Virtuosität und Emphase

2. Kammerkonzert mit Dvorak, Schulhoff, Mozart und Strauss
Für das 2. Kammerkonzert am 17. Oktober hatte das Staatstheater Darmstadt die international renommierte Japanerin Midori (Violine) und ihren Begleiter Robert McDonald (Klavier) gewinnen können. Die offensichtlich zugkräftigen Namen dieses Duos füllten den Saal des Kleinen Hauses fast bis zum letzten Platz, was bei Kammerkonzerten eigentlich eher selten der Fall ist. Und es zeigte sich, dass die Vorschusslorbeeren in Form eines vollen Hauses gerechtfertigt waren.


Erwin Schulhoff

Das Programm bestand aus zwei Teilen, die - zufällig? - einen tschechischen und einen deutschsprachigen Schwerpunkt setzten. Den Anfang machte Antonin Dvoraks Sonate opus 100, die während seines Aufent- halt in den USA Ende des 19. Jahrhunderts anlässlich einer Familienfeier entstand. Die Sonate zeigt die typischen dvorakschen Motive und den sehnsüchtigen Grundton, der seine Musik charakterisiert und sie geradezu prädestiniert zur musikalischen Illustration weiter Landschaften. Besonders im dritten und auch im vierten Satz finden sich deutliche Anklänge an seine "Symphonie aus der Neuen Welt" und, was nur schein- bar verwundert, an die typischen Wendungen amerika- nischen Liedguts, wie wir es vor allen Dingen von Weihnachtsliedern kennen. Daran zeigt sich, wie stark Dvorak die Einflüsse des Gastlandes aufgenommen und in seiner Musik verarbeitet hat.

Midori interpretiert Dvoraks Musik in geradezu empha- tischer Weise - übrigens ein durchgängiger Zug ihres Spiels -, indem sie die Extreme zwischen einem sehr feinen, verhaltenen Ton und einem satten, aufgewühl- ten Strich auskostet. Die letztlich immer noch böhmi- sche Musik Dvoraks ist für sie rustikal-bodenständig und direkt von der Emotion gesteuert. Nicht umsonst erhielt Dvorak seine Inspirationen von der Natur, so im zweiten Satz (Larghetto), den er angesichts eines Wasserfalls auf seiner Maschette skizzierte.....

In gewisser Weise bildet Schulhoffs Sonate Nr. 2 aus dem Jahr 1927 das Gegenstück. Obwohl angesichts des zu dieser Zeit maßgebenden Schönbergs die Sonate noch auf tonalen Prinzipien basiert, reizt sie diese doch extrem aus. Die Erfahrungen des ersten Weltkriegs sind unübersehbar, zerrissen und verzwei- felt nach neuen Werten suchend wie die gesamte Kunst dieses Jahrzehnts äußert sich auch die Musik Schulhoffs in einer schroffen Harmonik und Motivfüh- rung. Kompromisse an den gewohnten Wohlklang des Spätromantik lässt er nicht zu sondern setzt die Musik als Spiegel einer chaotischen Epoche ein.

Richard Strauss

Bei diesem Stück konnten die beiden Solisten ihr ganzes technisches Können zeigen, und das war nicht gerade wenig. Blitzschnelle Lagenwechsel und expres- sive Aufschwünge kennzeichnen diese Musik ebenso wie schroffe, schwermütige Abwärtsbewegungen, und das im schnellen Wechsel. Das Ende kam dann plötzlich und überraschend, so dass der Beifall etwas verspätet einsetzte.

Nach der Pause stand zu Beginn Mozarts Sonate 301 auf dem Programm, und sie ging leider etwas verloren. Ob das an dem ausgewogenen Charakter dieses Stückes liegt, das spielerische und lyrische Elemente vereint, oder an der Expressivität der Vorgänger, sei dahin gestellt; der Rezensent vermutet Letzteres, da die Sinne durch die Schulhoff-Sonate noch angespannt waren und man unbewusst eine Fortsetzung auf dem gleichen Intensitätsniveau erwartete. Aber das konnte man von dieser Mozart-Sonate nicht erwarten, die doch ohne große Momente auskommt. Vielleicht hätte man doch Mozart an den Anfang stellen sollen, dann wäre auch die durchaus durchdachte Interpretation besser zum Tragen gekommen.

Den Schluss bildete Richard Strauss´ Sonate Nr. 18 in Es-Dur, die Hochromantik vom Feinsten präsentierte. Ähnlich wie bei Dvorak, nur noch emphatischer, strömt die Musik dahin, zwischen lieblich-lyrischen und expressiven Momenten hin und her pendelnd. In diesem 1886 entstandenen Werk verdichtet sich das gesamte Lebensgefühl der Spätromantik: Heldenmystik, Aufbruch, Zukunftsgläubigkeit, Unendlichkeitssehnsucht. Interessant wäre auch hier gewesen, Schulhoff direkt hinter Dvorak und Strauss als Abgesang einer fehl geleiteten Epoche zu setzen, aber das hätte das historische Moment vor das rein musi- kalische gesetzt und wahrscheinlich dazu geführt, dass viele Besucher nach der Pause gegangen wären. So muss man halt die schwierigen Stücke aus taktischen Gründen oft in die Mitte setzen....

Midori und Robert McDonald

Alles in Allem war es ein beeindruckender Abend mit viel solistischer Technik und expressiver Interpretation. Midoris Virtuosität und ihr gera- dezu spürbarer physischer Einsatz bei der Interpretation sowie die kluge, weil zurückhal- tende Begleitung von Robert MacDonald - es kann schließlich nur Einer(r) expressiv ausladend sein - waren die herausragenden Punkte dieses Abends.

Das Publikum dankte den Solisten mit lang anhaltendem und teilweise begeistertem Beifall und erhielt zum Dank noch zwei Zugaben: eine lyrische Romanze von Amy Beach und eine feurige Tarantella von Sarrasate.