Tragikomödie im Pendelschritt

Helena Waldmanns "Invasion der Pinguine" in Darmstadt
Ein Bühnenbild wie ein Kühlschrank empfängt die Besucher der neuen Tanz/Theater-Produktion des Staatstheaters Darmstadt. Kalte weiße Wände mit blauen Farbelementen suggerieren Eiseskälte, ein großflächiges "Passepartout" an der Rampe macht die Bühne zu einem Guckkasten, den man durchaus auch als Fernsehschirm interpretieren kann. Auf dem Hinter- grund entfalten sich Videobilder von einer sturmge- peitschten Eiswüste, der Wind heult. Man möchte dort jetzt nicht sein. Nach einiger Zeit erscheinen einzelne Pinguingestalten auf der Bühne, die scheinbar durch diese unwirtliche Landschaft ziehen. Schwerfällig dank der voluminösen Kostüme und doch leichtfüßig pen- deln die Darsteller in der typischen Bewegungsart der Bewohner des antarktischen Kontinents über die Bühne, den Kopf von einer Pinguin-Maske mit langem Schnabel bedeckt.


Die Pinguine beim Energie-Tanken

Aus dieser Situation entwickelt sich die knappe und doch bedeutungsschwere Handlung. Vier männliche Pinguine vertreiben sich die Zeit mit der Werbung um die einzige Pinguin-Dame, die sie alle zappeln lässt, mal dem Einen, mal dem Anderen Avancen macht, auch mal einen drastisch abstraft und darüber hinaus noch alle zum "Schnüffeln" an dem Tankzapfen einer von wo auch immer auftauchenden Benzin-Konsole verleitet - die Pinguin-Eva als Verführerin im Paradies. Nachdem sich die Pinguin-Herren von dem Rausch erholt haben, müssen sie ferststellen, dass sich die Dame mit dem Cleversten von ihnen zusammengetan hat, um dann mit diesem zum finalen Tête-à-tête in einem Kühlschrank zu verschwinden.

Kurz nachdem das Paar erotisch erfrischt aus dem Kühlschrank zurückkehrt, sie aufgekratzt und etwas verschämt, er in typisch männlicher Siegermanier, ent- steigt dem Kühlschrank die Frucht ihrer trauten Zwei- samkeit: ein überdimensionierter, hässlicher Pinguin, Kummer seiner Mutter, die sich vor Schrecken zusam- menkrümmt, und Vorbote einer bösartigen Umwelt- veränderung.

In der Folge überzieht eine "Hitzewelle" das kalte Paradies, die Pinguine verbringen ihre Zeit schlaff in Liegestühlen liegend und lassen sich von unbeholfenen Pinguin-Kellnern bedienen. Als surrealistischer Höhe- punkt schreitet ein zur Urwaldschönen kostümierter Pinguin mit Sonnenbrille und gefüllter Obstschale auf dem Kopf über die Bühne. Schluss ist mit den Sprün- gen ins Wasser - auf der Bühne dargestellt durch eine weiche Matte - und den wilden Schwimmausflügen in die Tiefen des nahrungsreichen Wassers. Schließlich verlieren die Pinguine gänzlich die Fähigkeit Fische zu fangen, setzen sich mit Angeln bewaffnet ans Wasser und träumen davon, diesen Kontinent mit auf dem Rücken festgeschnallten Raketen zu besseren Gefil- den zu verlassen. Der Ausblick ist trist, verheißt das Ende aller Tage und lässt sich von den Pinguinen trefflich auf die menschliche Gesellschaft übertragen.


Pinguine mit Liegestühlen

Die letztere Assoziation mag von der Autorin beabsich- tigt sein, wird aber nicht in penetranter Zeigefingerma- nier präsentiert. Helena Waldmann hat in erster Linie die soziale Umgebung der Pinguine studiert und mög- lichst naturgetreu auf die Bühne gebracht. Dass das Ganze dann so menschlich wirkt, liegt zum großen Teil an den Eigenarten dieser Tiere, die den Menschen in so Vielem ähneln: die Neugier, der Herdentrieb und die Bewegungen, die Ängste, Aggressionen, Angeberei und Ratlosigkeit ausdrücken. Angesichts dieser Ähn- lichkeit erübrigen sich plakative Hinweise auf die Parallelen zur menschlichen Gesellschaft.

In erster Linie jedoch hat Helena Waldmann den Humor zu Worte - besser: zur Bewegung - kom- men lassen. Die Bewegungen der Pinguine bie- ten sich dafür geradezu an, und die Darsteller haben die befrackten Antarktisbewohner offen- sichtlich genauestens studiert, so genau geben sie ihre Eigenarten wieder. Die Kostüme erlauben nur ein kurzes Trippeln, und beim Stehenbleiben rasten die Darsteller jedes Mal wie echte Pin- guine eine Stufe tiefer ein. Mit viel Liebe zum Detail werden die Hackordnungskämpfe und die kleinen Nickligkeiten zwischen den Pinguinen vorgeführt. Da setzt es schon mal kurze Ohrfei- gen mit dem Stummelflügel, oder man rempelt den Rivalen mit dem Bauch an, bis er verschwin- det. Um Aufmerksamkeit werben, die Gemein- schaft suchen und doch unter ihr leiden, gegen einen Widersacher aufmucken - das sind typi- sche Verhaltensweisen. Natürlich ist in jeder Szene die Assoziation an die menschliche Gesellschaft angelegt, aber durch die humoris- tisch-verstehende Interpretation entsteht keine aufdringlich-erzieherische Atmosphäre.

Breitflächige und lebendige Video-Präsentationen kommentieren das Geschehen auf der Bühne, so wenn eindrucksvolle Aufnahmen vom Abbruch großer Gletschermassen die Erderwärmung veranschaulichen oder immer wieder Pinguine ihre eleganten Kreise unter Wasser ziehen. Den Schluss bildet ein fast beänstigender "Exodus" von Tausenden Piguinen, die alle mit einer Rakete auf dem Rücken einem unbekannten Ziel entgegenmarschieren. Wenn überhaupt, dann beinhaltet diese Video-Sequenz eine etwas über- deutliche Symbolik, die andererseits an Kriegs- gefangenenkolonnen der Vergangenheit erinnert, andererseits an zukünftig zu erwartende Flücht- lingsströme gemahnt.

Dazu erklingt elektronische und Techno-Musik, für die Trixy Cris verantwortlich zeichnet. Diese Musik wirkt jedoch nie schrill oder provozierend sondern verströmt eine mal melancholische mal aufgekratzte Stimmung, die den wechselnden Befindlichkeitern der Pinguine entspricht.

Die sechs Darsteller - Chia-Yin Ling als Pinguin- Frau sowie Michele de Filippis, Giuseppe de Filippis, Guido Markowitz, Joaquim Sabaté, J. Alberto Marqués Toorent und Thomas Mohrbacher als Pinguin-Männer bzw. als Riesen- Pinguinbaby, hatten, bedingt durch die schweren Kostüme, Schwerstarbeit zu verrichten, mussten sie doch trippeln, tanzen, springen und sogar - in imaginärem Wasser - schwimmen. Sie entledig- ten sich dieser Aufgabe mit Bravour, Grazie, Temperament und viel Gespür für den jeweiligen Ausdruck der Gestik und Körpersprache.

Das Publikum dankte den Darstellern und der Regie mit lang anhaltendem, begeistertem Beifall und kräftigen "Bravo"-Rufen. Diesen hatten sich alle Beteiligten wahrlich verdient.