Mediensatire um Realität und Fiktion

"The Making of B-Movie" von Albert Ostermaier in Darmstadt
Zum Verständnis dieses mehrbödigen Stückes von Albert Ostermaier ist es wichtig, die einzelnen Spiel- ebenen zu erkennen und - soweit möglich - vonein- ander zu unterscheiden. In einem Satz gesagt geht es darum, die Enstehung eines Filmes ("B-Movie") zu zeigen, der den Aufstieg eines Theaterstars zum Thema hat, der wiederum ein Theaterstück inszeniert. Theater im Film im Theater - so sieht das Plot aus.

Brom (Axel Holst) und die Kultur-Schickeria

Sobald sich der Vorhang hebt, präsentiert sich ein Filmstudio, in dem ein Schauspieler namens Holst - hier trägt der Filmschauspieler den selben Namen wie der "reale" Theater-Darsteller! - einen versoffenen und gescheiterten Schriftsteller spielt, der sein kümmer- liches Leben mit einer Schwarzen in einem herunter- gekommenen, heißen Loch fristet. Aus dem "Off" kommen kurz und sachlich die Regie-Anweisungen, die jeweils mit einem "Action!" enden. An der Rück- wand der Behausung beginnen drei Ventliatoren sich träge zu drehen, und Broms Freundin räkelt sich im zerwühlten Bett. Wie im "Prolog im Himmel" wird hier der Handlungsrahmen abgesteckt, ohne die handeln- den Subjekte der Rahmenebene, eben die Regie, ins Spiel mit einzubiehen. Um diesen Rahmen zu verdeut- lichen, wird noch zwei Mal während der Aufnahmen mit Kleinigkeiten Referenz auf die Rahmenhandlung genommen, so wenn der Schauspieler Holst einen Schuh verliert oder wenn eine Szene wegen Tonaus- falls wiederholt werden muss. Dieser letzte, deutliche Hinweis auf die Rahmenhandlung ist wichtig, weil fortan die Regieanweisungen - bis zum Ende - weg- fallen und die Geschichte sich nur noch in der Ebene des Fims und der darin entstehenden Theaterproduk- tion abspielt.

Der verlotterte Poet André Müller (Axel Holst) erhält erst einen Brief und dann den Besuch seines Freundes Silber (Michael Witte). Nomen est omen: Brom und Silber sind zwei wichtige Grundelemente der Film- industrie. Schon das Wiedersehen ist eine Persiflage auf den großen Kitschfilm, gehen die beiden Freunde doch mit großer Geste und ausgebreiteten Armen zur Winnetou-Musik vor einem blutroten Bühnenhimmel aufeinander zu, aneinander vorbei und treffen sich erst nach dem Umdrehen. Erster Lacher! Silber plant, Müller in Deutschland als "Söldner-Poet" unter dem Namen Brom zu verkaufen, der gleichzeitig erbar- mungslos Menschen killt und die schönste Lyrik ver- fasst. SIlber hat - für Brom - ein Theaterstück entwor- fen, das dieser vollenden und der Kultuschickeria zu Hause um die Ohren hauen soll und diese von einem wolllüstigen voyeuristischen Erstaunen ins andere versetzen soll. Anschließend will er - mit viel Geld in der Tasche - die Fälschung öffentlich enttarnen und das Publikum düpieren.

Der anfangs dank seiner Alkoholexzesse zur konzent- rierten Mitarbeit unfähige Müller kann angesichts seiner desolaten Lage durch Bettelei die frühe Aufgabe des Projektes seitens des enttäuschten Freundes ver- hindern und findet sich langsam in seine Rolle . Bei dem ersten Auftritt in Deutschland vor einer Kunst- Mäzenin (Nicole Averkamp) spielt er überzeugend den zynischen, alle Regeln des bürgerlichen Anstands verachtenden Provokateur und erntet tatsächlich, wie von Silber vorausgesehen, die pseudo-tolerante und gewalt-gaile Bewunderung von Kritikern und Medien- experten. Die Mäzenin betrachtet ihn lediglich als gute Geldanlage, sieht sie doch, dass man dem Publikum alles verkaufen kann, wenn es nur ausgefallen ist und die Elemente "Sex & Crime" beinhaltet. Obwohl Brom- Müller ihr sofort ihre Geliebte ausspannt und diese dann auf mieseste Art davonjagt, stört das die Investi- tionslust der Gönnerin nicht. Als sie sich erotisch an ihm gütlich tun will, schlägt er stattdessen eine Kuppelei zwischen ihrer beider ehemaligen Geliebten und dem kurzfristig von Brom verführten hübschen Assistentin Johannes vor, um ihnen bei dem mehr oder minder erzwungenen Liebesspiel zuzuschauen. "Les liaisons dangereuses" lassen grüßen.

Als selbst der Intendant des führenden Theaters auf Broms finanzielle Erpressung eingeht, erkennt dieser die Macht seiner Figur, entzieht seinem Freund Silber die Idee und die Regie darüber, besetzt das Stück mit sieben Frauen um und schwingt sich selber zum Diri- genten der ganzen Veranstaltung auf. Silber, der eigentlich neben einem guten Zubrot die Entlarvung einer skandalgailen Öffentlichkeit im Sinn hatte, wird abserviert. Die Brom-Idee wird zum Selbstläufer des Namensträgers, der mehr und mehr die Charakterzüge seiner Figur verinnerlicht und deren Macht zu schätzen und zu nutzen weiß.

Brom und Emilie (Britta Hübel)

Selbst die grausigsten und offensichtlich unsinnigsten Zutaten zu seinem Theaterstück - ein Pferd soll auf der Bühne geschlachtet und gehäutet werden, kann er schließlich bei der Intendanz und bei der entsetzten Schauspielerin (Iris Melamed) durchsetzen. Das Thea- terstück (im Film auf dem Theater!) schließlich endet mit dem furiosen Auftritt seines Frauenensembles mit Iris Melamed im Tarnanzug in der Mitte, einer einzigen blasmephischen Huldigung der Gewalt. Intendanz, Kritik und Publikum sind begeistert, der Champagner fließt in Strömen und Brom schließt den entsetzten und gedemütigten Silber in die Arme, um ihn zu erstechen.

Schluss, Klappe, die letzte Szene ist im Kasten, wir befinden uns wieder in der äußeren Rahmen- handlung der Dreharbeiten zum "B-Movie". Und nun kommt das Erstaunliche: Silber,dessen Tod eben noch in der Filmszene von der Schickeria in groteskem Missverständnis als letzte bahnbre- chende Idee und schauspielerische Glanzleistung bejubelt wurde (obwohl er sich in echter Agonie auf dem Boden wandt) bleibt nach der Klappe liegen und erweist sich auch außerhalb der Filmszene als Leiche. Nicht nur Brom hat SIlber getötet, sondern auch der(Film-)Schauspieler Holst den (Film-)Schauspieler) Witte. Das setzt dem Verwirrspiel die Krone auf, war doch das Verhältnis der beiden Schauspieler während der Dreharbeiten kein Thema. Mit dieser Volte am Schluss verweist Ostermaier zurück auf die Realität und macht sie zum Teil der Fiktion (oder die Fiktion zum Teil der Realität). Aart Veder, der Moderator in den diversen Talkshows, setzt den Schlusspunkt, wenn er direkt ans "reale" Publi- kum die Frage nach einem Arzt stellt. Da konnte man nur noch befreit aufatmen, als Michael Witte sich zum Schlussapplaus tatsächlich quick- lebendig erhob und lachend den Beifall entgegen nahm.

Die Verquickung von echter und medialer Realität ist der zentrale Punkt in Ostermaiers Stück. Durch die Verzahnung der Spielebenen sowie wohl kalkulierte Brüche und Wechsel zwischen den einzelnen Ebenen konterkariert Ostermaier den "Guckkasten-Effekt". Das Theater mutiert plötzlich von der Spielstätte einer fiktiven Hand- lung zum Ort des Realitätseinbruchs. Darum auch die "Vererbung" des Mordes durch zwei Spielebenen. Gegen eine weitere Vererbung dürfte Michael Witte Einwände erhoben haben....

Neben diesem konsequent durchgehaltenen Handlungskonzept strotzt das Stück vor Zitaten und Anspielungen auf Literatur, Theater und Kulturleben. Die FIgur Broms erinnert an Brechts Baal, verstreute Dialoge aus "Hamlet" und "Julius Caesar" erweisen Shakespeare Reverenz, die "externen" Regieanweisungen zitieren den Prolog des "Faust", und die Talkshow-Runde aus ange- sichts eines nahezu entmenschten Broms hyper-toleranten Kulturexperten verweisen auf die Flut billigster Seelenentblätterungen im Fernse- hen. Da sind dann der wedelnde Zeigefinger eines Kritikers, sowie der Schlussspruch der Talkshow "... der Vorhang zu und alle Wunden offen..." fast schon etwas zu dick aufgetragen, fanden aber dankbare Lacher. Wenn die gesamte Talkshow- runde zwischendurch wie in einen Höllenschlund abtaucht, aus dem weißer Qualm aufsteigt und nur noch vereinzelte Köpfe ihre gestanzten literatur-kritischen Kommentare ins Publikum werfen, dann gemahnt das an die "Hölle" der Talkshows und den Nebel der Worte.

Eines der wichtigsten Elemente dieser Inszenie- rung sind die Video-Installationen, die das Geschehen auf der Bühne begleiten und ergän- zen. Große, die gesamte Bühnen-Rückwand einnehmende Aufnahmen der Protagonisten und einzelner Abläufe wechseln sich ab mit mehreren in die Rückwand eingebauten Bildschirmen, die ebenfalls bestimmte Szenen multiplizieren, so etwa die Talkshow im Vordergrund. Besonders eindrucksvoll gelang das Zwiegespräch zwischen dem verzweifelten Silber und dem siegessatten Brom, das im Hintergund durch ein überlebens- großes Portrait des kahlköpfigen Brom mimisch kommentiert wird.

Die Darsteller waren durchweg mit viel Engage- ment in diesem so grellen wie aggressiven Stück bei der Sache. Vorneweg Axel Holst als zuneh- mend unausstehlicher, brutaler und Menschen verachtender Egozentriker, Michael Witte als sein anfangs smarter, später verzweifelter Freund Silber, Nicole Averkamp als kühl kalkulierende Mäzenin, Britta Hübel als ihre und Broms arg herumgestoßene Geliebte Emilie und Matthias Rott als enttäuschter jugendlicher Geliebter. Iris Melamed zeichnete sich nicht nur als verzweifelte Schauspielerin, sondern auch als Zentrum der militanten Frauen-Tanzgruppe aus, und Pia Ampaw spielte die farbige Freundin Broms im schwülen Afrika mit Herz und dem richtigen Maß an Verzweiflung. Bleibt noch die "Medien-Truppe" mit Aart Veder als so wendigem wie prinzipien- losen Talkmaster, Hubert Schlemmer als schwa- dronierenden und um die Prominenz scharwän- zelnden Kritiker sowie Till Sterzenbach als nur dem finanziellen Erfolg des Theaters verpflichte- ten Intendanten zu nennen. Diese drei gaben wirklich ein bitterböses Abbild der Medienland- schaft zum Besten und ernten dabei viel im Halse stecken bleibende Lacher.

Das Premieren-Publikum bedachte die so tempo- reiche wie provokative Inszenierung mit begeister- tem Beifall und vielen Bravo-Rufen vor allem für Axel Holst.