| Virtuell-realer Suizid |
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Igor Bauersimas "no(r)way.today" im Theaterlabor Darmstadt |
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Neben verschiedenen anderen, weniger dramatischen Nebenerscheinungen hat das Internet auch die Suizid- Verabredung per Chat-Box hervorgebracht. Dabei ver- abreden sich einander völlig Unbekannte zum gemein- samen Selbstmord. Die "berüchtigten" Suizid-Foren und -Chatboxen schaffen einen hermetisch abgerie- gelten Raum, der vollständig gegen die externe Reali- tät abgeschottet ist und den Teilnehmern das Gefühl gibt, in einer eigenen Welt zu leben, in der sie der Probleme des physischen Alltags vollständig entho- ben sind. Der jeweilige "Foren-Master" blendet - ganz im Sinne einer thematischen Konsistenz des Forums - alle inkompatiblen und damit auch kritischen und relativierenden Beiträge aus und verdichtet dadurch das Geschehen noch, in diesem Falle wahrscheinlich unabsichtlich. Verständlich, dass diese Umgebung gerade bei jungen Leuten die Abwendung von einer als quälend empfundenen Realität fördert und die Illusion einer von allen Zwängen befreiten Welt hervorruft, die man letztlich nur im eigenen Freitod finden kann.
Nadja Soukup (Juli) und Michael Schober (August) Der Autor Igor Bauersima hat eine Zeitungsmeldung über einen per Internet verabredeten gemeinsamen Freitod einer jungen Frau und eines jungen Mannes zum Vorbild für sein Theaterstück genommen und spielt diese Situation in seiner eigenen Interpretation noch einmal durch. Juli, eine junge Frau, lernt beim Internet-Chatten einen jungen Mann kennen, der sich wie sie in finalen Vor- stellungen bewegt und sich sinnigerweise August nennt. Beide sind des Lebens überdrüssig - warum, wird nicht erörtert. Sie beschließen, gemeinsam aus dem Leben zu gehen. Die Darsteller Nadja Soukup und Michael Schober spielen diese Szene vor einem abgedunkelten Zuschauerraum aus verteilten Positio- nen inmitten der Zuschauer, damit gleichzeitig die räumliche Trennung durch das "Netz aller Netze" und die Einbettung in die reale Welt symbolisierend. Der Computer rückt dabei nur in einem zeichenweise auf der Rückwand projizierten URL - www.freitod.de/chat - in den Blickpunkt, das Chatten jedoch muss sich der Zuschauer aus der Situation vorstellen. Bereits hier wäre vielleicht die Verdeutlichung durch stimmlose Kommunikation via echtem PC und Projektion über einen Beamer eindrucksvoller gewesen. In der nächsten Szene finden wir die beiden auf einer einsamen hohen Klippe im hohen Norden, von der sich die beiden hinabstürzen wollen. Juli lässt den naiv um alltägliche Kommunikation bemühten August abblitzen mit dem Hinweis auf den baldigen Tod, der alles dumme Geschwätz überflüssig macht. Aus diesem initialen Konflikt erwächst eine anfangs aggressive Auseinandersetzung um den Wert der Kommunikation an sich, der mit einfachen verbalen Mitteln geführt wird, wie halt zwei junge Menschen ihr Verhalten aneinander kritisieren und ausrichten. Bereits hier wird deutlich, dass die hauptsächliche Mangelerscheinung der jungen Leute in der fehlenden Kommunikation liegt. Ob die Ursachen daran in egozentrischen Eltern, einer nur auf Wissensvermittlung ausgerichteten Schule, dem auf totale Versorgung (und Entmündi- gung) zielenden Staat oder den verdummenden Medien zu suchen sind, bleibt offen und wird hier nicht weiter diskutiert.
Wichtig ist, dass die beiden jungen Leute, die sich anfangs nichts zu sagen haben und nur den gemeinsamen Freitod gemeinsam haben, ausge- rechnet durch den Streit über die Gestaltung der letzten Stunden miteinander ins Gespräch kom- men. Und wenn dann August plötzlich zu Juli sagt: "Ich mag Dich", wirkt dass auf sie wie eine irritierender Adrenalinschub, und er ist nicht gewillt, diesen Satz auf Aufforderung noch einmal herzubeten. Und doch fällt er wieder und verfehlt auch dann seine Wirkung nicht. Ungewollt kommen die beiden sich näher, aus brüsken Zurechtweisungen werden offene Fragen, der Streit wird weicher, dreht sich mehr um Dinge denn um die Abwehr von Verletzungen, und es entsteht zaghaft so etwas wie menschliche Nähe zwischen den beiden. Von Minute zu Minute wirkt der nahende Freitod unwirklicher und lächer- licher. Die beiden spüren dies, wollen es aber nicht wahrhaben, weil dieses Ziel ihre einzige innere Stütze darstellte. Und so erfinden sie immer neue Verzögerungen für den finalen Sprung, die natürlich streng organisatorischer Art sind und diesen letzten Akt nur sinnvoll gestalten sollen. Da gibt es dann auch schon groteske Momente, wenn Juli ihren Gefährten fragt, ob er denn für einen letzten Beischlaf auch Verhü- tungsmittel dabei habe......
Wie schon frühzeitig geahnt, ziehen sich die Freitod-Vorbereitungen immer weiter in die Länge, wobei vor allem die mit der Videokamera gefilmten Abschiedsworte den meisten Raum einnehmen.Gerade diese letzten Worte geraten mit zunehmender Dauer immer lächerlicher und lassen die ganze Aktion damit immer absurder werden. Zwar könne die beiden bis zum Schluss ihre Idee nicht verbal und definitiv aufgeben, dazu ist der intellektuelle Stolz denn doch zu groß, aber irgendwann bleibt nur noch der Abbau des Zeltes und der Abmarsch, weil der psychologi- sche Zeitpunkt für die Tat verstrichen ist. Außer- dem haben die beiden sich in der Kommunikation gefunden und die Suizid-Idee damit überwunden, was sie jedoch kurzfristig nicht zugeben werden. Die Idee dieses Stücks überzeugt durchaus durch Dramaturgie und Darstellung, jedoch hat die Umsetzung wenig mit dem Internet zu tun, wenn man von den ersten Minuten einmal absieht. Hier wird eher ein absurdes Stück in der Tradition der Existenzialisten vorgeführt, durchaus mit einigen intellektuellen Volten und einem philosophischen Hauch. Der pädogagische Zweck, den jungen Leuten die Gefahr der ein- schlägigen Internet-Chats aufzuzeigen, wird damit jedoch nicht erreicht. Es ist dann doch wieder eher ein Stück für Erwachsene als für Jugendliche. Lacher an den falschen Stellen haben dies bei der Auffüh- rung zum Teil auch bewiesen. Dennoch ist das Stück sehenswert, und die beiden Darsteller zeigen unter der Leitung von Regisseur Max Augenfeld beachtliche Leistungen, die das Geschehen nie ins Lächerliche oder Sentimentale ableiten lassen. Weitere Vorstellungen im Darmstädter Moller- haus in der Sandstraße finden am 18. und 19. September, am 16., 17. und 23 Oktober sowie am 5. November statt. |