Humorvolles Singspiel um Sancho Pansa

Antonio Caldaras Oper "Sancho Pansa und Don Quichotte auf der Insel" in Darmstadt
Miguel de Cervantes "Don Quichotte", eins der wich- tigsten Werke der Weltliteratur, hat im Laufe der Zeit unzählige Künstler verschiedener Richtungen zur Weiterbearbeitung animiert. Einer von ihnen war Antonio Caldara (1670 - 1736), der in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts für den Wiener Hof eine Reihe von vorklassischen Opern komponierte. Eine von diesen stellt die beiden komischen Figuren des spanischen Dichters in ihren Mittelpunkt.


Don Quichotte(Georg Nigl) und Sancho Pansa (Peter Bording)

In dieser Oper führt Caldara neben den üblichen Episoden - der Kampf mit den Windmühlen, der Angriff auf eine irrtümliche für eine Räuberbande gehaltene Prozession und der Raub des Barbierbeckens als Helm des berühmten Helden Mambrin - auch eine weniger bekannte Nebengeschichte aus dem Roman über den verspäteten Ritter ein: der von Don Quichottes "Heldentaten" äußerst amüsierte Herzog lässt ihn in einem Zweikampf gegen einen jungen Ritter antreten und verspricht seinem Knappen Sancho Pansa die Herrschaft über eine ganze Insel, falls sein Herr das Duell gewinnt. Wie der Zufall es will, gewinnt Don Quichotte tatsächlich, weil der junge Ritter nur Augen für die schöne Leonissa hat. So kommt Sancho Pansa plötzlich und unversehens zu Gouverneur- Ehren. Den Einwohnern der Insel passt dies überhaupt nicht, weil neue Besen bekanntlich gut kehren, und sie versuchen sofort, ihn nach allen Regeln der Kunst einzuwickeln. Doch beim ersten offiziellen Gerichts- termin beweist Sancho mit seinem gesunden Men- schenverstand erstaunliches Augenmaß, entlarvt eine betrügerische Dirne und einen lügenden Greis und zeigt sich als unangenehm unbestechlich. Als jedoch Don Quichotte in seinem unübertroffenen Edelmut der jungen Lucinde die Flucht vor ihrem ungeliebten Bräutigam Rezio ermöglicht, unterstellt man ihm flugs Ent- wie Verführung und verprügelt ihn samt Knappen gründlich. Sancho ist darauf der Statthalterschaft endgültig überdrüssig und Don Quichotte körperlich schwer lädiert. Zum Abschluss steckt Sancho das Bestechnungsgeld der reuigen Insel-Bürger Lucindes wahrem Geliebten Ramiro zu, der dadurch plötzlich an Stand gewinnt, und verschwindet mit Don Quichotte zu neuen Abenteuern.

Zugegeben, die Handlung ist nicht gerade sehr ausge- fallen und phantasievoll. Hier tobt sich eher die "Opera buffa" aus, die mit handfesten Scherzen und vorder- gründigen Klischees arbeitet. Die Knittelverse verbeiten bereits eine eigene Art von Humor, die jedoch - beson- ders so kurz nach der närrischen Zeit - inhaltlich wie formal oftmals deutliche Nähe zu Büttenreden aufwei- sen. Die Dramaturgie der Oper selbst ist eher als Schauspiel mit Musik angelegt. Jede Szene wird mit ausführlichen Dialogen eingeleitet und dem Publikum vorgestellt, nur um dann in einer Arie einer der Haupt- darsteller zu enden. Man sieht, dass diese Opern für die Sänger zugeschnitten wurde und daher nach jeder Arie genug Handlungsleerlauf für ausgiebigen Beifall lässt.

Regisseur Jan Konieczny hat die Oper um Sancho Pansa herum aufgebaut. Nicht sein Herr ist dramatur- gischer Chef im Ring sondern der Knecht. Sancho hat von Anfang an Gelegenheit, seine geradlinige Den- kungsart vorzuführen, die sich eher aufs Essen als auf nebulöse Heldentaten konzentriert. Schon wenn Don Quichotte ihm befiehlt, den Palast der Dulcinea in Toboso aufzusuchen und für ihn um sie zu werben, wendet er nur kurz ein, dass Toboso ein stinkendes Nest ohne jegliche palastähnliche Gebäude sei, und begibt sich dann folgsam davon, nur um sich hinter der nächsten Ecke auszuschlafen und anschließend seinem Herrn die erwünschten Geschichten von Dulcineas Palats zu erzählen. Im Weiteren kommen- tiert Sancho trocken die Verrücktheiten Don Quichottes - natürlich sieht man diesen auch gegen gewaltige Windmühlenflügel kämpfen - und den Höhe- punkt findet Sanchos Vernunft schließlich in den lebensnahen Richtersprüchen und danach im weisen Abschied von der garstigen Politik.

Trotz aller Komik und vieler guter Einfälle leidet die Inszenierung doch unter der Überlänge der einfach gereimten Sprechszenen. Da hätte man noch viel kürzen können, denn der Witz der Knittelverse erschöpft sich schnell und erinnert - wie bereits erwähnt - doch etwas zu sehr an die Fastnacht. Warum musste man zum Beispiel drei Gerichtsszenen zeigen? Eine oder zwei hätten zum Verständnis der Handlung auch gereicht. Und viele Dialoge hätte man gefahrlos kürzen können. So jedoch zieht sich das Stück vor allem nach Pause etwas quälend in die Länge, da die Situationskomik sich nicht ent- scheidend fortentwickelt. Zwar sind einige Szenen recht gut geglückt, so wenn der Doktor auf der Insel dem hungrigen Sancho aus medizi- nischen Gründen jegliche Nahrungsaufnahme verbietet oder wenn der selbstgefällige Herzog das folgsame Lachen seines liebedienerischen Hofs dirigiert, aber jeder Witz wird ausgiebig ausgewalzt, als ob das Publikum ihn beim ersten Male nicht verstehen würde. Auch das Zusam- menspiel von Handlung und Musik folgt zwar exakt der Partitut, doch lange Orchesterpassa- gen zwischen zwei "Strophen" eines Vortrages lassen die Darsteller auf der Bühne wie "lebende Bilder" bis zum nächsten EInsatz erstarrt dastehen.


Sancho Pansa und Bonita (Ulrike Leithner)

Die Musik selbst wird vom Orchester unter der Leitung von Raoul Grüneis mit sehr viel Sorgfalt und Akzentuierung vorgetragen. Sie stellt einen wesentlichen Aktivposten der Inszenierung dar. Man wartete geradezu ungeduldig auf den nächsten Einsatz des Orchesters, wenn die Handlung auf der Bühne sich zu sehr in die Länge zog.

Die Darsteller machten das Beste aus ihren Rollen, vor allem der dem Darmstädter Publikum aus früheren Tagen (Figaro) wohl bekannte Peter Bording, der hier als Schelm wieder einmal in seinem Element war. Man sah ihm förmlich an, wieviel Spaß ihm der Auftritt als bauernschlauer Sancho Pansa machte. Ihm standGeorg Nigl als Don Quichotte wenig nach, der die Rolle des verwirrten Ritters mit stolzgeschwellter Brust und viel Gefühl für die tragikomische Seite dieser Figur gestaltete. Elisabeth Hornung gab die resolute Ehefrau des Haushofmeisters Alvaro, den Thomas Fleischmann als kleinen Patriarch karikierte. Horst Schäfer als selbstgefälliger Herzog, Hege Gustava Tjønn als Lucinde, Fred Hoffmann als Ramiro und Hans-Joachim Porcher als Arzt Dr. Rezio alias "Robert T-Online" mit gelbem Haarschopf rundeten das Ensemble ab.

Die Kostüme von Karl Gölkel betonen das Groteske der Szenerie, wenn die Frauen mit weit ausladenden spitzen Brüsten und riesigen, entenhaften Hinterteilen auftreten. Dazu tragen alle Darsteller außer den beiden Protagonisten übergroße Haarfrisuren. Das Bühnenbild vom Matthias Müller zeigt entweder die kahle Ebene der Mancha mit der unvermeidlichen Windmühle im Hintergrund oder eine gemäßigt spanische Umgebung.

Das Publikum verabschiedete das Ensemble mit mehr als freundlichem aber nicht begeistertem Beifall, konnte sich jedoch einige Buhs für die Regie nicht verkneifen. Das war wohl die Reak- tion auf die Überlängen bei den Sprechszenen und die zeitweise platten Knittelverse.