Schlichtheit und Spitzentechnik

Rumänisches Staatsballett mit Tschaikowskis "Nussknacker" in Darmstadt
Peter Tschaikowskis Ballett-Kompositionen haben sich über hundert Jahre lang als "Renner" des internationa- len Repertoires behauptet. Neben "Schwanensee" spielt dabei der "Nussknacker" eine große Rolle, wird dieses Ballett doch gerade zu Weihnachten immer wieder gerne als Unterhaltung für die ganze Famile angeboten. In diesem Jahr hat das Staatstheater Darmstadt die Adventszeit mit einem Gastspiel des rumänischen Staatsballetts angereichert, und die ein- malige Aufführung war schon Wochen vorher ausver- kauft.

Nun haben solche Gastspiele regelmäßig den Nach- teil, dass die Musik vom Band kommt, da für ein Zusammenspiel mit dem lokalen Orchester Zeit und Geld fehlen und sich die Mitnahme eines ganzen Orchester nicht rechnet. Leider reicht die Qualität der Tonanlagen - und das gilt auch für das Staatstheater Darmstadt - nicht dafür aus, den Klang eines ganzen Orchesters raumfüllend und annähernd wirklichkeits- getreu wiederzugeben. Das mindert natürlich den musikalischen Eindruck und damit die mentale Grund- stimmung des Publikums.

Von der ersten Szene an überzeugte die technische Perfektion des kopfstarken Ensembles. Das gilt eben- so für die solistischen Leistungen wie für die Forma- tionen. Die Bewegungen saßen und wirkten gut ein- studiert. Wer jedoch weiter vorne saß und die Dar- steller beobachten konnte, musste bald eine masken- hafte Starre bemerken. Es fehlte die Freude an der Darstellung, die zu einer erfolgreichen Übertragung der richtigen Stimmung auf das Publikum unbedingt nötig ist. Das Lächeln der Tänzerinnen wirkte oft angestrengt und die Männer sahen eine Spur zu ernsthaft und innerlich angespannt aus. Die ganze Truppe wirkte etwas ausgebrannt, wie am Ende einer langen Tour- nee, was vielleicht auch der Fall war.

Ballett kann sich in Zeiten der über Fernsehen und Film in jeden Haushalt transportierten Höchstleistun- gen nicht mehr allein auf das rein Tänzerische be- schränken. Schauspielerische Darstellung und ideen- reiche szenische Auflockerung gehören heute unver- zichtbar zu einer erfolgreichen Choreographie. In die- sem Zusammenhang denkt man noch gerne an das erfolgreiche "Nussknacker"-Gastspiel des Wiesbade- ner Balletts vor einigen Jahren zurück, das geradezu vor Ideen sprühte.

Die Aufführung des rumänischen Staatsballetts leidet bereits etwas unter einem schlichten Bühnenbild. Zu Beginn begrüßt die Besucher eine in braune Abend- farben gehaltene Häuserfassade, an der die zum Weih- nachtsfest eintrudelnde Gesellschaft vorbeitanzt, bevor sie in dem Haus verschwindet. Die Szene im Haus spielt vor einer pompösen Wand in ebenfalls verbliche- nen Farben, während sich der Traum des kleinen Mädchens vor einem dunkelblauen Sternenhimmel abspielt. Während dieser Szenen ändert sich das Bühnenbild nicht oder unwesentlich, und Requisiten spielen eine eher marginale Rolle. Man beschränkt sich weit gehend auf die Säbel der kleinen Jungs, die durch die Wohnung toben und die Mädchen ärgern.

Die Kostüme glichen sich dem Bühnenbild an, sprüh- ten nicht gerade vor Farbe und schienen bezüglich Schnitt und Ideenreichtum bereits einige Jahre hinter sich zu haben.

Mit diesem Manko hatte eine Choreographie zu kämpfen, die im ersten Teil noch einige humor- volle Einfälle präsentierte, so wenn die Kinder sich streiten und gegenseitig necken, oder wenn der Zauberer kommt und den Kindern einen klei- nen Schrecken einjagt. Der zweite Teil jedoch, der Traum des Mädchens, in dem alle Spielzeuge plötzlich zum Leben erwachen und ein Eigen- leben führen, beschränkt sich weit gehend auf die Aneinanderreihung von anspruchsvollen Tanz- szenen. Ein Paar nach dem anderen betritt von hinten die Bühne, liefert eine beeindruckende Show von Sprüngen und Drehungen ab, um sich dann zu verbeugen, den Beifall entgegen zu neh- men und abzutreten. Keine ideenreiche Rahmen- handlung bindet diese Einzelauftritte zu einem märchenhaften oder bezaubernden Ganzen zusammen und schafft damit eine eigene, der Weihnachtszeit angemessene Stimmung.

Zwar kann man von einer Tournee-Truppe nicht unbedingt verlangen, dass sie mit einem auf- wändigen Requisiten-Vorrat reist, aber viele Ideen lassen sich auch mit einfachen, oft nur schau- spielerischen Mitteln erreichen. Die geringen finanziellen Mittel in Rumänien erklären diese Situation bis zu einem gewissen Grad, darüber hinaus hat man jedoch den Eindruck, dass dieses Ballett in den fünfziger oder sechziger Jahren stehen geblieben ist. Im Grunde genom- men hätte man den "Nussknacker" genau so auch vor hundert Jahren spielen können.

Dabei ist der hohe technische Standard dieser Truppe durchaus hervor zu heben. Es wird also offensichtlich intensiv und hart trainiert, also viel Zeit investiert, aber mehr in die athletische als in die künstlerische Ausbildung.

Das Publikum muss dies offensichtlich gespürt haben, denn sowohl der Szenenbeifall als auch der Schlussapplaus fielen zwar freundlich aber nicht begeistert aus, und die Kommentare beim Verlassen des Hauses zeugten nicht gerade von Euphorie sondern drehten sich eher um das Restprogramm des Abends.