| Endlosband
der Existenz |
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Samuel
Becketts "Glückliche Tage" im Darmstädter Staatstheater |
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Wenn sich der Vorhang öffnet, erscheint im Hintergrund eine große Wolkenansammlung unter einem blauen Himmel. Wenn sich der Vorhang senkt, hat der Himmel nach mehreren Changierungen ins Abendliche seine anfängliche Farbe wieder gewonnen. Es hat sich nichts geändert!
Elisabeth
Krejcir als Winnie
Dies ist sozusagen der "Generalbass" einer Komposition, die in ihrer Struktur an letzte Werke großer Komponisten erinnert, so an Beethovens letzte Streichquartette. Jenseitige Entrückung in Form höchster Verdichtung unter Verzicht auf jegliches nachvollziehbares oder als solches erkennbares Thema. So wie in dieser Musik sie selbst zum Motiv wird, gerinnt in Becketts "Glückliche Tage" die Darstellung des "Soseins" zum Gegenstand der Aufführung. Winnie, eine alte Frau, ist zu Beginn des ersten Aktes bis zu den Hüften in einem Sandhügel eingegraben und hat um sich die kargen Utensilien ihres Lebens ausgebreitet: einen "Matchsack" - die Älteren kennen so etwas noch aus den sechziger Jahren - mit Schminkzeug, Lupe und (Omen?) Pistole - und einen Sonnenschirm. Hinter dem Hügel liegt Willie, ihr Gefährte, der sein eigenes, auf Zeitunglesen und Schlafen reduziertes Leben führt und nur wenige Worte von sich gibt. Winnie plappert vor sich hin, untersucht - zum wievielsten Male? - die Gegenstände aus ihrem Sack, putzt sich die Zähne und entziffert auf fast schon rituelle Weise immer wieder die Aufschrift auf ihrer Zahnbürste. Sie überdeckt die Leere ihres Seins mit verbaler Existenzbestätigung - "ich rede, also bin ich" - und benötigt Willie weniger als aufmerksamen oder gar intelligenten Gesprächspartner denn als Echo ihrer selbst, das ihre Existenz bestätigt. Mehr braucht sie nicht, um glücklich zu sein, und sie spricht sich dieses Glück ständig selbst vor, redet es sich sozusagen ein. Doch in ihrem auf die im wahrsten Sinne des Wortes "sinnlosen" Tätigkeiten - Schlafen, Zähneputzen, Reden - reduzierten Leben ist schon das Überstehen eines weiteren Tages ein Erfolg, kurz Glück. Die Pistole vor ihr liefert ihr zwar eine wirkliche Alternative zu diesem Leben, sie aber begreift diese Alternative noch nicht einmal. Die Pistole dient mehr ihrer Unterhaltung als ihrem wirklichen Zweck. Ohne den Anspruch einer Deutung dieses Stückes zu stellen - Beckett selbst hat Zeit seines Lebens eine Erklärung verweigert -, steht Winnies Lage für die der menschlichen Gattung: unbeweglich in einen festen Kontext eingemauert - Geburt, Lebensspanne, Tod - und der Sinnlosigkeit einer in absehbarer wenn auch ferner Zeit untergehenden Welt ausgeliefert. Nach dem Verlust der einfachen und überschaubaren Wahrheiten der Religion durch Aufklärung und Wissenschaft steht der Mensch vor dem gähnenden Abbgrund einer unerklärbaren Existenz, lebt aber dennoch weiter und wurstelt sich mit Verdrängungstechniken durch das sinnlose Leben, die Möglichkeit des Suizids konsequent ausklammernd. Im zweiten Akt sieht man Winnie bis zum Hals in den Sandhügel eingegraben. Sie kann jetzt nicht mehr mit ihren Utensilien hantieren, sondern muss sich vollständig auf die Sprache zurückziehen. In Ermangelung dieser Ablenkung reduziert sich ihr Monolog auf Erinnerungen und Assoziationen. Sie versucht, Teile ihres Körpers zu sehen, um sich ihrer selbst zu vergewissern, erkennt jedoch nur Fragmente von Nase und Lippen.
Ihre Gedanken kreisen um Willie, der verschwunden scheint. Sie erinnert
sich an Erlebnisse aus ihrer Kindheit, versucht in tapferem Trotz,
weiterhin "erlesene Verse" zu rezitieren, und verdrängt weiterhin
ihre im Grunde genommen verzweifelte Lage. Ja, sie redet sich die
existenzielle Vereinsamung - allein auf weiter Flur und völlig
unbeweglich - schön und beschwört weiterhin die
"glücklichen Tage", die sie durch die Möglichkeit
ungestörter Selbstgespräche als gegeben nimmt. Nie wird sie
ihre Lage realistisch einschätzen, immer die Verzweifulung durch
jetzt nur noch verbale Betriebsamkeit unterdrücken und
verdrängen. Ohne Struktur und logischen Zusammenhang fließen
die Gedanken aus ihrem Mund; solange sie redet, existiert sie und kann
weitere "glückliche Tage" genießen. Wenn am Schluss Willie
in letzter Anstrengung im Aufzug eines Leichenbestatters den Hügel
hinaufkriecht und ihr die Hand entgegenstreckt, bleibt offen, was er
beabsichtigt: sie zu küssen oder endgültig zum Schweigen zu
bringen. Winnie kann ihm nur noch die Augen zuwenden und starrt ihn in
einer Mischung aus Glück und Verzweiflung an, bejubelt in ihm noch
ein letztes Mal das andere menschliche Wesen, das zwar nicht mehr mit
ihr spricht, aber einfach "da" ist. Willies in einer Art von Agonie
nach Winnie ausgetreckter Arm markiert die letzte Einstellung, in der
schließlich auch Winnies Monolog erstirbt.
Wenn auch als Zweipersonen-Stück ausgewiesen, ist dieses Schauspiel im Grunde genommen nur für eine Rolle geschrieben: Winnie. Elisabeth Krejcir lieferte in dieser Rolle eine wahre Glanzleistung ab. Das beginnt schon mit der physischen Anstrengung, über zwei Stunden lang in einen echten Sandhügel eingegraben zu sein (sie wollte keine "als ob"-Lösung), davon die letzten vierzig Minuten bis zum Hals, und den Text vollständig aus dem Gedächtnis vorzutragen. Kein Dialog liefert Stichworte, und im zweiten Teil fehlen auch die Eselsbrücken der Gegenstände, die noch den ersten Teil in gewisser Weise strukturieren. Ihre Interpretation lehnt sich an das wirkliche Leben an: wer einmal ältere Menschen am Strand erlebt hat (jüngere toben umher), kennt diese Nichts sagenden Dialoge um Nichtigkeiten, die Selbstzufriedenheit und die permanente sinnlose Aktivität im Kleinen. Und auch in der Realität reden oft die Frauen und die Männer verkriechen sich wortkarg hinter der Zeitung. Dies nur als Hinweis darauf, dass Becketts Stück im Detail durchaus sehr realistisch ist, wenn es auch scheinbar eine in ihrer Sinnlosigkeit geradezu absurde Situation zu beschreiben scheint. Elisabeth Krejcirs Winnie kennt auch die kurzen Verzweiflungsausbrüche, die lautlosen Schreie und die nach einer Entgleisung schnell wieder eingefangenen Gesichtszüge. Hinter ihrer zur Schau getragenen Zufriedenheit über die "glücklichen Tagen" lauert stets die nackte Angst vor dem Nichts, die sie sich jedoch bis zum Schluss nicht eingestehen wird. Das Publikum dankte der Darstellerin - und auch Gerd K. Wölfle als wortkargem Willie - mit begeistertem Beifall und Bravo-Rufen. Elisabeth Krejcir zeigte anfangs noch deutliche Erschöpfungsspuren, bis sie sich nach dem sechsten oder siebten Ruf an die Rampe doch zu einem gelösten Lachen aufraffen konnte. Auch Regisseur (und Intendant) Gerd-Theo Umberg und Bühnenbildner Matthias Müller ernteten verdienten Beifall. Copyright für alle Bilder dieser Rezension bei Cornelia Illius |
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