| Das ironisierte Aschenputtel |
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Jules Massenets Oper "Cendrillon" im Staatstheater Darmstadt |
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Die meisten Menschen kennen das Gefühl, von ihrer Umwelt missachtet, verspottet oder gar unterdrückt zu werden, und alle kennen wir den stillen Tagtraum, der darin besteht, eines Tages aufzutrumpfen und es "denen zu zeigen". Dieses allzumenschliche Gefühls- gemenge hat sich in dem bekannten Märchen vom Aschenputtel verdichtet und dort einen ewigen Platz gefunden. Heute lesen wir das Märchen nur noch unseren kleinen Kindern vor, können es jedoch nicht mehr wirklich ernst nehmen, da wir die empfindsamen und ichbezogenen Strukturen dahinter zu kennen glauben. Das neunzehnte Jahrhunderte ging jedoch mit diesen elementaren Gefühlen noch in einer fast naiven Weise um und nahm sie in ihrem Kern ernst. Das lässt sich leicht in Literatur, Schauspiel und Oper dieser Zeit ablesen.
Susanne Reinhardt (2. v.l.) als Cendrillon mit Schwestern und Stiefmutter (Elisabeth Hornung, r.) Auch Jules Massenet hat sich dem Märchen-Genre gewidmet und die Geschichte vom Aschenputtel in seiner Oper "Cendrillon" vertont. Die Handlung erzählt er ohne jeden ironischen Bruch nach, lässt das arme Aschenputtel erst leiden, dann triumphieren, und die böse Stiefmutter mit ihren beiden affigen Töchtern bekommen kommen bei ihm keinen Deut besser als im ursprünglichen Märchen weg. Will man diese Oper - warum auch immer - heute auf die Bühne bringen, so muss man sich schon etwas einfallen lassen, um der Lächerlichkeit zu entgehen. Der Engländer Nicholas Broadhurst, der in Darmstadt bereits den "Figaro" inszeniert hat, ist der Herausfor- derung dieser Oper nicht ausgewichen und hat sie für das Darmstädter Theater in einer gelungenen Form inszeniert. Schon mit dem Bühnenbild treibt er allerlei Scha- bernack. Die Wohnstatt der armen Cendrillon ist zeitgenössisch-schäbig mit Wasserspender, Cola-Automat und anderen Versatzstücken ausgestattet. Ein Fahrstuhl in der Rückwand der eher spießig anmutenden Behausung stellt den einzigen Zu- und Abgang für die Darsteller dar. Jede Annäherung neuen Personals wird durch ein perfekt in den Ablauf der Musik eingeblendeten Glockenklang angekündigt, wie man ihn von Fahrstühlen kennt. Und fast jedes Mal quellen ganze Heerscharen an Bühnenpersonal hervor. Um Umbaupausen und Längen der Handlung zu überbrücken, lässt er zusätzliches Personal in Gestalt rassiger Tanzpaare auftreten, die mit ihren Vorführungen nicht nur die Herzen von Tanzfreunden sondern - durch die Kostüme der Damen - auch die Herzen der anwesenden Herren höher schlagen lassen. Geschickt baut er diese Formationen in die große Ballszene ein und verleiht dieser dadurch zusätzlichen "Pep". Die Stiefmutter (Elisabeth Hornung) und ihre beiden Töchter Noémie (Andrea Bogner) und Dorothée (Katrin Gerstenberger) treten als Zerrbilder ihrer selbst auf, schreiten in ebenso abgezirkelten wie missglückten Tanzfiguren daher und streiten sich permanent um den Vortritt. Ihr Auftritt soll unbedingt Eindruck schinden und gerät nur zur absoluten Farce. Kurz, Broadhurst verzichtet auf jegliche "realistische" Darstellung der Figuren, weil dies angesichts der simplen "Moral" der Geschichte nur peinlich wäre. Auch der Prinz (Andreas Wagner) ist bei ihm eher ein etwas vertrotteltes Sensi- belchen, Cendrillons Vater (Thomas Fleischmann) ein Abbild des Pantoffelhelden und der König (Hans- Joachim Porcher) schließlich geht den Brautkandida- tinnen gerne an die Wäsche.
Stiefmutter (m.) mit den Töchtern Noémie (Andrea Bogner) und Dorothée (Katrin Gerstenberger) Den Höhepunkt der Ironie liefert er jedoch mit Cendrillon selbst. Susanne Reinhard ist nicht nur in die hässliche Dienstbotenkleidung gehüllt, sie trägt zu allem Überfluss auch noche eine riesige Brille. Und wenn sie dann von der Fee (Hege Gustava Tjønn) in eine wunderschöne Frau verwandelt wird, so wird dies als Tagtraum entlarvt, weil Cendrillon auch jetzt recht ungeschickt in einem weißen Brautkleid und groß bebrillt im Raum herum- steht. Sie fühlt sich wunderschön, ist jedoch immer noch das ungelenke Aschenputtel. Das mag vielleicht etwas gemein anmuten, setzt jedoch dem Märchen den ironischen "I-Punkt" auf. Die einzige wirklich lyrische und beinahe ernst- hafte Szene spielt in dem Zauberwald, den Broadhurst als Waschsalon im hoch gefahrenen Untergeschoss der Bühne anlegt. Trotz diesem ironischen Bruch bewahren die gesungenen Liebesträume der beiden Prota- gonisten einen ursprüngichen Schmelz und so etwas wie authentisches Gefühl. Und wenn die beiden am Ende zusammenfinden, kommt sogar so etwas wie Rührung auf. Dagegen kommt das Ende sehr schnell. Als die Stiefmutter die Situation durch Einschmei- cheln für sich retten will, wird sie von den Dienstboten zusammen mit ihren Töchtern in Waschkörbe gestopft, so dass nur noch die Beine herausragen. Das Ensemble gibt einen kurzen Abgesang auf die nette Unterhaltung zum Besten, und das war´s dann. Dafür wird dann das Défilée bei der Entgegennahme des Beifalls noch einmal zu einer eigenen Szene, wenn sich jeder in den Vordergrund drängen will und der Chor auch schon mal Andreas Wagner in den Hintergrund abdrängt. Man macht halt bis zum Schluss Spaß und nimmt wirklich nichts ernst. Kurz und gut: Nicholas Broadhurst hat bei dieser Inszenierung wirklich leichte Hand bewiesen und eine sehr unterhaltsame Interpretation abgeliefert, gerade richtig zum hochsommerlichen Wetter dieser Tage. Das Orchester unter der Leitung von Franz Brochhagen unterstützt ihn dabei durch frisches und aufmerksames Spiel, wobei immer wieder das Zusammenspiel zwischen Bühne und Musik überrascht. Wer genau hinsieht und -hört, kann viele kleine Überra- schungen entdecken, die teilweise geradezu musikalischen Slapstick-Charakter aufweisen. Das Premiernpublikum dankte allen Beteiligten mit langem, mehr als freundlichem Beifall, für Susanne Reinhard und Elisabeth Hornung gab es sogar kräftige Bravos. Auch die Regie erhielt viel Beifall, einige offensichtlich obliga- torische "Buhs" verhallten schnell. An diesem Abend ging es nicht um Tiefsinn und Erden- schwere sondern um leichte, humorvolle Unterhaltung. |