| Imagination der Isolation |
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Tanz/Theater-Produktion "Wenn der Körper eine Stummheit ist" in Darmstadt |
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Wie denkt und fühlt jemand, der Jahrzehnte in Einzelhaft verbringt? Kann ein Mensch dies über- haupt unbeschadet überstehen und, wenn ja, wie? Der normale Bürger macht sich hierüber selten Gedanken, nicht zuletzt, weil er in der Haft einen selbstverschul- deten Zustand sieht, der nicht unbe- dingt zum Mitleid animiert. Der Strafgefangene wird aus der allgemeinen Aufmerksamkeit ausgeblendet und existiert buchstäblich nicht mehr.
Sigrid Schütrumpf (r.) als Eva Haule Nun sind jedoch die Mitglieder der ehemaligen RAF - für jüngere Zeitgenossen: "Rote Armee Fraktion" - keine gewöhnlichen Kriminellen, wenn die öffent- liche Meinung sie auch gerne so bezeichnet hat. Über- durchschnittliche Intelligenz und eine idealis- tische Grundhaltung sind ihnen gemein, auch wenn beides sie schließlich zu kriminellen Taten schwer- ster Art geführt hat. Eine der RAF-Mitglieder ist Eva Haule, die seit 1986 wegen verschiedener Mord- anschläge im Gefängnis sitzt und dies in abseh- barer Zeit wahrscheinlich auch nicht verlassen hat. Die Filmemacherin Regina Heidecke ist auf Eva Haule aufmerksam geworden durch eine Fotoaus- stellung im Frankfurter Club "Voltaire", in der Eva Haule ihre im Gefängnis entstandenen Fotografien zeigte. Fasziniert war Regina Heidecke nicht nur von der künstlerischen Kreativität sondern auch von der starken und ausgeglichenen Persönlichkeit Eva Haules, die sie in mehreren Gesprächen kennen lernte. Aus Regina Heideckes Idee eines Filmes über Eva Haule entstand dann in Zusammenarbeit mit Birgitta Trommler eine Tanz/Theater-Produktion, die Ende März im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt vorgestellt wurde. Birgitta Trommler zeigt die Person der Eva Haule auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen. Die Schau- spielerin Sigrid Schütrumpf stellt die heutige Eva Haule dar, wobei eine große Bahnhofsuhr an der Rückwand der Bühne die aktuelle Aufführungszeit angibt. Auf der zweiten Zeitebene stellt die Tänzerin Amelia Poveda die junge Eva Haule dar, die sich erst mit der Situation einer lebenslangen Haft aus- einandersetzen muss. Dazu präsentiert ein elekt- ronisches Laufband über der Bühne alle wichtigen Ereignisse von 1986 bis heute und kontrastiert dadurch den eintönigen Gefängnisalltag mit dem vielfältigen politischen und gesellschaftlichen Geschehen der letzten siebzehn Jahre. Hohe Gitterwände links und rechts der Bühne, eine Galerie hoch über der Bühne und ein enger Zugang im Hintergrund markieren die Gefängnisumgebung eindringlich. Die gesamte Produktion wird durch die Musik von David Moss ergänzt und begleitet, die spontan aus der Erfahrung des Komponisten mit den einzelnen Szenen entstand. Nicht nur mussten also diese Szenen ohne Musik angelegt werden, die erst später sich der jeweiligen Situation anschmiegte, sondern der selbst als Sänger auftretende David Moss improvisiert sogar während der Aufführung innerhalb eines vorgegebenen Rahmens spontan. Das an der Rückwand aufgereihte "Orchester" besteht aus zwei Violonen, Viola, Violoncello, Marimba und E-Gitarre.
Amelia Poveda und David Moss Zu Beginn interpretiert Amelia Poveda die existenzielle Verzweiflung der jungen Haule mit einem expressiven Ausdruckstanz, der den Widerstand der Psyche gegen die Iso- lation manifestiert. Ihr tritt nach einiger Zeit Sigrid Schütrumpf als heutige Eva Haule zur Seite, diszipliniert, zu Ruhe gekommen und willensstark. In den 75 Minuten der Produktion versucht das Ensemble, die Innenwelt der Gefangenen nach außen zu stülpen und für die Zuschauer erfahr- bar zu machen. Die Schwierigkeit liegt gerade darin, das Ungesagte auszusprechen und den Rückzug ins Innere im wahrsten Sinne des Wortes auszudrücken. Denn das ist die Reak- tion der auf Lebenslänge weg Geschlossenen: sie baut sich ihre eigene Welt aus Imaginatio- nen auf, in der sie nicht nur existieren sondern auch leben kann. Die Blumen sind ihr dabei eine große Hilfe, wie sich auch in den im Foyer ausgestellten Fotos zeigt. Darüber hinaus lernt sie in jedem Alltagsgegenstand mehr zu sehen, als er vordergründig bietet. So entstehen aus Papierfahnen, die ihr offensicht- lich für ihre Fotoarbeiten zur Verfügung stehen, in Gedanken Abendkleider, Hüte und alle mög- lichen Gegenstände mit einem eigenen ästhe- tischen Reiz. Die anderen Tänzer des Ensem- bles präsentieren diese Imaginationen in ver- schiedenen Posen, die unmittelbar der Phan- tasie der Protagonistin entspringen. In beson- ders anrührenden Momenten treffen sich beide Haules und lehnen sich aneinander an, ein Sinnbild für den Rückblick auf die Vergangen- heit und die Annahme des eigenen Lebens- laufes. Die Musik von David Moss verleiht der Darstel- lung eine besondere Intensität. Die weitgehend atonalen Kompositionen entwickeln dabei eine eigene Kraft, die mehr ist als Untermalung der körperlichen Ausdrucks auf der Bühne. Zeit- weise wird die Musik selbst zum Schrei, der nach Erlösung aus der Anspannung der Ver- zweiflung sucht. Doch dieser Schrei ist nie plakativ und voprdergründig, sondern kommt so zu sagen subkutan, um nicht zu sagen subversiv daher. Wie ein Generalbass legt sich David Moss´ Musik über das Geschehen und hebt die Darstellung in eine existienzielle Dimension. Höhepunkte sind die Momente, in denen David Moss selbst hinter die Protago- nistin tritt und sozusagen durch seinen Mund ihren Seelenzustand ausdrückt. Dabei entste- hen keine gesungenen Worte wie im Lied, sondern nur Lautmalereien, die jedoch an Eindringlichkeit nicht zu überbieten sind. Wenn sich am Ende das Laufband dem Irak- Krieg nähert, haben beide Haule-Darstelle- rinnen und mit ihnen die anderen Tänzerinnen des Ensembles ihre graue Anstaltskleidung gegen rote Samtkleider getauscht, die nicht nur eine gewisse Wärme und Annahme des eigenen Wesens ausdrücken sondern auch Individualität und Selbstbewusstsein. Die Protagonistin ist in der Jetztzeit mit sich versöhnt und kann dem Rest ihres Lebens gefasst entgegentreten. Copyright für alle Bilder dieser Rezension bei Cornelia Illius |