Die Fesseln von Wohlstand und Freiheit

Thea Dorns bissige Satire "Bombsong" auf die Wohlstandskinder
"Es ist unfair, einen Menschen achtzig Jahre lang in Frieden, Freiheit und Wohlstand zu lassen". Dies ist einer der Kernsätze des Einakters der Berliner Autorin Thea Dorn. Zwei junge Frauen - Nicole Averkamp und Iris Melamed - springen auf die Bühne und schleudern dem Publikum eine seltsame Anklage ins Gesicht: Während Iris Melamed die ebenso gestylte wie gelang- weilte "Businessfrau" spielt, tritt Nicole Averkamp eher als junge Wilde mit Lederrock und blonder Perücke auf. Beide gehören zu einer Generation, die in Wohl- stand und äußerst behütet aufgewachsen sind. Ihnen wurde jeder Wumsch erfüllt, von den Plüschtieren bis zu trendigen Wohlstandsaccessoires, jedes Problem wurde ferngehalten oder weggeräumt, sie hatten alles und durften alles. Der Traum, als "Heilige Johanna" das Land vom Feind zu befreien, muss ein Traum bleiben, da "das Land schon befreit ist".


Nicole Averkamp(l.) und Iris Melamed

Also kramt die junge Frau eines Morgens ihren alten roten Kinderkoffer aus dem Dachboden hervor, baut ihn zu einer Bombe um und macht sich auf, diese Bombe irgendwo zu zünden. Wenn man nie für etwas kämpfen musste, blieb natürlich auch das Erfolgserlebnis des bestandenen Kampfes aus, und es bleibt schließlich bei allem Wohlstand und geglättetem Leben nur der Frust eines sinnentleerten Lebens.

Thea Dorn sieht natürlich den inneren Widerspruch und bringt ihn auch zum Ausdruck: da träumt die Mensch- heit über Generationen von Frieden, Freiheit und Wohl- stand, und wenn dieser dann eintritt, bleibt nur die Leere. Denn, ehrlich gesprochen, diese beiden jungen Frauen sind gar nicht einmal "falsch" erzogen worden. Sie sind nur in eine Umwelt hineingeboren worden, die für sie keine Probleme mehr parat hatte, das heißt in gewisser Weise in das ertäumte Utopia. Man komme hier nicht mit den Übeln an anderer Stelle der Welt. Hier und jetzt wird verhandelt, was geschieht, wenn ein "lokales Utopia" realisiert wird. Und das Ergebnis lau- tet, dass der Mensch darauf nicht vorbereitet oder dafür nicht geschaffen ist. Die alttestamentarische Forde- rung, sein Brot im Schweiße des Angesichts zu ver- dienen und zu verzehren, hat die Menschen geprägt, mit einem "glücklichen Leben", wie man es sich immer erträumt hat, wissen sie nichts anzufangen.

Natürlich reichert Tha Dorn diese elementare Erkennt- nis mit viel Gesellschaftskritik an. Denn es ist ja nicht nur so, dass der Mensch zwangsläufig zum Bomben- leger werden muss, wenn er glücklich ist. Der gestei- gerte Hedonismus und die Erziehung zum passiven Genuss - "meine Kinder sollen es einmal besser haben als ich" - und zu einer weit gehend entproblematisier- ten Lebensführung sind keine unabänderlichen Kon- stanten der menschlichen Existenz sondern ließen sich durchaus ändern. Viele Eltern projizieren heute jedoch ihre eigenen gesellschaftlichen Träume in ihre Kinder hinein und wollen ihnen mit materiellem Wohl- stand die Position kaufen, die sie selbst - vermeintlich oder tatsächlich - nie erreicht haben.

So wird denn der innere Druck der Langeweile und der Untätigkeit von Szene zu Szene ver- ständlicher und eindringlicher. Diese beiden Frauen hungern geradezu nach einer echten Herausforderung, nach Kampf und Gefahr. Sie sehnen sich nach Sehnsucht, die sie nie verspü- ren durften. Und so wird ihnen der goldene Käfig immer mehr zum Gefängnis, das es schließlich aufzubrechen gilt. Wie sagte doch weiland Theodor W. Adorno (sinngemäß): "wenn die Realität nicht der Theorie entspricht, umso schlimmer für die Realität". Die 68er nahmen dies als Aufforderung, die Realität gewaltsam zu ver- ändern, diese beiden Frauen in gewisser Weise auch. Sie sind zwar nicht von einer Ideologie geleitet, ihre innere Unzufriedenheit mit ihrer satten Situation sagt ihnen jedoch dasselbe.

Nicole Averkamp und Iris Melamed füllen die 45 Minuten dieses Einakters mit viel Temperament und allen Facetten einer gelangweilten und daher labil-aggresiven Grundhaltung, der nichts heilig ist, weil sie nie ein Tabu kennengelernt hat. Erstaunlich die Wandlungsfähigkeit der beiden, wenn sie in schnellen Szenenwechsel die Befindlichkeit wie Kleider wechseln und die innere Unruhe ihrer Figuren bissig, zynisch, sarkastisch, gemein, höhnisch oder gleichgültig ins Publikum schleudern.

Bleibt noch zu erwähnen, auf wen das Pseudo- nym der Autorin - denn ein solches ist es - verweist. Thea Dorn kann man auch lesen als "T. Adorn(o)."