| Liebe und Nationalstolz mit Herzblut |
![]() |
Verdis Oper "Attila - der Hunnenkönig" konzertant in Darmstadt |
|
Opernfreunde rümpfen bei konzertanten Aufführungen bekannter Opern gern die Nase. Riecht es doch nach Kosteneinsparung und mangelnder szenischer Phantasie. Außerdem möchte der Opernfan natürlich "etwas fürs Auge" haben. Ohne die dramatische Bühnenhandlung, ein ausladendes Bühnenbild und farbige Kostüme ähnelt es für viele den nicht gleicher- maßen geliebten Sinfoniekonzerten.
Elena Pankratova und Scott MacAllister Und doch gibt es immer wieder Beispiele von konzertanten Aufführungen, die das Publikum von den Stühlen gerissen haben, so Wagners "Walküre" im Jahr 2000 in Darmstadt. An diese erfolgreiche Tradition wollte das Staaam 9. November 2002 mit einer konzertanten Aufführung von Giuseppe Verdis Oper "Attila - der Hunnenkönig" anknüpfen. Außer dem zunehmend ausschlaggebenden Argument der Kosten gab sicher das Libretto den Ausschlag für die konzertante Version dieser Inszenierung. Ist doch die Handlung eher von Nationalstolz durchdrungen, der sicher ins Italien des 19. Jahrhunderts mit seiner zerrissenen Struktur und den fremdbestimmten nördlichen landesteilen passt, heute jedoch eher anachronistisch anmutet. Darüber hinaus hatten die Librettisten den historischen Hintergrund mit viel Druck und Phantasie in das dramaturgische Korsett dieser Oper gepresst. Da werden offensichtliche militärische Gründe für Attilas Rückzug in ein christliches Wunder umgedeutet, und die Tatsache, dass ein fremdes Heer das römische Imperium überfällt, das seinerseits über Jahrhunderte ganz Europa und Kleinasien in bestem imperatorischem Stil unterjocht hatte, wird als grau- sames Gemetzel eines blutrünstigen Barbarenhaufens an einem unschuldigen Volk dargestellt. Alles, was die Italiener zum Aufbegehren animieren konnte, wurde in dieses Libretto gefüllt. Darunter leiden auch die Logik des Ablaufs und die Charaktere, die alle nur Prototypen wiedergeben. So die Heroine Odabella, die selbst ein Attentat auf Attila verrät, nur um selbst die Rache ausführen zu können, oder Foresto, der von der ersten bis zur letzten Minute vor politischer Empörung und persönlicher Eifersucht geradezu kocht. Daher sei die Handlung nur in wenigen dürren Worten erzählt: Attila hat die furchtlos kämpfende Odabella gefangen genommen, die den Tod ihres Vaters rächen will, und plant, als nächsten Rom anzugreifen. Der römische Gesandte will sich mit ihm - im stillen Verrat - die Welt teilen, erhält jedoch eine Abfuhr. Odabellas Geliebter Foresto trifft diese an Attilas Hof und hält sie für eine Verräterin. Der Papst selbst kommt und hält - oh Wunder - Attila vom Weitermarsch ab. Odabella verrät die geplante Vergiftung Attilas und soll zum Dank seine Gattin werden. Im Schlussbild treffen alle im Wald zusammen, draußen treten die römischen Legionöre zum - erfolgreichen - Gegenangriff an, Odabella ersticht Attila und versöhnt sich mit Foresto. Die Oper lebt heute nicht mehr von ihrer inhaltlichen Aussage sondern nur noch von Verdis wieder einmal unverwechselbarer Musik. Die Dramaturgie ist auf äußerste Wirkung der Arien, Duette und Terzette ausgelegt. Vor allem die großen Arien von Odabella und Foresto enden üblicherweise in einer Art Generalpause - viel Raum für Beifall; und den gab es bei der Premiere nicht zu knapp.
Friedemann Kunder als Attila; im Hintergrund Franz Brochhagen Elena Pankratova brillierte mit einer fehlerlosen Partie und meisterte vor allem den "Kaltstart", der sie bereits in der ersten Szene zu gewaltigen Gefühlsausbrüchen und Stimmleistungen zwang. Sowohl die dramatischen als auch die lyrischen Passagen liegen dieser Sängerim offensichtlich, und sie sonnte sich bei der Premiere geradezu im berechtigten und begeisterten Beifall des Publikums. Auch Scott MacAllister gewann der Rolle des Foresto viel Dynamik und emotionelle Bandbreite ab. Obwohl sehr stark auf den gedruckten Text angewiesen, brachte er die Gefühlslage des sein Heimatland und seine Verlobte gleichermaßen Liebenden überzeugend zum Ausdruck. Anton Keremidtchiev überzeugte als römischer Gesandter Ezio mit viel Stimme und deutlicher Modulation des Textes. Auch bei ihm wurden der Charakter und die Absichten der Libretto-Figur lebendig. Friedemann Kunder dagegen startete recht statisch und trat eher als ein Opernsänger auf, der den Attila singt, denn als derselbe. Nichts deutete auf die Brutalität oder das Charisma eines kompromiss- losen Eroberers hin, er wirkte eher wie der Sprecher eines Aufsichtsrates. Im Laufe der Aufführung gewann er jedoch etwas an Ausdruckskraft, auch wenn er nie die Durchschlagskraft seiner Mitsänger erreichte. Radoslav Damianov als Diener Uldino und Hans-Joachim Porcher als Papst Leo I. überzeugten im Rahmen ihrer begrenzten Rollen. Das Orchester unter der Leitung von Franz Brochhagen servierte Verdis "süffige" Musik mit viel Verve und dabei doch exakt wie gewohnt. Besonderes Lob verdienten sich die Flöten, die in dieser Oper einige schwierige Solo-Passagen - so der Sonnenaufgang - zu bestehen haben. Franz Brochhagen dirigierte mit Umsicht und achtete dabei genau auf Synchronität mit den an der Rampe singenden Solisten. Der Chor - diesmal räumlich nach männlichen und weiblichen Stimme getrennt, kommentierte das Geschehen aus dem Hintergrund, gut einstudiert von André Weiß und der Aufführung damit einen breiten Rahmen verleihend. Die weit gehend einstimmigen Chorsätze beeindruckten gerade wegen ihrer monolithischen Macht. Das Publikum dankte den Sängern und dem Orchester mit lang anhaltendem, begeistertem Beifall und kräftigen "Bravo"-Rufen. Das Ensemble nahm diese Ovationen dankbar entgegen. |