| Performance über die tragische Geste |
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Lindy Annis´ "Shorts" im Berliner "Podewil"-Theater |
Das "Podewil" in der Berliner Klosterstraße, nahe dem Alexanderplatz, ist ein alternativer Kulturtreffpunkt abseits der großen Kulturtempel, jedoch voll innovativer und kreativer Experimente und Ideen. Schon in dem etwas kargen Foyer empfangen den Besucher Video- Installationen auf multiplen Bildschirmen mit Variatio- nen eines Bewegungsthemas. Man stimmt sich dabei sozusagen auf die bevorstehende Performance ein.
Die Amerikanerin Lindy Annis, nach eigenen 41 Jahre alt, lebt seit einigen Jahren in Berlin. In der Perfor- mance "SHORTS: an Encyclopedia of Tragic Attitudes" stellt sie die Variationen menschlicher Gesten in den Mittelpunkt. Zu Beginn zeigt sie mit Projektionen bewegter Bilder am Beispiel eines männlichen Darstellers die typi- schen Körperhaltungen zu bestimmten emotionellen Situationen, wie wir sie auch von großen Darstellungen der abendländischen und orientalischen Kunst kennen. Da sieht man die Unterwerfung, die Ratlosigkeit, die Verehrung, das Flehen und andere menschliche Grundsituationen, ausgedrückt durch die Körper- haltung. Lindy Annis präsentiert diese Haltungen mit knappen, nüchternen Bezeichnungen. In den folgenden vier Darstellungen wendet sie diese Haltungen auf bestimmte literarische und autobio- graphische Vorlagen an. Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" liest sie auszugsweise aus einem Taschenbuch vor und inszeniert die selbe Szene dreimal: das erste Mal in vollem Wortumfang mit gestischer Unterstützung, im zweiten Durchgang mit stark reduziertem, teilweise nur angedeuteten Text und im dritten und letzten Gang ohne Stimme, doch mit Mundbewegungen und der selben Gestik. Auf diese Weise verschiebt sie den Ausdruck Stück für Stück von der Stimme zur Gestik, mit dem Ziel, die Aussage dieses Textstückes auch ohne Worte zu übermitteln. Die nächste Szene, “Lazy Legs” betitelt, präsentiert Lindy Annis hinter einem Tisch sitzend an der Büh- nenrampe. Die nackten Knie ihrer gestiefelten Beine sind mit einfachen Mitteln zu Gesichtern geschminkt. Das eine lacht, das andere schaut mürrisch ins Publikum. Das erste ist immer in Bewegung, agil und fast aufgeregt, das andere eher ruhig und etwas ruppig. Man kann hier leicht ein Das DiePaar erkennen, das typisch weibliche und männliche Verhaltensweisen zeigt. Diese durchaus humoristische Einlage wird er- gänzt durch ähnliche Gesichtsspiele der Hände. Anschließend lässt Lindy Annis fünf fiktive weib- liche Personen auf zwei Fingern über den Tisch trippeln und ihre unfertigen Biographien erzählen. Die letzte ist sie selbst, und die anderen sind lediglich mögliche Variationen ihrer eignen Bio- graphien. “Auerbachs Keller” geht implizit von den berühmten Faust-Zitaten “... und bin so klug als wie zuvor...” bzw. “...und sehe, dass wir nichts wissen können...” aus und bietet einen quälend langen Monolog von hoffnungslosen Selbstbe- zichtigungen wie “I know nothing ... I am nothing ... nothing”. Hier greift Lindy Annis offensichtlich zu hoch und verliert sich in Pseudo-Tiefsinn. Zum Schluss zitiert sie Tschechows “Kirschgarten”, indem sie die (tote?) Olga Andrejewna im Himmel anruft und ihr mitteilt, dass die Zeiten sich gewandelt haben. Gesten und eingestreute Mini- Szenen lassen sich jedoch nur verstehen, wenn man Tschechows Stück kennt. Ohne diese Kenntnis bleibt diese Performance für den Besucher im Dunkeln. Alles in Allem eine nur zeitweise eindrucksvolle Performance mit Leerlauf und einigen Regie- schwächen. Die fehlende Ausstrahlung der Künstlerin, wohl auch durch die bewusste Nüchternheit bedingt, lässt die Aufführung phasenweise in Unverbindlichkeit und Beliebigkeit verharren. Die Gestik steht öfter ohne eine klare Bedeutung für sich, dafür ist jedoch das panto- mimische Moment nicht stark genug. |