Fin de Siècle - entschlackt

Richard Strauss´ Oper "Salome" im Staatstheater Darmstadt
Nur selten bietet sich einem Rezensenten die Gelegenheit, eine selten gespielte Oper innerhalb von sechs Wochen in zwei unterschiedlichen Neuinszenierungen zu sehen. Wir hatten dieses Glück und konnten nach der umstrittenen "Salome" - Inszenierung in der Deutschen Oper Berlin Anfang April Ende Mai die Neueinstudierung des selben Stückes von Friedrich Meyer-Oertel im Staats- theater Darmstadt erleben.


Elisabeth Hornung als Herodias, Wolfgang Neumann als Herodes und Doris Brüggemann als Salome

Nun würde man üblicherweise annehmen, dass die so genannte Provinz von den großen Bühnen lernen kann und zwangsläufig immer in deren Schatten stehen wird. Doch wie schon bei der Meininger "Ring"- Inszenierung hat auch Darmstadt bewiesen, dass man ein scheinbar verstaubtes Sujet aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts durchaus ohne radikale Brüche in die Neuzeit retten kann. Wir können uns hier den Rekurs der Handlung ersparen und einfach auf die Berliner Aufführung verweisen. Dafür wollen wir uns hier der unterschiedlichen Auffassung der Regisseure und Dirigenten widmen.

Wo Achim Freyer und Marc Albrecht in Berlin das Groteske und Farcenhafte des Sujets betonten und ohne jegliches Zugeständnis an die Opern-Tradition umsetzten, da gelingt Meyer-Oertel mit einer nur scheinbar traditionellen Inszenierung eine erstaun- liche, weil durchaus nicht nur süffige und im Sinn- lichen verharrende Aufführung, die diesem Stück seine Bedeutung auch ohne provozierenden Aufsatz entlockt. Dabei hatte er durchaus mit einem Besetzungsproblem zu kämpfen, denn sein "Star" Doris Brüggemann ist bei aller stimmlichen und auch schauspielerischen Brillanz nicht unbedingt der Typ Frau, der ein junges, verwöhntes und ver- spieltes, von den Männern angebetetes Mädchen glaubhaft darstellen kann. Und obwohl es der Opernbesucher mittlerweile gewohnt ist, Abstriche bei dem Bühnenabbild der meist idealisierten Pro- tagonisten zu machen, ist es nicht immer einfach, die Vorstellungen des Komponisten in den realen Personen auf der Bühne wieder zu erkennen.

Und dennoch, Doris Brüggemann gelang dieses Kunststück eigentlich von Anfang an, wobei ihr jedoch die Personenanordnung und das Bühnenbild halfen. Meyer-Oertel hatte zusammen mit seinem Bühnenbildner Harald Thor ein so einfaches wie zwingendes Ambiente aufgebaut. Inmitten eines nach hinten aufsteigenden Podestes aus Metall- platten öffnet sich ein stollenartiger Schlund in den Kerker, der dem Zuschauer geradezu wie ein Mene- tekel entgegenstarrt. Auf der Bühnenrückwand präsentiert sich ein riesengroßer Mond, der in seiner Kälte und scheinbaren Starrheit die kalte Welt der Gesellschaft symbolisiert. Folgerichtig verschwindet der Erdtrabant, wenn sich die Hand- lung von dem rational Abgezirkelten zum irrational Sinnlichen wandelt, und lässt nur ein schwarz drohende Fläche zurück.

Meyer-Oertel legt die Inszenierung von Anfang an auf menschliche, allzu menschliche Figuren an. Herodes (Wolfgang Neumann) ist ein mitten im Luxusleben stehender Mann zwischen Fünfzig und Sechzig, im Gegensatz zur Berliner Inszenierung kein karikierter Vertreter einer pervertierten Spaß- gesellschaft, sondern ein bei allem Hang zu Laster und Luxus durchaus rational denkender und macht- bewusster Potentat. Seine Frau Herodias (Elisabeth Hornung) zeigt sich zwar angewidert von ihrem Gatten, aber wohl hauptsächlich wegen seiner Augen für ihre Tochter Salome und weniger aus moralischen Bedenken, vertreibt sie sich doch die Zeit bei engen Fingerspielen mit einem jungen Galan. Narraboth (Scott MacAllister) macht in dieser Inszenierung seinem Namen Ehre, führt er sich doch angesichts der für ihn unerreichbaren Salome wie ein Narr auf und entleibt sich selbst, als er der Liebe Solmes zu Johanaan gewahr wird.


Wolfgang Neumann udn Elisabeth Hornung

Ein schwieriges Problem bestand sicherlich in der Charakterisierung der jüdischen Religionsgelehrten, und besonders im Deutschland auch des frühen 21. Jahrhunderts verlangt die Darstellung dieser Klientel immer noch sehr viel Fingerspitzengefühl. Man denke nur an Faßbinders Theaterstück "Der Müll, die Stadt und der Tod", das ausreichend Stoff für Kontroversen gab. Meyer-Oertel lässt die Schrift- gelehrten als eine Gruppe wild diskutierender Wissenschaftler auftreten, die ewig um Herodes schwarwänzeln, permanent den Tod des "falschen" Propheten fordern und die lange schwankende Stimmung des Herodes mit ambivalenter Spannung, Enttäuschung und schließlich satter Zufriedenheit begleiten.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht jedoch eindeutig Salome, die Namensgeberin der Oper. Während die Berliner Inszenierung dem Johanaan viel Raum als integrer und konse- quenter Gegenpart einer vollständig perver- tierten Gesellschaft gewährt, führt Meyer-Oertel ihn auf seine reine Katalysatorfunktion zurück. Er stellt sich zwar als konsequenter und unbeugsamer Charakter dar, doch die Attribute der Lichtgestalt fehlen ihm. Er bleibt auf die Situation des Gefangenen reduziert, der die Welt verachtet, ihr ein schlimmes Ende vorhersagt und letztlich nur dem jungen Mäd- chen als Passepartout für ihre übersteigerten Wunschbilder dient. Nie steigt er wirklich zu dem großen Gegenspieler der anderen Figuren auf, bleibt auch dramaturgisch der Einsiedler. Im Mittelpunkt steht bei Meyer-Oertel immer Salome, und Doris Brüggemann verleiht ihr alle Attribute der so naiven wie verschlagenen jungen Frau. Bei aller Jugendlichkeit weiß diese Salome, wie sie die Männer und ihre Gier nach ihrem Leib nutzen kann, sei es nun der etwas biedere Narraboth oder ihr Stiefvater Herodias. In einer nur noch intuitiv zu beschrei- benden Berechnung verfolgt und erreicht sie ihr Ziel: den Kopf Johanaans. Der Prophet war der einzige, den sie nicht manipulieren konnte, und das ist der eigentliche Grund. Die Ableh- nung eines Mannes muss bei dieser Frau, der Allen bis dahin zu Füßen lagen, traumatische Erfahrungen bewirken. Wenn mich nur einer ablehnt, ist diese genau so, als ob mich alle ablehnten, scheint sie sich zu sagen. Und während der langen, stimmlosen Instrumental- szene nach dem Auftritt mit Johanaan windet sie sich förmlich vor verletzter Eitelkeit und getroffenem Stolz. Doris Brüggemann lässt dabei die Entwicklung der Gedanken von der Gekränktheit über die Rachegedanken bis zum finalen Entschluss mimisch und gestisch deutlich werden.

Der Höhepunkt der Inszenierung liegt jedoch in der letzten großen Szene, wenn Salome mit dem abgetrennten Kopf des Johanaan redet, ihn küsst, eine Antwort von ihm verlangt und schließlich in Enttäuschung darüber erstarrt, dass auch der von Rache getriebene Tod dieses Mannes ihr nicht die erträumte Befrie- digung verschafft. Ein Toter kann nicht mehr lieben, und seine Augen starren sie nur kalt und teilnahmslos an. Die letzte, zwischen Ekstase und Verzweiflung changierende Liebkosung des blutigen Kopfes erweist sich als Geste des endgültigen Verlustes. Doris Brüggemann verlieh dieser Szene eine eindrucksvolle Dichte und Tiefe, die das Publikum über die gesamte Länge dieser ausgedehnten Szene in Atem hielt. Auch die auf der Bühen verbleibenden Herodes und Herodias beschränkten sich auf eine stoische (Herodias) oder entsetzte (Herodes) Beob- achtung dieser Szene. Folgerichtig schließt der mit einem Rest von menschlichem Emp- finden ausgestatte Berodes die Szene und das Stück mit dem Befehl, Salome zu töten.

Die Musik von Richard Strauss gewann in dieser Aufführung Plastizität und Transparenz zugleich. Natürlich war es für die Sänger, vor allem Doris Brüggemann in der ersten langen Szene, schwer, sich gegen das Orchester durchzusetzen, und man verstand vom Text nicht sehr viel. Doch darum geht es speziell in dieser Oper (und in den meisten anderen) gar nicht. Die äußere Handlung sollte der Besu- cher sowieso kennen, und sei es aus dem Progarmmheft, die innere jedoch erschließt sich im Wesentlichen aus der Musik sowie aus Gestus und Gesang der Sänger(innen). Das Innenleben findet in der Musik und nicht im Text statt. Singen ist nicht gleich Reden und in der Oper dem Letzteren weit überlegen. Von daher muss man die akustische Über- deckung der Solisten mit anderen Augen sehen. Dirigent Stephan Blunier ließ die reiche Polyphonie dieser Partitur und die weit gefä- cherten Klangbilder geradezu aufblühen, und nahezu Wort für Wort interpretierte und ver- stärkte das Orchester mit dieser Musik die Handlung und die Emotionen der Protago- nisten. Da bleibt zwar oft die klassische Harmonie auf der Strecke, doch dies ent- spricht nur dem Menschenbild auf der Bühne, das ebenfalls alles Andere als harmonisch wirkt. Das Orchester schlug das Publikum mit dem dichten, geradezu wie eine Droge wirken- den Klang nahezu zwei Stunden in seinen Bann und ließ es dabei keine Sekunde lang an Spannung fehlen.

Das Premiernpublikum wusste diese große Leistung zu schätzen und dankte dem gesamten Ensemble - allen voran einer großartigen Doris Brüggemann - mit begeistertem, von vielen Bravo-Rufen durchsetzten Beifall.