Melancholische Lebenslust getanzt...

Wiesbadener Ballett mit "Irish Soul" Darmstadt
Die Idee zu deiser Produktion entstand laut Programm- heft während eines Segeltörns des Wiesbadener Ballettchefs Ben van Cauwenbergh entlang der irischen Atlantikküste. Und diese seglerischen Eindrücke hat er treffend in die Choreographie umgesetzt. Für die musikalische Begleitung hatte van Cauwenbergh eine irische "Live Band" aus sechs Musikern engagiert, den den echten irischen Sound in das Große Haus des Staatstheaters brachten.

Bereits der Vorhang stimmt auf Irland ein, zeigt er doch eine schroffe Felsenküste vor einem abendlich beleuchteten Wolkenhimmel über einer grauen See. Wenn dann die Band zu spielen beginnt, hebt sich der Vorhang und zeigt ein in satten Farben - rot, blau, grün - gehaltenes Bühnenbild, das eigentlich nur aus den leicht gestaffelten und beleuchteten Seiten- und Rück- wänden besteht. Nebel steigt über dem Bühnenboden auf, und langsam schälen sich unter den sich lichten- den Schwaden die paarweise liegenden Figuren der Tänzer und Tänzerinnen ab. Paar für Paar erheben sie sich und beginnen sich im Nebel zu drehen ("Irland erwacht").

Im ersten, nur vierzig Minuten währenden Teil charakte- risiert Cauwenbergh die Insel und ihr Klima. Da durch- schreitet die Compagnie die gesamte Bühne von links nach rechts wie eine große Welle ("Meeresbrandung"), die Arme in Halbkreisen von hinten nach vorne über die Köpfe führend. Diese Szene wiederholt sich mehrere Male, mal mit Windgeräuschen, mal ohne. Dann fällt Regen vom Bühnenhimmel ("Irland braucht Regen"). Erst denkt man, es sei irgendeine feine Holzspäne, die herunter rieselt, bis man feststellt, dass die Tänzer wie Schlittschuhläufer durch echtes Wasser rutschen und langsam auch von oben durchnässt werden. Gerade das Wasser ermöglicht einige gute Regieeinfälle, stellt jedoch hohe Anforderung an Konzentration und Stand- festigkeit der Truppe.

Der zweite Teil präsentiert sich eher als Num- mernfolge über die irischen Menschen. Da wer- den die typischen "Gockelkämpfe" junger Männer tänzerisch parodiert, oder das Balzverhalten gegenüber den jungen Frauen. Liebesgeschich- ten laufen ebenso ab wie eine handfeste Sauferei mit scheinbar über die Bühne torkelnden Figuren. Die Lebenslust auf der einen und die - nicht zuletzt durch das Wetter bedingte - Melancholie auf der anderen Seite kommen sowohl in den Songs als auch in der tänzerischen Umsetzung immer wieder deutlich zum Ausdruck. Dazu hatte van Cauwenbergh Kostüme in satten Erdfarben gewählt - Dunkelgrün wie das Gras nach einem Regen, Ocker wie das Getreide auf den Feldern und Rotbraun wie die schwere Erde.

Nach einigen mal elegischen, mal melancholi- schen Nummern lässt Cauwenbergh zum Schluss die ganze Truppe noch einmal zu einem furiosen Finale auf die Bühne kommen. Jetzt gilt Akrobatik pur mit gewagten Sprüngen, die teil- weise an Bodenturnen erinnern, und wirbelnden Paartänzen. Zum Schluss stürmt der Kobold Leprachaun, der sich mit seinen frechen Einlagen durch die gesamte Choreografie gezogen hat, auf die Bühne und lässt sich mit einer gekonnten Drehung vor der versammelten Truppe in Foto- stellung auf den Boden nieder.

Das Publikum zeigte sich zu Recht begeistert, denn die Truppe wirkte auch nach mehreren Auftritten noch frisch und motoviert wie bei einer Premiere. Das Finals erfolgte als Zugabe noch einmal, und auch die Band musste mehrere Mal auf die Bühne und den Beifall des Publikums entgegen nehmen.