Der Reiz der fernen Liebe

Der Briefwechsel zwischen G.B. Shaw und Mrs. Campbell als Schauspiel
Wie sich die Zeiten doch ändern: heute drängen so genannte Promis den Medien nicht nur ihre intimste Korrespondenz mit anderen Menschen auf sondern liefern auch noch die Interpretation und die Inszenie- rung dazu. Vor hundert Jahren war das ganz anders; da versuchte man, intime Gedanken und Sehnsüchte für sich zu behalten und vor der Öffentlichkeit zu ver- bergen. Das geschah nicht unbedingt nur aus einem verklemmten Puritanismus heraus sondern meist aus einem natürlichen Gefühl für den Wert eines persönli- chen emotionellen Erlebnisses. Abgeneigt war man dem verbotenen Abenteuer jedoch durchaus nicht, auch wenn es nicht in den gesellschaftlichen Rahmen passte.

Ein solches - ambivalentes Verhältnis pflegten der Satiriker und Kritiker George Bernhard Shaw und die damals berühmte Schauspielerin Stella Patrick Campbell. Ende des 19. Jahrhunderts war sie der Star Londoner Bühnenwelt, während Shaw noch mit der Theaterwelt um seine ersten Stücke ringen musste. Eines Tages verliebte er sich Hals über Kopf in die schöne Frau und ließ sie dies auch in seinen Briefen wissen, wobei er jedoch nicht mit bissiger Selbst- ironie geizte. Gerne kokettier- te er bereits mit 45 Jahren mit seinem angeb- lich fortgeschrit- tenen Alter, dabei natürlich kräftig die Kunst des "Fishing for..." betreibend. Seiner Angebeteten konnte er im selben Atemzug seine ewige Anbetung schwören und sie gleichzeitig intellektuell wegen eines Fehlers abkanzeln wie ein Schulmädchen. Mrs. Campbell, anfangs noch verheiratet und Mutter zweier Kinder, ließ sich die Verehrung wohl gefallen, hielt Shaw jedoch auf Abstand, was natürlich auch ein Spiel war, da er als verheirateter Mann ihr sowieso nie zu nahe getreten wäre. Es ist anzunehmen, dass er sich in der Rolle des Verehrers wohl fühlte, der seine Liebesschwüre nie in die Tat würde umsetzen müssen. Man merkt dies auch daran, dass er nach dem Tod von Mrs. Campbells Ehemann durchaus nicht an Scheidung und eine neue Heirat dachte; und als die Dame seines Herzens schließlich ganz alleine und - wenn auch schon gealtert - offensichtlich zu haben war, traf er keinerlei Anstalten, ihr zu nahe zu kommen.So versickerte der sich über 40 Jahre erstreckende Briefwechsel schließlich kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Ein Jahr später starb Mrs Campbell.

Diesen Briefwechsel mit seinen vielen persönlichen und intellektuellen Auseinandersetzungen, die oft bis zum offenen Streit ausarteten, jedoch immer wieder in der Versöhnung endeten, hat der britische Autor Jerome Kilty unter dem Titel "Geliebter Lügner" für die Bühne bearbeitet. Theo Umberg, der Intendant des Staatstheaters Darmstadt, hat es persönlich für die Bühne eingerichtet und mit Elfi Garden und Horst Schäfer zwei hervorragende Darsteller gefunden.

Nun könnte man annehmen und befürchten, dass ein solcher Briefwechsel auf der Bühne mangels Handlung vor allem Langeweile erzeugt und sich eher über die Zeit quält. Doch weit gefehlt: in diesem Falle ist es Autor, Regie und Darstellern gelungen, daraus eine spannende, unterhaltsame und dabei nie seichte Geschichte zu entwickeln. Die beiden Protagonisten präsentieren sich dem Publikum an zwei Stehpulten; im Hintergrund sieht man einen Kleiderständer, an dem die sparsamen Requisiten - unter anderem ein Umhang für den Herrn - hängen. Elfi Garden und Horst Schäfer tragen die Briefe wie ein Gespräch vor, zeitweise distanziert und den Briefcharakter betonend, zeitweise in den direkten, persönlichen Dialog übergehend, als säßen sie nebeneinander. Doch bleibt das Gespräch jeder Zeit im Rahmen der Brieftexte; die persönlichen Gespräche sind weitgehend fiktiv, da nicht verbürgt. Eventuelle persönliche Begegnungen könnten jedoch so abgelaufen sein.

Dabei wird immer wieder die sarkastisch-skepti- sche Grundhaltung Shaws deutlich, hinter der er seine Emotionen schützte und nach einem Gefühlsausbruch schnell versteckte. Die Gesell- schaft erlaubte ihm und seiner Generation nicht das Ausleben seiner Gefühle, also sublimierte er sie durch den Intellekt und bestrafte die viktoria- nische Gesellschaft dafür mit seinem beißenden Spott. Das Theaterstück "Pygmalion", Vorlage für das spätere Musical "My Fair Lady", bei dem Mrs. Campbell brillierte, ist nichts weiter als eine Verhöhnung einer Gesellschaft, in der es auch die ungebildetste Frau mit einstudierten Sätzen zum gesellschaftlichen Erfolg bringen kann.

Mrs. Campbell dagegen lebt mehr für den Moment, das Sentiment und die große Geste. Intellektuelle Schärfe und kommerzielle Weitsicht gehen ihr ab, und gegen Shaws verbale Attacken weiß sie sich mit weiblicher Schläue und - wenn nötig - dem nötigen Zorn zu wehren. Ihren künst- lerischen Abstieg und die Armut im Alter weiß sie mit Würde zu tragen, ohne den offensichtlich wenig gerührten Shaw zu belästigen.

Elfi Garden und Horst Schäfer verliehen diesen beiden heraus ragenden Gestalten des ausge- henden viktorianischen Zeitalters Leben und Profil, und bei aller Melancholie und auch Resig- nation blitzten doch immer wieder der Humor und sogar Witz auf. Hier wurden noch einmal zwei bei allen Unterschieden an Geist und Esprit reiche Menschen lebendig, und so mancher dürfte den angeblichen Zyniker George Bernhard Shaw nach dieser Aufführung in anderem Licht sehen.

Das Premieren-Publikum dankte den beiden Dar- stellern und dem Regisseur für diese beeindruc- kende Leistung mit langem Beifall. Man sieht: gutes Theater ist nicht immer mit spannender Handlung und ungelösten Konflikten gleich zu setzen. Auch Briefe können Leben atmen.