| Die Wiederentdeckung der Sprache |
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Molières "Der Geizhals" im Staatstheater Darmstadt |
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Das Theater der letzten Jahrzehnte hat in der guten Absicht, den Staub aus tradierten Aufführungsprakti- ken zu blasen, die Sprache an die jeweilige Zeit ange- passt. Shakespeare und anderen fremdsprachigen Autoren wurden in "modernen" Übersetzungen die Floskeln der heutigen Umgangssprache aufgepfropft, und selbst die deutschen Klassiker verfremdet(e) man von Zeit zu Zeit mit kleinen zeitnahen Einsprengseln. Gar nicht zu reden von den zeitgenössischen Theater- stücken, die "hautnah" ans Volk herangehen und ihm die Worte vom Mund wegklauben. Wir alle haben diese Befreiung der Umgangssprache aus dem Kerker der "Unbildung" als einen Schritt zur wahren Authentizität beklatscht und den unfertigen Wortgebilden aus ein- fachsten grammatischen Strukturen Lebensnähe attes- tiert. Doch so Manchem ist angesichts der Permanenz dieser Ideologie - denn eine solche steckt dahinter - der Verlust der Sprache schmerzlich bewusst geworden.
Jochen Trovote als Harpagon Der Regisseur Frank-Patrick Steckel hat die Zeichen der Zeit erkannt. In seiner neuen Übersetzung von Jean-Baptiste Molières Schauspiel "Der Geizhals", die eher notgedrungen denn aus freien Stücken entstand, hat er der Sprache wieder das Primat über die Hand- lung eingeräumt. Dazu muss man sagen, dass Molières Stück mit seiner Prosa-Sprache das Theater- gesetz gereimter Texte durchbrach, dabei jedoch - natürlich im Französischen - bewies, dass Prosa eine ähnliche rhythmische wie klangliche Wirkung entfalten kann wie Verse. Und gerade Molières Sprache war berühmt für ihre Komplexität und Geschmeidigkeit. Schon mit den ersten Worten der Eingangsszene genießen die Zuschauer geradezu lustvoll den Atem einer ausgefeilten Sprache. Hier wird kein Satz unvoll- endet gelassen, ja, die Sätze werden behutsam einge- leitet, und über Relativsatz-Umwege und Abschweifun- gen in Appositionen gelangt man langsam aber ziel- sicher zur Aussage des Satzes. Geradezu lustvoll zelebrieren die Schauspieler die Sätze auf - im Geiste - vorgeschobenen Lippen. Und mit dieser Sprache zieht so etwas wie ein höherer Geist auf der Bühne ein, der alle Figuren erfasst, vom despotischen Geizhals Harpagon bis zum Dienstboten La Fléche. Jeder spricht, niemand redet daher. Spielt da die Handlung eigentlich noch eine Rolle? Sprachfetischisten mögen meinen nein, doch natürlich benötigen die gesprochenen Sätze eine Legitimation für ihren ausformulierten Inhalt, und den liefert eben das Sujet. Die beiden jungen Leute Cléante (Tino Lindenberg) und Élise (Susanne Burkhard) leiden unter ihrem geizigen Vater Harpagon (Jochen Trovote), der sich nach dem Tod der Mutter zu einem wahren Ausbund an Geiz entwickelt hat. Cléante verschwendet viel geliehenes Geld, um als goldgelockter Jüngling in seidendurch- wirkter Kleidung durch die Stadt zu laufen und der jungen Mariane (Iris Melamed) von nebenan zu impo- nieren, in die er unsterblich verliebt ist. Élise liebt Valère, den Haushofmeister ihres Vaters, aber leider entspricht der als armer Schlucker nicht den Vorstel- lungen eines künftigen Schwiegervaters. Der hat näm- lich für beide Kinder begüterte ältere Ehepartner aus- gewählt, die ihm Geld in die Kasse spülen sollen. Das von Cléante dringend benötigte Geld wird ihm über zwei Mittelsmänner von einem unbekannten Geldgeber zu unverschämten Zinsen angeboten, und der Zu- schauer ahnt schnell, wer das ist. Und tatsächlich, bei allen scheinheiligen Moralpredigten des alten Geiz- halses seinem Sohn gegenüber kann er es nicht lassen, diesen - unbekannterweise - wie eine Weih- nachtsgans auszunehmen, und als die wahren Identi- täten durch eine Panne vor aller Augen offensichtlich werden, prallt die Doppelmoral aufs Heftigste mit der Realität zusammen. Doch Harpagon wäre nicht Harpagon, wenn er seinem Sohn nicht die heftigsten Vorwürfe machen würde, sich einem so windigen Geschäftemacher wie seinem eigenen Vater auszuliefern. Letzteres ungesagt.
Jochen Trovote und Tino Lindenberg (Cléante) So geht die Handlung hin und her, Harpagon enthüllt seinen Kindern, die hübsche Mariane von nebenan heiraten zu wollen, diese liebt jedoch heimlich Cléante, kann sich aber dem ehrenvollen Antrag nicht entzie- hen. Als sich die beiden Liebenden ausgerechnet bei den Hochzeitspreliminarien treffen, funkt es zwischen ihnen, und nur der so eingebildete wie geizige Vater merkt es nicht. Natürlich "kriegen" sich zum Schluss die Richti- gen, und Harpagon schaut in die Röhre. Vorher muss jedoch noch seine Geldkassette verschwin- den und eine scheinbar im Meer ertrunkene adlige Familie durch eine Lösung à la "deus ex machina" zueinander finden, dadurch plötzlich ein Schwiegersohn an Stand gewinnen und die arme Mariane an Selbstvertrauen. Natürlich sind diese Auflösungsmechanismen aus heutiger Sicht geradezu kitschig, aber darauf kommt es gar nicht an. Wichtig ist die Verwirrung der Situatioin, in der alle Interessen - vor allem die des Geiz- halses - messerscharf hervortreten. Anschlie- ßend kann man das Ganze schnell auflösen und zum Happy-End schreiten. Die Interessenkon- flikte jedoch sind die Höhepunkte dieses Stückes. Steckel moduliert und formt diese Szenen gera- dezu mit den Mitteln der Sprache, ja, die satiri- sche Wirkung der Situation kommt erst durch die Sprache richtig zur Geltung. Nicht die schnelle Vermittlung einer Information durch eine knappe sprachliche Mitteilung steht im Mittelpunkt, son- dern die Zelebrierung der eigenen Befindlichkeit und die Entlarvung des Gegenübers durch eine äußerst kunstvolle und in ihrer Mehrdeutigkeit geradezu raffinierte und zu höchster Ironie gestei- gerte Sprache. So macht sich der Diener La Flèche (Achim Barrenstein) permanent über den Geizhals Harpagon lustig, ohne dass dieser es merkt. Der Haushofmeister Valère (Axel Holst) schluckt aus Liebe zu Élise alle Ungereimtheiten des Alten, nur um seiner Geliebten nahe sein zu können, und lässt seine wahre Meinung durch die Zwischenräume seiner schmeichlerischen Worte sickern. Allerdings hat Regisseur Steckel in dieser Person die Ambivalenz des Taktikers offen gelegt. Valère ist durchaus nicht der nur vorder- gündig dem Alten zustimmende Verehrer der Tochter, sondern er hat das Schmeichlertum bereits verinnerlicht, nachdem er die Vorteile einmal erkannt hat. In der ihm von Harpagon aufgezwungenen Entscheidung zwischen Vater und Tochter schrammt er immer dicht am schnö- den Verrat an der Geleibten vorbei und macht wahrhaftig keine gute Figur. Und ebenso wie der "gute" Valère unsympatische Züge trägt, weist der alte Geizhals Harpagon plötzlich menschliche Züge auf, so wenn er sich plötzlich über all die Leute ins einer Umgebung aufregt, die nur von - natürlich von ihm zu beglei- chenden - Kosten reden, oder wenn er schließ- lich den Verlust seiner Geld-Kassette beklagt. Hier ist einem Menschen sein Liebstes wegge- nommen worden, und auch wenn man über dessen Wert streiten mag, so ist doch die Berau- bung selbst ein barabarischer Akt. Hier brand- markt Steckel zu Recht die Schadenfreude der heutigen Gesellschaft, wenn ein Außenseiter Schiffbruch erleidet - Juhnke lässt grüßen. Den Schauspielern scheint die ausgefeilte Spra- che richtiggehend Spaß zu machen, zelebrieren sie doch geradezu ihre teilweise hoch komplexen Satzgefüge. Und diese Sprache schafft mit ihren langen Bögen wirklich durchgehend Spannung, wenn auch im zweiten Teil bisweilen einige Längen auftreten. Nur Harpagon bedient sich einer einfachen Sprache, doch das liegt daran, dass er sich ständig bedroht und verfolgt fühlt. Als potenziell permanent Beraubter kann er keine Kraft an Sprachspiele verschwenden sondern muss ständig vor Betrügern und Dieben auf der Hut sein. Jochen Trovote charakterisiert desen armen Wicht Harpagon in unnnachahmlicher Weise, bis zum Schluss glaubwürdig und voll der Rolle des vermeitlich Verfolgten verhaftet. Um ihn herum laufen jedoch auch die anderen Schauspieler zu großer Form auf, so Tino Lindenberg mit seinem herrlich dandyhaft- jugendlichen Cléante oder Achim Barrenstein als gerissener Drahtzieher La Flèche im Hintergrund. Susanne Burkhard und Iris Melamed hätte man lieber in vertauschen Rollen gesehen, vor allem, da Iris Melamed mit ihrer eher strengen Erschei- nung nicht ganz dem Bild der liebreizend- unschuldigen Mariane entspricht. Aber sei´s drum, das sind Kleinigkeiten, alle Darsteller füllen ihre Rollen letztlich überzeugend aus. Zu erwäh- nen sei dabei noch Sonja Musthoff als herrlich verschlagene und anpassungsfähige "Gelegen- heitsmacherin" Frosine. Erwähnen sollte man auch noch die Kostüme, mit denen sich Sabine Böing außerordentliche Mühe gegeben hatte und die das Auge wirklich verwöhnten. |