Groteske Show statt Schleiertanz

Richard Strauss´ "Salome" in der Deutschen Oper Berlin
Richard Strauss´ Oper nach einer neueren literari- schen Vorlage von Oscar Wild hatte bereits bei Ihrer Uraufführung Ablehnung, ja Abscheu hervor- gerufen. Zu sehr hatte der Komponist die groß- bürgerlichen Erwartungshaltungen an Opernunter- haltung und auch die gängigen Moralvorstellungen konterkariert. Nicht nur zeigte er eine der "Déca- dence" verfallene und nur dem Rausch des Konsum und Vergnügens lebende Gesellschaft, nein, er hob in damals unerhörter Form auch deutlich auf die sexuelle Auswüchse ab. Natürlich kann man im Jahre 2003 mit mehr oder minder nackten Frauen und erotischen Direktheiten keinen Skandal mehr provozieren, hat sich die Operngemeinde in dieser Hinsicht doch bereits daran gewöhnt, dies als unvermeidliche Beigabe hinzunehmen. Schlimmer für den gemeinen Besucher kommt es jedoch, wenn der heilige Kulturernst und die tiefsinnige Beschäf- tigung mit einem Kulturgut scheinbar vordergründig und rücksichtslos einem grellen Panoptikum und einer alles negierenden Farce geopfert werden.

Salome (Susan Anthony) und Narraboth (Clemens Bieber)

Dieses Gefühl beschlich viele Premierenbesucher am 5. April in der Deutschen Oper Berlin, als Regis- seur Achim Freyer und Dirigent Marc Albrecht ihre Interpretation der Strauss-Oper vorstellten. Und, um es schon vorab klar zu stellen, das Publikum teilte sich zum Schluss in zwei gleich große Hälften, von denen die eine nach dem letzten Ton sofort ein gellendes "Buuh"-Konzert intonierte, während die andere mit erst zögerlichem, dann begeistertem Beifall und "Bravo"- Rufen dagegen hielt.

Was war passiert? Schon das Bühnenbild muss viele Liebhaber und Kenner dieser sinnlich-schwülen Oper der vorletzten Jahrhundertwende verstört haben: eine aus nach unten spitz zulaufenden Drei- ecken zusammengesetzte schräge Ebene wird nach hinten von einer schmuddligen Wand mit abgegriffenen Gefängnistüren begrenzt, und das Ganze ist in ein kaltes Gelb gehüllt. Aus diesen Türen treten nach und nach die Personen als Ver- treter eines clownesken Panoptikums auf. Der Kommandeur der Palastwache, Narraboth, be- schwört die Schönheit der Prinzessin Salome, in die er offensichtlich verliebt ist. Er und seine in lächerliche Militärkostüme - Plastikeimer als Helm und Fahrradschläuche als Schärpen - gekleidete Soldaten bewachen den von Herodes wegen seiner umstürzlerischen religiösen Ideen in einer Zisterne gefangen gehaltenen Propheten Johanaan. Als Salome schließlich auftritt - mit großem Plüschtür und Schmollmund à la "Baby Doll" -, gewinnt die von Überfluss und Feiern übersättigte Nichte des Königs Herodes Interesse an dem geheimnisvollen Gefangenen und verführt Narraboth dazu, ihn gegen die Vorschriften vorzuführen. Als dieser jedoch ihr kindlich-besitzergreifendes Interesse verweigert und jede Annäherung ablehnt, wünscht sie aus verletz- ter Eitelkeit nur noch eins: ihn zu berühren und zu küssen. Als auch insistierende und fordernde Annä- herungsversuche bei dem standhaften Revolutionär nicht helfen, schlägt ihre Stimmung in Hass um, was sich in einer langen orchestralen Solopartie für eine am Bühnenrand vor sich hin brütende Salome niederschlägt.

Als sich der von Ausschweifungen übersättigte Herodes - wie alle Personen durch ein gestreiftes Sträflingskostüm als im Konsum Gefangener gekennzeichnet - seiner jungen Nichte im Beisein ihrer Mutter und seiner Frau Herodias mit eindeuti- gen Absichten nähert und ihr alles für einen sinnli- chen Schleiertanz anbietet, sieht sie ihre Chance. Scheinbar desinteressiert ablehnend, treibt sie seine Begierde bis zu einem Punkt, an dem sie ihm den blinden Schwur abnehmen kann, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Als der vor Verlangen blinde Herodes zustimmt, tanzt sie für ihn. Der nun fol- gende Schleiertanz wird zum Mittelpunkt der Oper und zum Höhepunkt der Groteske. Zu einer orien- talisch anmutendem Musik mit stark sinnlicher, ja schwüler Ausprägung organisiert Salome einen "Showtanz", bei dem sie den gesamten Hofstaat in lächerlichen Posen herumstolpern lässt. Der Kontrast zwischen der intensiven, erotischen Musik und dem bewusst dilettantischen "Break Dance" auf der Bühne degradiert die Protagonisten zu einer Bande würdeloser und vollständig ihrer selbst entäußerter Gestalten, die nur noch eins suchen: das ultimative und permanente "Event".

Herodes (René Kollo) und Salome

Nach dem Tanz enthüllt Salome ihrem ent- setzten Onkel ihren Wunsch: den Kopf von Johanaan auf einem Silbertablett. Herodes versucht - aus politischem Kalkül wegen eines drohenden Märtyrertums des Gefangenen und aus einem unerwartetet letzten Rest von Skru- peln - diesen Wunsch abzuschwächen und ihn in materielle Güter umzumünzen. Doch ver- geblich: resignierend muss er der Insistieren- den nachgeben, und kurz darauf rollt der Kopf des Hingerichteten auf die Bühne und in Salomes Arme. Diese genießt ihren Triumph über den Mann, der sie verschmähte, nur um nach längerem Monolog zu erkennen, dass sie diesem toten Schädel keine Liebesbeweise mehr entlocken kann, dass man folglich Zunei- gung nicht erzwingen kann und dass sie am Ende die Verliererin ist. Der über dieses Schauspiel entsetzte Herodes macht mit der unmenschlichen Farce Schluss, indem er Salome von seinem Hofstaat umbringen lässt.

Achim Freyer, von Hause aus Maler und von Zeit zu Zeit Opern- und Schauspielregisseur, hat der Strauss-Oper eventuelle orientalisch-sinnliche Aspekte gründlich ausgetrieben und damit die genussvoll zurückgelehnte Rezep- tion einer zum Kunstwerk erstarrten Kritik an einer lange zurück liegenden Zeit verhindert. Er rechnet auf der Bühne mit dem Hedonismus und dem schrankenlosen Konsumrausch der heutigen Zeit ab, jedoch nicht mit billigen Ver- satzstücken der außertheatralischen Realität, sondern durch die Verweigerung jeglicher künstlerischen Überhöhung. Seine Personen sind allesamt lächerlich, mit Fratzen und Fetzen versehen, breit geschminkten markt- schreierischen Mündern und extremen Selbst- stilisierungen wie am Beispiel der exzentri- schen Herodias. Der Hofstaat besteht nur aus Popanzen, Herodes selbst zeichnet sich durch einen schmierigen Zynismus aus, und die jüdischen Oberpriester sorgen sich vor allem um ihre eigene Eitelkeit und Bedeutung. In diesem grausigen Panoptikum macht nur Johanaan eine Ausnahme. Im schlichten, symbolisch weißen Beduinenkostüm mit einem aufgedruckten stilisierten Sturmgewehr und Palästinenser-Kopftuch steht er für den religiös motivierten Revolutionär des heutigen Orients, ohne dass diese Analogie im Detail ausgeführt wird. Auch darstellerisch hebt er sich mit seiner so ruhigen und doch aus- drucksstarken Stimme von den bewusst hek- tischen Selbstentäußerungen der anderen Protagonisten ab. Freyer erliegt nicht der Versuchung sich anbietender plakativer Hin- weise auf aktuelle politische Ereignisse. Nur hinter einer Tür wird von Zeit zu Zeit ein Fern- seher mit Kriegsszenen aus dem Irak sichtbar. Auf dieses Zugeständnis an den Zeitgeist hätte man verzichten können, es trägt jedoch nur marginale Züge.

Die Musik fügte sich in dieses Bild konse- quent ein. Marc Albrecht, fünf Jahre lang Generalmusikdirektor in Darmstadt und während dieser Zeit des Öfteren im Mittelpunkt von "Egotrip"- Rezensionen, hat die Musik von Richard Strauss extrem geschärft. Auch hier keine Zugeständnisse an einen "falschen" Wohlklang. Mit äußerster Transparenz und Trennschärfe arbeitete er mit dem vorzüglichen Orchester der Deutschen Oper die Konturen dieser provokanten Partitur heraus. Sowohl die schneidenden Schärfen bestimmter Instrumen- tierungen, vor allem bei den Bläsern, als auch die volle Kraft des Orchester kamen zur Gel- tung. In den Fortissimo-Stellen führte er den Klangkörper an die Grenzen des akustisch Machbaren und unterstrich damit das kako- phonische Chaos der Handlung. Doch auch im sinnlich-lyrischen Part des Schleiertanzes zeigte das Orchester seine Fähigkeiten, wenn es die Grundzüge der Musik dem grotesken Ballett auf der Bühne entgegensetzt. Aller- dings vergaß Marc Albrecht von Zeit zu Zeit die Darsteller auf der Bühne, die es nicht immer leicht hatten, sich stimmlich gegen das dominierende Orchester zu behaupten.

Die Erschlagung Salomes

Die Darsteller glänzten durchweg sowohl stimmlich als auch schauspielerisch, allen voran Susan Anthony als Salome und Greer Grimsley als Johanaan. Sie erhielten auch den meisten, ,ja geradezu begeisterten Beifall des Publikums. Daneben überzeugten auch René Kollo als Herodes, Ute Walther als seine Frau Herodias und Clemens Bieber als Narraboth. Auch die Nebenrollen waren gut besetzt und zeigten keine merklichen Schwächen, so dass der Schlussbeifall für das gesamte Ensemble in jeder Hinsicht verdient war. Das galt jedoch nicht für die Regie. Achim Freyer musste sich für seine provokante Inszenierung heftigste Proteste von einem großen Teil des Publikums gefallen lassen; zu sehr hatte er gewohnte Erwartungshaltungen unterlaufen und ent- täuscht. Doch die andere Hälfte des Publi- kums spendete ihm begeisterten Applaus, und diesen Zuschauern dankte er mit breitem Lächeln. Diese Inszenierung wird sicherlich breite und tiefe Spuren in der Berliner Kultur- szene hinterlassen, ob sie sich allerdings als "Publikumsrenner" erweist, darf bezweifelt werden.

Copyright für alle Bilder dieser Rezension bei Monika Rittershaus.