ein Libretto geformt, das sich auf die drei Personen Jaufré, Clémence (die Angebetete) und den zwischen den beiden vermittelnden Pilger beschränkt. Der Chor vertritt die jeweilige Öffentlichkeit und kommentiert das Ge- schehen oder warnt die Protagonisten vor Fehlern. Die finnische Komponistin Kaija Saariaho - mit Wohnsitz in Paris - hat dazu die Musik geschrie- ben, die Stefan Blunier mit dem Orchester des Staatstheaters einstudiert hat. Regisseur Philippe Arlaud, in Darmstadt wohl bekannt, hat die Insze- nierung einschließlich Bühnenbild übernommen und Andrea Uhlmann die Kostüme. Die Oper wird in Französisch mit deutschen Übertiteln gesungen.
Im Vordergrund Hans Christoph Begemann als Jaufré Der erste Akt zeigt Jaufré (Hand Christoph Begemann) als eines zügellosen Wohllebens überdrüssigen Prinzen, der das Absolute, Sinnhal- tige sucht. Seine Freunde, dargestellt durch den Chor, wollen ihn für das alte Treiben zurückgewin- nen, als der Pilger (Katrin Gerstenberger) ihm von einer Gräfin im fernen Nordafrika erzählt, die an Schönheit, unverstellter Vornehmheit und echter Frömmigkeit nicht zu überbieten sei. Nahezu unmittelbar verfällt der für eine große Aufgabe geradezu konditionierte Jaufré in Liebe zu dieser Frau, malt sich Ihre Vorzüge aus und verfasst immer neue Huldigungslieder auf sie. Auf seiner nächsten Reise nach Afrika trifft der Pilger die Gräfin Clémence (Mary Anne Kruger) und berichtet ihr von dem fernen Verehrer. Die anfangs ob dieser "virtuellen" Zudringlichkeit indignierte Clémence fühlt sich jedoch bald geschmeichelt und beginnt, sich für diesen Fremden zu interessieren. Doch möchte sie ihn nicht treffen, um nicht in Konflikte zu geraten. Auch sie macht sich jedoch ein Bild von ihm und verdrängt die Möglichkeit einer Bindung. Als der Pilger nach seiner Rückkehr Jaufré die Entdeckung seiner Liebe und den Namen der Frau mitteilt, beschließt dieser nach anfänglichen Vorwürfen über die Indiskretion des Pilgers, die Frau unter dem Vorwand eines Kreuzzugs in Afrika zu besuchen, und besteigt mit dem Pilger ein Schiff. Auf der Reise erkrankt er schwer und landet als Sterbender im Zielhafen. Dort eilt die vom Pilger über die Situation informierte Clémence zu dem Sterbenden, erweckt ihn noch einmal aus seiner Agonie, entdeckt ihre eigene Liebe zu ihm und lässt einen Glücklichen in ihren Armen sterben. Nach einem heftigen Ausbruch gegen den ungerechten Gott und Vorhaltungen des Chors beschließt sie, den Rest ihres Lebens demütig in einem Kloster zu verbringen. Kaija Saariaho hat dazu eine so zeitgenössische wie süffige Musik geschaffen. Vieles erinnert dabei an "minimal music" á la Philip Glass: kurze Motive wiederholen sich insistierend, nur wenig oder gar nicht variiert. Die Komponistin arbeitet dabei ex- tensiv mit Klangbildungen, für die sie unterschied- lichsten Instrumente heranzieht. Dabei verzichtet sie weit gehend auf den "tutti"-Klang und lässt immer wieder das einzelne Instrument in den Vor- dergrund treten, vor allem die Flöte und andere Blasinstrumente. Die eher kammermusikalische, bisweilen solistisch anmutende Partitur unterstützt und interpretiert dabei die Emotionen auf der Bühne "hautnah". Besonders die schrankenlose und in gewissem Sinne ungerichtete Sehnsucht der Pro- tagonisten kommt in den gewählten Instrumenten und den Motiven schlackenlos zum Ausdruck. In Augenblicken heftiger Gefühlsausbrüche schreckt sie auch vor einem überfallartigen, expressiven Einsatz des gesamten Orchester nicht zurück. Doch alles fügt sich in den Rahmen der äußeren und inneren Handlung ein und wirkt nie unmotiviert. Die Musik Saariahos wirkt wie ein Sog, der Perso- nen und Publikum in sich hineinzieht. So hörte man auch in den leisen Passagen kaum einen Huster. Besonders eindrucksvoll beendet sie die Oper mit einem über hundert Sekunden ausgehalten Schlusston der Violine, begleitet von einem leise vibrierenden Kontrabass, der zum Schluss fast unhörbar ausklingt, wenn Clémence langsam in den Bühnenboden ver- sinkt - Metapher für den Gang ins Kloster - und ein assoziatives Standvideo auf der Gaze- vorhang immer kleiner wird und scheinbar in der Ferne verschwindet. Video-Installationen spielen bei dieser Insze- nierung eine wesentliche Rolle. Schon zu Beginn überdecken bewegte Videosequenzen auf dem vorgelagerten Gaze-Vorhang die statischen Szenen auf dem zweiten Vorhang. Später symbolisieren schwimmende Rochen - mancher hat sie anfangs für fliegende Tauben gehalten - die Wanderung der Gedanken über die Entfernung und Galopp-Passagen eines übergroßen Pferdes mit Reiter die Reise. Im Hintergrund erscheinen alte Portraits eines Troubadours oder einer schönen Frau - streng und eindringlich wie im Mittelalter üblich - oder abstrakt-surrealistische Gebilde aus verschlun- genen Figuren und drohenden Wolken symbo- lisieren phantastische Träume. Das statische Bühnenbild ergänzt die Videos in idealer Weise. Zwei große kubisch-quader- förmige Blöcke charakterisieren Burg und Bühne (des Troubadours), unterschiedlich große, weiße Würfel hängen wie surrealisti- sche Planeten im Bühnenraum als Metaphern für die Einsamkeit des Einzelnen im mensch- lichen Universum. Die Beleuchtung wechselt je nach szenischer Atmosphäre zwischen war- men Orangetönen - für Clémence -, einem satten Blau als Bild des männlichen Intellekts, expressionistischen Farbspielen bei Gefühls- wallungen und einem fahlen Grau-weiß, wenn Jaufré stirbt. Die Liebesgeschichte selbst verbildlicht die Vergeblichkeit einer fernen Liebe, die sich ein Idealbild von dem Anderen zusammenbaut, das der Realität selten entspricht und zum Ersterben der Liebe beim tatsächlichen Aufeinandertreffen führen muss. Damit wäre jedoch nur eine Interpretation der Geschlech- terbeziehung und ihrer Gefahren gegeben. Über diese eher lebensnahe Deutung hinaus steht der Ablauf des Geschehens jedoch auch für das menschliche Streben nach Erkenntnis. Die Frau symbolisiert dabei die absolute Er- kenntnis dessen, "was die Welt im Innersten zusammenhält", und die Liebe das Streben danach. Erkenntnis des Wahren ist nur zum Preis des Lebens möglich oder "der Weg ist das Ziel". Wenn wir dort angelangt sind, müssen wir sterben, ähnlich Moses, der nach vierzig Jahren angesichts des gelobten Landes seinen Lebenslauf vollendete. Die Darmstädter Inszenierung hat all dies angelegt, ohne eine bestimmte Interpretation plakativ in den Vordergrund zu stellen. Gerade die unprätentiöse aber eindringliche Darstel- lung der Protagonisten und ihrer inneren Ge- fühlswelten eröffneten einen breiten Interpreta- tionsspielraum, ohne deshalb der Gefahr der Unverbindlichkeit zu verfallen. Eine gut erzähl- te Geschichte spricht für sich selbst und schafft ihren Bedeutungsraum aus sich selbst heraus. Die Darsteller meisterten ihre Rollen durchweg glänzend. Mary Anne Kruger verlieh der Clémence das richtige Maß an Stolz und unerfüllter Sehnsucht. In dieser Rolle konnte sie ihre lyrischen Fähigkeiten besonders gut ausspielen. Hans-Christoph Begemann hatte einen von Emotionen zerrissenen Jaufré darzustellen, der alle Bewusstseinszustände zwischen Sehnsucht, Verzweiflung, Todes- angst und höchstem Glück durchläuft. Er wurde dieser Rolle in hohem Maße gerecht und nahm dafür auch von allen Darstellern den größen Beifall entgegen. Katrin Gerstenberger, laut vorheriger Ansage durch eine kurzfristige Erkältung indisponiert, ließ davon allerdings nichts spüren und meisterte ihren Part des Pilgers ebenfalls souverän. Der Chor war von André Weiß war wie immer hervorragend eingestellt und zeigte sowohl stimmliche als auch szenische Sicherheit. Das Orchester unter der Leitung von Stefan Blunier hatte einen besonders schweren Part zu bewältigen, stellt die auf unterschiedlichste Klangfärbungen beruhende Wirkung von Kaija Saariahos Musik doch höchste Anforderungen. Im Gegensatz zur klassischen Musik fehlen feste Takteinteilungen fast völlig und müssen duch erhöhte Aufmerksamkeit und musikali- sches Einfühlungsvermögen aller Beteiligten ersetzt werden. Dazu ist den einzelnen Stimmen immer wieder genügend Raum zur Entfaltung ihrer Wirkung einzuräumen. Nicht zuletzt auch die intensive Nutzung von Pausen - eine dauerte fast eine Minute ohne irgend- welche szenischen Aktivitäten - stellten höchste Anforderungen an das Ensemble. Die Musiker wurden diesen Ansprüchen in höchs- tem Maße gerecht, und Stefan Blunier nahm dafür den verdienten Beifall des Publikums entgegen. Neben ihm und den Darstellern erhielt diesmal - eine Seltenheit - auch die Regie uneinge- schränkten Beifall. Im Rund des Großen Hauses war kein einziges "Buh" zu hören. Einhellig entbot das Publikum dem gesamten Ensemble sowie den ebenfalls anwesenden Kaija Saariaho und Amin Maalouf "standing ovations". In der anschließenden "Talkshow" des Hessichen Rundfunks im Foyer hatten die Zuschauer dann noch Gelegenheit, einigen Ausführungen von Regie, Musik und Autoren zu lauschen und den Beifall noch einmal zu bekräftigen. Copyright für alle Bilder dieser Rezension bei Cornelia Illius |