| Längen ohne Lachen |
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Alan Ayckbourns "Schöne Bescherungen" im Darmstädter Staatstheater |
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Eine alte Theaterweisheit besagt, dass Komödien die höchsten Anforderungen an Regie und Ensemble stellen. Während das Drama oder die Tragödie die Emotionen und damit die Darstellung in einer stabilen Endlage ansiedeln, bewegt sich die Komödie immer auf dem schmalen Grat zwischen platter Albernheit und falschem Tiefsinn. Gute Darsteller können auch mäßige Stücke ernsten Inhalts retten, selten aber Komödien minderer Qualität. Wenn sie nicht an Peinlichkeit sterben, dann an Langeweile.
Tête-à-tête zwischen Belinda und Clive Regisseur Nikolaus Küchel präsentierte am 14. Dezember im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt saisongerecht die Komödie "Schöne Bescherungen" des britischen Autors Alan Ayckbourn und versuchte, die oben beschriebenen Klippen zu umschiffen. Der Ausgangspunkt verspricht geistreichen Witz und Situationskomik. Belinda und Neville haben Freunde und Verwandte zum Weihnachtsfest eingeladen. Gekommen sind der noch rüstige Onkel Harvey, Nevilles zum Alkohol neigende Schwester mit biede- rem Ehemann Bernard, Belindas allein stehende Schwester Rachel und Nevilles ehemaliger Kompagnon Eddie mit hoch schwangerer Frau Pattie. Dazu hat Rachel, Sekretärin eines Kulturvereins, den jungen Schriftsteller Clive Morris mitgebracht, der im Verlauf des Weihnachtsfestes, unfreiwillig, festgefahrene Ehen und lieb gewordene Einstellungen ins Schwanken bringen wird. Rachel liebt natürlich den jungen Clive, würde dies jedoch nie zugeben, spielt nach außen die allem Niedrig-Erotischen Abgeneigte und trägt ansonsten einen so unübersehbaren wie verständlichen Frust zur Schau. In dreifachbödigen Taktiken versucht sie Clive ein Liebesbekenntnis zu entringen, was dieser jedoch als Vorwurf auffasst und im besten Schuldbewusstsein jegliches erotisches Interesse an Rachel von sich weist. Das Herz der durch einen der Heimwerkerei verfallenen Ehemann frustrierten Belinda hat er jedoch durch unerwartete Gastgeschenke und kleine Kompli- mente im Sturm scheunentorweit geöffnet, so dass diese kaum noch die Contenance wahren kann, wovon er selbst aber wenig ahnt. Im Verlauf des alkohol- reichen Abends muss er sich erst der direkten eroti- schen Attacken von Phyllis erwehren, die letztlich nur am Alkoholisierungsgrad von Phyllis scheitern, erliegt dann jedoch Belinda, die Clive, als die anderen Männer sturztrunken in ihren Betten liegen, in ein finales Tête-à-tête lockt, das aber leider kurz vor dem Höhepunkt unter dem Weihnachtsbaum in einem Disaster endet. Am nächsten Morgen kommen alle zusammen als sei nichts geschehen. Man verdängt die diversen eroti- schen Auswüchse, gibt fehlendes Gedächtnis vor und schreibt alles dem Alkohol zu. Ein um Entschuldigung suchender Clive kann da nur stören. Bernard sieht seine Frau eher als erschöpft denn besoffen und bereitet ungerührt die Generalprobe seines von Allen gehassten endlosen Puppenspiels vor, bis Onkel Harvey der Geduldsfaden reißt. Am Schluss dreht sich das Stück sogar noch ins Pseudo-Dramatische und endet in entsagenden und selbstkritischen Bekennt- nissen.
Karin Klein als Belinda Die Schwäche des Stücks zeigt sich gleich zu Beginn, wenn Karin Klein als Belinda auf optisch in jeder Hin- sicht sehr ansprechende Art in luftiger Höhe auf der Leiter den raumhohen Weihnachtsbaum schmückt und dabei kleine Streitigkeiten mit ihrem Ehemann (Gerhard Hermann) austrägt oder sarkastische Bemerkungen über die in der Küche wütende Phyllis (Franziska Sörensen) von sich gibt. Die Szene enthält zwar einige Komik, zieht sich dafür jedoch viel zu sehr in die Länge und wiederholt sich obendrein. Auch der im Nebenzimmer ununterbrochen uralte Fernsehilme - wie immer zu Weihnachten - konsumierende Onkel Harvey (Klaus Ziemann) kann mit seiner lautstarken Kommentierung des Bildschirmgeschehens nicht allzuviel zur Komik beitragen, ebenso wenig wie Olaf Weißenberg als Bernard, der etwas umständlich Kiste um Kiste seines Puppentheaters herbeischleppt. Rachel (Nicole Averkamp) ruft mit ihrer verbissenen, zwischen Jungfer und Feministin changierenden Art beim Publikum zwar Schmunzeln, aber wenig befreiendes Lachen hervor, und die Rollen des stumpfen und nur Comics konsumierenden Eddie (Christian Wirmer) und seiner nur ihre Schwanger- schaft vor sich her tragenden Ehefrau Pattie (Susanne Burkhardt) geben auch nicht sehr viel komische, eher schon traurige Aspekte ab. Auch die Rolle von Clive Morris (Tino LIndenberg) ist eher die eines verwunderten Zuschauers, der unvorbereitet von einer Fallgrube in die nächste stürzt, aber provoziert nicht gerade Lachstürme. Besonders das Ende fällt ab, wenn Onkel Harvey einen völlig unmotivierten "Shoot Down" startet und das Ganze in Blut und Fast-Tod endet. Doch trägt diese Wendung weder Elemente des "schwarzen Humors" noch - was sowieso nicht beabsichtigt war - eine gezielte Entlarvung im Sinne eines gesellschaftskritischen Dramas. Im Kontext dieser Komödie wirkt das Ende unpas- send, genauso wie die abschließenden Lebens- beichten und Verzichtarien, die dem Stück zum Schluss den falschen Glanz eines Erkenntnis- dramas verleihen (sollen?). Insgesamt krankt das Stück an der zu geringen komischen Spannung. Die Dialoge sind zwar im Ansatz witzig, die Beobachtungen der Charaktere treffend und satirisch genau, aber daraus macht Alan Ayckbourn eher eine elegische Betrachtung typischer Familien- und Eheverhältnisse denn eine temporeiche Komödie. Zu wenig Wirbel, zu viele Worte, zu viele Wiederholungen des immer Gleichen. Vielleicht hätte man durch eine radi- kale Verkürzung unter Verzicht auf die Pause das Stück retten können, aber auch dann hätten die Dialoge noch zugespitzt werden müssen. Es war wie soft in solchen Fällen: das Ensemble hat mit großem Engagement versucht, das Beste aus diesem Stück zu machen, aber dabei gegen die Längen und die falsche Regie kämpfen müssen. Nicht umsonst hatte man schon die besten Kräfte des Theaters versammelt, um dieser Komödie zum Erfolg zu verhelfen. Das ist leider nur in begrenztem Maße gelungen, was an den zahmen Szenenlachern zu erkennen war. Man fragt sich außerdem, weshalb die Premiere dieses Weihnachststückes ausgerechnet Mitte Dezember stattfand. Will man den Weihnachts- baum denn noch an Fastnacht oder zu Ostern schmücken......? Das Publikum hat dies offensichtlich genauso gesehen und das Ensemble - einschließlich Regie - nur mit freundlichem Beifall verabschie- det. Nur einzelne Verwandte und Freunde der Darsteller streuten Bravos ein. |