Beklemmende Ereignislosigkeit

Ernst Jandls Sprachspiel "Aus der Fremde" im Werkstatt-Theater
Der Östrerreicher Ernst Jandl erlangte bereits in den sechziger Jahren Bekanntheit durch seine eigenwilli- gen und zur herkömmlichen Lyrik konträren Sprach- spielereien. Aus dem weniger umfangreichen - und bekannten - Repertoire seiner Theaterstücke hat jetzt die "Werkstatt-Bühne" des Staatstheaters Darmstadt die Sprechoper "Aus der Fremde" inszeniert. Verantwortlich für die Regie ist Elisabeth Krejcir, die selbst herausragende Rollen in Inszenierungen des Darmstädter Schauspiels übernommen hat.


Gerhard Hermann ("er") beim schriftstellerischen Akt

Der Begriff "Sprechoper" verwirrt anfangs, assoziiert man diese Kunstgattung doch gerne mit Musik und vor allem dem gesungenen Wort. Doch schon an dieser Bezeichnung erklärt sich Jandls Verhältnis zur Sprache. Sie ist ihm nicht nur Vermittlung von Gedach- tem und Informativem sondern immer auch Lautmale- rei, ja sogar Musik, wenn man so will. Und von der ersten Sekunde an gewinnen die gesprochenen Sätze melodischen und rhytmischen Charakter, entwickeln eine eigene musikalische Qualität, die man durchaus mit der einer Oper gleichsetzen kann. Erst mit dieser Eigenschaft kann Sprache auch emotionale Inhalte außerhalb des semantischen Wortgehalts transportie- ren und transintellektuelle Erkenntnisse vermitteln.

Die Handlung - oder sollen wir besser "das Libretto" sagen - ist denkbar einfach und beschreibt 24 Stunden im Leben eines etwa fünfzigjährigen Schriftstellers, der sich in einer depressiven Phase befindet. Die Szene beginnt mit dem Abend, wenn "er", so die Bezeichung des Protagonisten, und "sie" zusammensitzen. Die beiden bilden ein offensichtlich befreundetes, aber nicht erotisch verbundenes Schriftstellerpaar, innerhalb dessen jede der Personen typische Rollen einnimmt. Er die männliche Erfolgsrolle, deren mangelhafte Er- füllung ihn in die Depression treibt, sie eine dienende, fast devote weibliche Rolle, die sie permanent zu haus- hälterischen Arbeiten und zum Herunterspielen ihrer eigenen schriftstellerischen Leistungen ihm gegenüber zwingt.

"Er" verbringt den Tag mit Verschlafen, verschiedenen verdrängenden Tätigkeiten wie Einkaufen und Bearbei- ten der Post, nimmt äußerst frugale Mahlzeiten zu sich und schielt immer wieder zur Whiskey-Flasche, aus der er sich schon nachmittags zur Belohnung für geleistete (?) Arbeit einen Schluck gönnt. Abends, nach einem äußerst kurzen Exkurs in die schriftstelle- rische Kreativität, lädt er "sie" wieder zum Abendessen ein, womit das Spiel von Neuem beginnt. An diesem Abend kommt jedoch noch ein weiterer Besucher, "er2" genannt, mit dem sich eine hitzige Diskussion unter Dreien über die allgemeinen und aktuellen Prob- leme der kreativ Tätigen entwickelt.

Um der Sprache als elementarem Kommunikations- mittel die entsprechende Bedeutung zu verleihen, greift Jandl zu einem Kunstgriff. Anstatt die Dialoge in nor- maler Umgangssprache zu gestalten, kleidet er alle Aussagen in die indirekte Rede, einschließlich gele- gentlichen Konjunktivs, und lässt die Personen von sich und den Anderen nur in der dritten Person spre- chen. Das klingt dann in etwa so wie ein laut vorgele- sener Walser-Roman, wobei jedoch Jandl die Sprache noch mehr ausbildet. Es sind nicht nur einfache Sätze in der indirekten Rede, sondern rhythmisch struktu- rierte Wortgebilde, die oftmals anmuten wie antike Hexameter (es sind keine Hexameter im Wortsinne) oder wie die Hochsprache der deutschen Klassik und Romantik.

Die Wörter werden bewusst umgestellt, um eine bestimmte Wirkung zu entfalten, und auch die Wahl der Worte selbst dient lautmalerischen, zuweilen alliterativen Effekten. Einmal lässt Jandl - oder ist es ein Regie-Einfall? - die Personen sogar in einen rezitativen Gesang verfallen, wie wir ihn vor allem von Barockopern kennen.

Die Wirkung dieser distanzierenden Sprachform ist erstaunlich und reizt die Zuschauer anfangs zum Lachen, auch wenn die dargestellte Situa- tion durchaus nicht zum Lachen ist. Mit zuneh- mender Dauer nimmt das Geschehen das Publi- kum jedoch gefangen und die Lacher verstum- men. Sie kommen erst wieder bei echten Slap- stick-Situationen auf, so wenn "er" ein Quarkbrot mit der bestrichenen Seite auf den Boden fallen lässt, über die Art des Falls sinniert und an- schließend die Schweinerei mit Handfeger(!) und Müllschaufel zu beseitigen sucht.

Trotz dieser ins Groteske überzeichneten Situa- tionen und ihrer ob der "gestelzten" Ausdrucks- weise komischen WIrkung entwickelt das Stück eine existenzielle Wucht, die dem Zuschauer die Selbstmord-Gedanken des Schriftstellers und die Ängste von "ihr" greifbar werden lassen. Je weiter das Geschehen fortschreitet, desto weniger ungewöhnlich kommt dem Besucher die Sprache vor. Sie erst verleiht einem Stück seine Wirkung, das sich sonst in die endlose Reihe von Identi- tätskrisen-Melodramen einreihen würde.

Zu dieser Wirkung trägt einmal die konsequente Regie von Elisabeth Krejcir bei, die gerade durch die groteske Komponente ein Versinken im Welt- schmerz à la Thomas Bernhard vermeidet und dem Stück Tempo verleiht. Zum Anderen jedoch sind die schauspielerischen Leistungen erst der Garant für diese Wirkung. Da ist vor allem Gerhard Hermann zu nennen, der als "er" ein wahres Feuerwerk an Gestik und Mimik veran- staltet. Wie er die verschiedenen Seelenzu- stände zwischen Frust, Depression, Agression und gespielter Überlegenheit widergibt, ist schon bewundernswert, vor allem, da er sich dazu pausenlos der beschreibenden indirekten Rede bedienen muss.

Franziska Sörensen als "sie" steht ihm in Nichts nach, auch wenn sie den weniger umfangreichen und expressiven Part hat. Schließlich geht es um "ihn" und nicht um "sie". Auch sie hat alle mimi- schen Mittel parat, um die verschiedenen und schnell wechselnden Befindlichkeiten einer Frau zwischen Kunst und einem depressiv-eifersüch- tigen Partner darzustellen. Matthias Rott als "er2" spielt einen etwas aufgeblasenen jungen Mann, der sich gern in Monologen ergeht und sich dabei leicht einmal im Ton vergreift, mit Routine und Gespür für das geleckte Wesen dieser Figur.

Bühnenbild und Kostüme könnte man als Rück- schau in die späten siebziger Jahre werten, so den Cord-Anzug von Gerd Hermann oder die - scheußliche - Perücke von Franziska Sörensen im ersten Bild. Aber dieser Hinweis ist eher dezent als aufdringlich. Ansonsten hatte man im Werkstatt-Theater wieder einmal eine veritable Kulisse mit zwei Eingängen (wie im Boulevard- Theater ;-) ) geschaffen, die nicht nur das schnelle Umkleiden sondern auch Hintergrund- Szenen unterstützt.

Das Publikum würdigte die Leistung von Regie und Ensemble mit einhelligem, deutlich mehr als freundlichem Beifall, der vor allem bei Gerhard Hermann zu recht mit Bravo-Rufen durchsetzt war.