Shakespeare im Kleinformat

William Shakespeares "Titus Andronicus" im Deutschen Theater Berlin
In der heutigen Theaterlandschaft, die sich - ver- ständlich - durch Experimente und Neuerungen zu definieren und weiter zu entwickeln versucht, stellt die Inszenierung eines Shakespeare-Stückes immer eine Herausforderung dar. Die Kompromiss- losigkeit und die menschlichen Abgründe seiner Figuren verlangen im Zeitalter der kritisch-intellek- tuellen Rezeption besonderes Fingerspitzengefühl des Regisseurs, da das Publikum sich nicht mehr naiv in das Geschehen auf der Bühne einlässt und die dramatischen Ereignisse eher durch eine ironi- sierende Distanz aufnimmt. Da bedarf es schon hervorragender schauspielerischer Leistungen und eines überzeugenden Regiekonzepts, wenn man das Abgleiten ins Peinliche oder Nur-Schreckliche vermeiden will.

Das Trauerspiel "Titus Andronicus" unterliegt diesen Randbedingungen in besonderem Maße, stellt es doch nicht zielgerichtet bestimmte menschliche Schwächen oder Leidenschaften in den Mittelpunkt des Gesche- hens sondern eine Reihe von politisch-menschlichen Untaten, die mehr dem Umfeld als den Personen ent- springen.

Der Feldherr Titus Andronicus kommt siegreich, doch mit einem weiteren toten Sohn, aus dem Felde zurück. Als Opfer für den toten Sohn befiehlt er die Tötung des ältesten der drei Söhne der gefangenen Gotenkönigin Tamora gegen deren flehentliche Bitten. Das Volk Roms fordert Titus als Nachfolger des verstorbenen Kaisers, doch dieser folgt der Staatsraison und benennt formell korrekt den ältesten Prinzen Saturninus gegen den Rat seines eigenen Bruders Markus zum Nachfolger. Saturninus in seiner offensichtlichen Dümmlichkeit kann jedoch seinem jüngeren und ehrgeizigen Bruder Bassianus nicht das Wasser reichen. Als er Titus´ Tochter Lavinia zur Frau und Kaiserin fordert und erfährt, dass sie bereits seinem Bruder ver- sprochen ist, wählt er kurzer Hand die gerade anwesende Gotenkönigin Tamora zur Frau. Diese erkennt sofort die Gelegenheit zur Rache und sagt dem tumben Kaiser zu, Freude und Liebe heu- chelnd.

Mit Hilfe ihres schwarzen Dieners Aaron beginnt sie unverzüglich mit dem Rachewerk. Ihre beiden jünge- ren Söhne, knapp dem Knabenalter entwachsen, brin- gen unter Aarons Anleitung Bassia- nus um und er- halten von der Mutter den Frei- brief, die nach Bassianus su- chende Lavinia zu schänden. Die Geschundene entlassen sie ohne Hände und Zunge, um ihre Aussage zu verhindern. Aaron lockt zwei von Titus´ verbliebenen Söhnen bei der Jagd in eine Fallgrube, in der bereits der getötete Bassianus liegt. Ein gefälschter Brief macht sie für Bassianus´ Tod verantwortlich. Als Aaron eine Hand von einem Familienmitglied der Todgeweihten gegen deren Leben fordert, opfert Titus seine Linke, nur um kurz danach die Köpfe seiner Söhne zusammen mit seiner Hand serviert zu bekommen. Sein letzter Sohn Lucius wird verbannt und muss fliehen.

Zeitsprung. Lucius hat ein Heer gesammelt und marschiert als dessen Anführer auf das wehrlose Rom zu. Tamora beschließt, den vermeintlich senilen und blind trauernden Titus zu einem Gast- mahl zusammen mit Lucius zu bewegen, um die- sen umzubringen. Titus jedoch erfährt von Lavinia über Umwege, wer ihre Schänder waren. Als Tamora mit ihren Söhnen bei Titus erscheint und sich als Traumgestalt mit zwei Adlaten ausgibt, die ihm die Rache an den Tätern verspricht, wenn er ihr vertraut, spielt er den gebrochenen und leicht- gläubigen Alten, bittet aber um die Gesellschaft der beiden Gehilfen der angeblichen Fee. Kaum allein mit ihnen, bringt er sie mit Hilfe seiner Familie um und bereitet aus ihren Leichnamen das Gastmahl für das Kaiserpaar. Inzwischen hat Lucius den intriganten Aaron gefangen, erpresst ihn mit dem Leben seines mit der Kaiserin gezeugten Kindes, die wahren Hintergründe der Morde zu offenbaren, und bringt anschließend beide um.

Beim anschließenden Gastmahl lässt Titus das ahnunlose Kaiserpaar erst die Speise aus Tamoras Söhnen verzehren und tötet dann die eigene Tochter, um ihr ein Weiterleben in diesem Zustand zu ersparen. Dem darob entsetzten Kaiserpaar verrät er das Rezept der Speise und bringt dann beide um. Zum Schluss erdolcht er sich selbst. Übrig bleibt Lucius, der mit dem Schlusssatz der Hoffung Ausdruck verleiht, das so etwas nie wieder geschehen möge.

Wie hat Hans Neuenfels diesen mörderischen Stoff umgesetzt? Eine wichtige Randbedin- gung für eine Inszenierung ist unter anderem die Bühne. Shakespeare-Dramen brauchen eine große Bühne mit viel freiem Raum, um die Personen in ihrem Verhältnis zum Schicksal zu zeigen, und liege dieses Schick- sal auch in ihren eigenen Genen. Dadurch verlieren die Handlungen das Alltägliche und Profane.

Die Bühne im Deutschen Theater ist jedoch klein, entspricht eher dem alten "Guckkasten"-Theater. Neuenfels macht sie durch das Büh- nenbild - Rückwand und zwei Seitenwände simulieren ein etwas größeres Zimmer - noch kleiner, sozusagen zur Kammerbühne. Damit gerinnt Shakespeares Tragödie zum Familien- drama. Die Dimensionen verschieben sich ins Allzumenschliche, die ursprüngliche Absicht Shakespeares, den Konflikt zwischen Staats- raison und verantwortungsvollem Handeln zu thematisieren, tritt in den Hintergrund. Der konsequente Ansatz, alle Handlungen auf der Bühne im Detail zu zeigen, schlägt gerade bei den Morden vom Fürcherlichen ins Groteske um, so, wenn Titus´ Söhne in die Grube fallen, wenn Lucius der Babypuppe - Aarons Sohn - nebenher den Kopf abreißt oder wenn Tamoras Söhne über dem Stuhl liegend abgestochen und anschließend ausgeblutet werden wie ein Stück Vieh. Das wirkt nie schrecklich und ergreifend, sondern reizt eher zum Lachen. In manchen dieser Szene erinnert das Stück an einen "Ritterschinken", bei dem sich das - ent- sprechende - Publikum auf die Schenkel schlägt. Genau dieser Effekt trat im Zuschau- erraum auf, da einige Zuschauer offensicht- lich den Ernst der Handlung als solchen nicht mehr nachvollziehen konnten.

Nun könnte es ja in Neuenfels´ Absicht gelegen haben, Shakespeares Stück als bloße Gro- teske zu entlarven oder zu zeigen, dass die Welt der großen Politik eine einzige Farce ist. Dazu passen jedoch wiederum nicht die durchaus ernsten und teilweise überzeugenden Szenen, so, wenn Tamoras halbwüchsigen Söhne Lavinia in die Enge treiben wie eine Katze die Maus und nach der Schändung ohne Hände und Zunge von sich stoßen. Dies ist keine Groteske mehr, und das hilflose Aufschluchzen des einen Täters zeigt die ganze Schrecklichkeit der Tat. Ebenso überzeugend und gar nicht farcenhaft ist der Schmerz des Titus, der ihn den Weg bis zum bitteren Ende gehen lässt.

Bleibt ein gespaltenes Fazit dieser Inszenie- rung: neben vielen gelungenen Einzelszenen gleicht das Ganze eher einer modernen Gro- teske um Mord und Totschlag, bei der jedoch der entlarvende Zynismus auf der Strecke bleibt. Ein Shakespeare jedenfalls ist dies nicht.

Wie so oft haben auch in diesem Fall die Schauspieler das Beste aus dem fragwürdigen Regiekonzept gemacht. Man spürt das Poten- tial dieses Ensembles, und jeder einzelne Mime hat das Beste aus seiner Rolle gemacht. Hans-Michael Rehberg schreit als leidgeprüfter Titus zwar etwas viel und vor allem zu früh, womit er sich um Steigerungs- möglichkeiten bringt, aber die Vielfalt und Sicherheit seines Spiels bringen diese Figur überzeugend zur Entfaltung. Elisabeth Trissenaar spielt nuancenreich eine zwischen Rachegelüsten und geheuchelter Liebe schwankende Tamora. Blitzschnell verändern sich ihre Gesichtszüge, je nachdem, was sie denkt und was sie spricht. Und noch während einer zuckersüßen Schmeichelei gegenüber Titus oder ihrem Gatten wechselt ihr Gesichts- ausdruck, wenn sie an die Ermordung ihres Sohnes oder an die lächerliche Erscheinung ihres kaiserlichen Gemahls denkt.

Timo Dierkes gibt den Saturninus als geistig zurückgebliebenen Kindskopf mit leichter Schwulen-Attitüde, während Sven Lehmann als sein ehrgeiziger und verbitterter Bruder Bassianus überzeugt. Inka Friedrich meistert den schwierigen Part einer sprach- und handlosen Lavinia hervorragend und ist auch als gesunde Lavinia sehr präsent. Besonders hervorzuheben ist jedoch Ingo Hülsmann als Mohr Aaron, den er als eine Inkarnation von Mephisto mit pantherhafter Beweglichkeit und fiebrigem Intrigantentrieb spielt. Allein diese Rolle war den Besuch wert. Über diese Leistungen in den tragenden Rollen sollen jedoch auch die anderen Darsteller nicht vergessen werden, die ihre Rollen durchweg ausfüllten, soweit ihnen das Regiekonzept ein adäquates Spiel erlaubte.

Als generelles Fazit ist festzustellen: hervorra- gende Einzelleistungen, aber Thema leider verfehlt. Das Publikum bedachte die Aufführung - keine Premiere - mit freundlichem Beifall.