Melancholischer Abschiedstanz

William Forsysthes neue Choreographie in der Frankfurter Oper
Am Schluss dieser Choreographie senkt sich der Vorhang über dem Frankfurter Ballett, während die letzten Tänzer über einem gestellten Abgrund weiter tanzen. Deutlicher hätte die Aussage des Frank- furter Ballet-Chefs nicht sein können, der Frankfurt wegen der finanziellen Querelen mit der Stadt im nächsten Jahr verlassen wird. Ähnlich hatte es vor über zweihundert Jahren Josef Haydn gemacht, der in seiner Abschiedssinfonie im letzten Satz einen Musiker nach dem anderen sein Instrument packen und gehen ließ, um damit gegen die Überlastung des Orchesters zu protestieren.


The Vile Parody of Address

Forsythe protestiert nicht, er kommentiert die Situation und seine Frankfurter Zeit mit einer von Melancholie durchtränkten Choreografie, die noch einmal den Tanz selbst und den Körper in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt. Das vorliegende Programm drängt sich im Novem- ber an wenigen Tagen zusammen: vom 21. bis zum 24. täglich und dann noch am 28. und 29. des Monats. An diesen Tagen präsentiert Forsythe dem Publikum sozusagen sein Frankfurter Vermächtnis. Den Beginn macht "The Vile Parody of Address". Eine halb nackte, verkrümmte männliche Gestalt sitzt allein auf einem Stuhl im weiten Rund der großen Bühne und lässt die Tänzer einzeln und in kleinen Gruppen wie Träume an sich vorbeiziehen. Dazu liest ein Sprecher im Rückraum der Bühne einen langen englischen Text, der sich - offenbar bewusst - nur selten zu verständlichen Passagen entwickelt. Es geht nicht um die Vermittlung eines literarischen Inhalts sondern nur um die Suggestiv- kraft der Stimme, die ebenfalls wie ein obsessiver Traum wirkt. Verstärkt wird die transzendente Atmosphäre durch eine Fuge aus dem "Wohltem- perierten Klavier" von Johann Sebastian Bach, die sich, gespielt von Glenn Gould, in zwingender Gleichförmigkeit über die gesamte Szene erstreckt. Zum Ende hin erhebt sich die Figur und beginnt selbst zu tanzen, sinkt jedoch bald auf ihren Stuhl zurück, offenbar verkrüppelt und an ihrer eigenen Unfähigkeit zum Schönen verzweifelnd.


Duo

Nach einer kurzen Pause, die den Eindruck der ersten Choreographie einsinken lassen soll, beginnt der zweite Teil mit "Duo", einem Paartanz von zwei jungen Tänzerinnen. In gewisser Weise wirkt diese Choreographie wie die Antwort des Ballets auf die "Girl- Nummern" in den Revue-Theatern, wo fesche junge Frauen synchron auf der Bühne steppen. Auch hier spielt die Synchronität der Bewegungen eine wesentliche Rolle und wird nur selten durch kleine Verzierungen oder Solo-Einlagen der Tänzerinnen unterbrochen. Die puristisch-distanzierte Klaviermusik von Thom Willems verleiht der Choreographie einen ebenso zwingenden wie melancholischen Charakter. Wenn sich der Klaviermusik andere Instrumente zuge- sellen und die Musik Farbe und Intensität gewinnt, findet sich diese Bewegung in den Figuren der Tänzerinnen wieder. Tempo und Expressivität nehmen zu bis hin zur Akrobatik, um dann plötzlich wieder, der Musik folgend, in kurzer Ruhe zu erstarren. Manche Folgen erinnern angesichts der Komplexität und der erforderlichen Körperbeherr- schung an einschlägige Darbietungen von Zirkusturnerinnen, wobei hier jedoch nicht die technische Virtuosität sondern der tänzerische Ausdruck der Bewegung im Mittelpunkt steht. An diese Darbietung schließt sich unmittelbar eine rein "männliche" Choreographie an. Die Bezeichnung "(N.N.N.N) will dabei besagen, dass - vier - beliebige Tänzer dieses Stück tanzen können und sollen. Forsythe inszeniert hierbei die gruppendynamischen Eigenarten einer Männergruppe, die zusammen strebt, nur, um dann miteinander in Konkurrenz zu treten und miteinander zu ringen. Einerseits ist der Gruppen- und Korpsgeist ein entscheiden- des Merkmal solcher Ansammlungen, der zu Leistungen aller Art befähigt, andererseits bedroht die latente Aggression der Gruppen- mitglieder den Zusammenhalt.


N.N.N.N.

Dieses Spannungsfeld setzen die fünf Solisten mit viel Temperament und Ausdruckskraft tänzerisch um. Besonders erschwerend wirkt dabei, dass keine musikalische Begleitung einen Rahmen gibt. Sowohl Abfolge als auch Tempo müssen die fünf Darsteller aus der Situation heraus gestalten. Nur ganz selten ertönt ganz entfernt eine Ahnung von Musik, mehr ein entferntes Echo als wirkliche musikalische Präsenz. Nach einer weiteren Pause endete der Ballett- abend dann mit "Quintett", bei dem drei Männer und zwei Frauen zu dem wie auf einem Endlosband vorgetragenen Song "Jesus´ Blood Never Failed Me Yet" tanzen. Die Musik wirkt naiv und gerade deswegen eindringlich. Man stellt sich unwillkürlich einen alten - vielleicht blinden - Farbigen vor, der dieses Lied inbrünstig ohne Ende vor sich her singt. In der linken hinteren Ecke der Bühne führt eine Öffnung unter die Bühne. Durch sie kommen und gehen die Tänzer, und vor dieser "Fallgrube" spielt sich die anfangs erwähnte Apotheose am Ende ab. Erstaunlich, wie genau die Tänzer und Tänzerinnen das vor- gesungene Lied austanzen. Jede Wortbeto- nung, jede - gedachte - Interpunktion und jede Stimmhebung und -senkung finden ihre exakte Spiegelung in den Bewegungen der Tänzer.


Quintett

Vor allem jedoch interpretieren die Darsteller auf der Bühne die hinter den reinen Worten verborgenen Sehnsüchte und Ängste des Sängers. Dabei steigert sich im Laufe der Choreographie auch die Intensität des Gesangs, wird eindringlicher, fordernder, nimmt dann wieder ab, steigert sich wieder, so dass sich am Beispiel dieses einfachen Liedes geradezu die Dramaturgie eines Lebens entwickelt. Die Choreographie lebt darüber hinaus von dem Spannungsfeld zwischen Männern und Frauen, lässt die drei Männer im wahrsten Sinne des Wortes um die beiden Frauen tanzen. Diese wiederum beargwöhnen sich gegenseitig in weiblicher Eifersucht, während die Männer einander als Konkurrenten abschätzen. Diese erotische Komponente ist jedoch sehr subtil und zurückhaltend inszeniert; es geht nicht in erster Linie ums Erotische sondern allgemein um die Beziehungen zwischen Menschen. Und in erster Linie geht es Forsythe natürlich immer um den Tanz selbst. Er soll aus- drücken, was Menschen - vielleicht - denken und fühlen, die menschlichen Konflikte und ihre eventuelle Lösung spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Dies ist kein Schauspiel sondern Tanz-Theater. Das Publikumm applaudierte allen vier Choreo- graphien geradezu begeistert und geizte nicht mit "Bravo"-Rufen. Dabei mögen sich auch die Enttäuschung und der Ärger über Forsythes bevorstehenden Abgang von der Frankfurter Bühne Bahn gebrochen haben.