| "We are in Exile..." |
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Henning Mankells "Zeit im Dunkeln" im Frankfurter Schauspiel |
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Der Titel dieser Rezension stammt nicht nur wört- lich aus Henning Mankells neuem Stück über das Schicksal illegaler Asylanten, es veranschaulicht auch - als Schrei verstanden - die Situation der Protagonisten sowie die anklagende Aussage des Einakters. Eben deshalb sprechen beide Darsteller diesen Satz an entscheidenden Punkten ihres Dialoges wie ein Motto aus.
Udo Samel und Nicola Gründel Das Stichwort "Dialog" kennzeichnet das Theater- stück von der dramaturgischen Seite. Die zwei Personen, Vater und Tochter, haben irgendwann mit Hilfe von Schleppern ihre nordafrikanische Heimat verlassen, in der dem Zimmermann und seiner Familie aufgrund seiner abweichenden politischen Meinung der Tod drohte. Auf dem Seeweg über die Meerenge von Gibraltar nach Spanien ging das Boot unter und die Frau des Zimmermanns ertrank. In Lastwagen eingepfercht und in steter Angst vor Ent- deckung gelangten sie schließlich nach Schweden - wir dürfen dieses Ziel als gegeben nehmen, ob- wohl es jedes andere Land sein könnte - und hau- sen dort in einer konspirativen Wohnung. Der Vater (Udo Samel) vertraut voll auf die Zusage der Schleu- ser, ihm neue Papiere zu besorgen und ihn nach Kanada oder Australien zu schleusen, während die Tochter (Nicola Gründel) bereits ahnt, dass man sie hintergangen hat. Beide verbringen den Tag mit endlosen, hoffnungsvollen und ernüchternden Dis- kussionen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Henning Mankell führt bei dieser Inszenierung selbst Regie und kann daher seine Vorstellungen ungefiltert umsetzen. Mit Hilfe von Bühnenbildnerin Anna Bergman schuf er das düstere Ambiente einer ärmlichen Wohnung, in der alle Wände schwarz und das Interieur äußerst dürftig sind: Ein Elektro- herd, ein Schaukelstuhl, ein Teppich und eine Wen- deltreppe. Der Vater trägt zu hängenden Schultern und einem struppigen Wochenbart eine ausgeleierte Hose und einen verfleckten Pullover, die Tochter ver- weist mit einem orientalisch geschnittenen, farbigen Kleid auf ihrer beider Herkunft. Wenn das Licht im Zuschauerraum erlischt, sieht man den Vater wie manisch Schuhe putzen, offen- sichtlich eine Ersatzhandlung. Unruhig wartend läuft er im Raum umher und notiert die vergehende Zeit mit Kreide auf der Wand. Als die Tochter eintritt, überschüttet er sie mit Vorwürfen und inquisitori- schen Fragen über ihre überlange Einkaufstour. Teils erwachsen diese Vorwürfe aus der anges- tammten Rolle des afrikanischen Patriarchen, der seiner eigenen Tochter keinen Zentimeter persön- lichen Spielraums gestattet, teils aus der Angst vor Entdeckung. Die Angst beherrscht bei dem Vater das gesamte Denken und Fühlen, nicht nur die, entdeckt zu werden, sondern vor allem die Angst vor dem neuen, unsicheren Leben, dem geänderten Rollenverständnis, der Auflösung der herkömmli- chen Welt mit ihren klaren Strukturen. Obwohl die Tochter dem Vater anfangs noch den schuldigen Vaterrespekt zollt und klaglos seine Beschimpfun- gen und Befehle entgegen nimmt, ahnt er tief im Innern bereits, dass dies nicht lange so bleiben wird. Denn ihm fehlen die Macht und der gesell- schaftliche Kontext, um die alten familiären Hie- rarchien aufrecht zu erhalten. Er spürt, dass Stück für Stück seine Tochter die Entscheidungsgewalt übernehmen wird, da sie sich den neuen Bedingun- gen weit besser anpassen kann als er. Sie wagt sich aus dem Haus um einzukaufen, während er ihr nur vormacht, er sei während ihrer Abwesenheit spazieren gegangen. Doch noch während das Mäd- chen die folgsame Tochter spielt und alle seine emotionellen Wechselbäder über sich ergehen lässt, erkennt sie seine existenzielle Schwäche und wird sich ihrer Stärke zunehmend bewusst. Erst behutsam, seiner cholerischen Reaktion ge- genüber vermeintlich unbotmäßigem kindlichen Widerspruch gewärtig, beginnt sie, an seinen Behauptungen und Anweisungen zu zweifeln. Die aus der hilflosen Verzweiflung geborene Aggression des Vaters lässt sie immer wieder zurückstecken und in ihre alte Rolle ausweichen, jedoch nur, um die nächste Dikussion wiederum in ihrem Sinne zu wenden. Zunehmend verwandelt sich die vorder- gründige Autorität des Vaters in Resignation, ohne dass er dies zugibt. Aber er muss erkennen, dass die Realität für seine Tochter spricht, die längst erkannt hat, dass es kein Australien, kein Kanada für sie geben wird, dass sie all ihre Papiere ver- nichten müssen, um nicht in ihr Ursprungsland zurückgeschickt zu werden. Hellsichtig fordert sie, zur Polizei zu gehen und sich zu entdecken, um nicht Hungers zu sterben.
Autor und Regisseur Henning Mankell In einem Höhepunkt der Auseinandersetzung, nachdem die Tochter bereits in einem Akt der Auflehnung ihr Haar abgeschnitten hat, wird der Vater seiner Tochter gegenüber tätlich und greift zum letzten Mittel: der Vergewaltigung. Diese steht hier nicht für sexuellen Drang, sondern für eine domestizierende Maßnahme, die ein letztes Mal die patriarchalische Auto- rität des Vaters im Familienverbund bestätigen und vollziehen soll. Das Misslingen dieser Vergewaltigung ist nicht nur dramaturgisches Detail, sondern symbolisiert den endgültigen Paradigmenwechsel zwischen diesen beiden Menschen. Zukünftig wird die Tochter das Leben der beiden in die Hand nehmen und sich um ihren Vater kümmern, der nur noch in ihrem Schatten überleben kann. Die gesellschaftskritische Sprengkraft dieses Stückes kommt nicht aus einer plakativen Verurteilung der Asylpolitik des (schwedi- schen) Staates, wie sie vielen anderen Stücken eigen ist, sondern allein aus der Tatsache, dass solche Zustände in einem zivilisierten Land möglich sind, dass sich Menschen in existenzieller Angst verkriechen müssen, weil sie nicht auf Mitleid(en) hoffen können. Diese beiden Menschen leben in ständiger Angst nicht nur vor der vordergründi- gen Entdeckung sondern auch vor dem vollständigen Verlust ihrer Identität und ihres Weltbildes. Die Tochter als junger Mensch kann sich noch neuen Bedingungen anpassen, der Vater jedoch ist dazu zu sehr in seiner alten Welt verwurzelt. Er kann hier nur unter- gehen, wenn ihm niemand hilft. Und es kommt niemand, ihm zu helfen. Es ist sogar zu befürchten, dass man sie zurück schickt, wenn sie identifiziert werden. So stehen die beiden am Ende in einer verzweifelten Umar- mung und in angstvoller Erwartung der Zukunft. Das mit einem Minimum an klassischer Hand- lung ausgestattete Stück basiert vollständig auf dem Dialog dieser beiden Menschen und stellt daher höchste Anforderungen an Gestal- tungsfähigkeit und Konzentration der beiden Darsteller. Kein klar strukturierter Handlungs- strang verleiht Motivation oder Anregung für bestimmte Reaktionen, alles muss aus den Darstellern selber kommen. Sie müssen sich förmlich in ihre Figuren verwandeln, um deren innere Prozesse nachvollziehen und die teil- weise schnellen Bewusstseinsänderungen darstellen zu können. Dies gilt besonders für Udo Samel, der einen im Innersten zerrisse- nen Vater am Rande des Wahnsinns darstel- len muss. Dies geling ihm in beeindruckendem Maße, ohne dass er dabei der Gefahr einer plakativen und damit klischeehaften Übertrei- bung erliegt. Die verdrängte Verzweiflung, die tapfer nach vorne geschobene Beschwörung, alles werde gut, sind bei Udo Samel jederzeit als Täuschung erkennbar, lassen aber auch die existenzielle Verunsicherung dieses ent- wurzelten Menschen transparent werden. Nicola Gründel hat es da etwas einfacher, erfährt ihre Rolle doch eine stetige Entwick- lung von der folgsamen Tochter zur selbstbe- wussten jungen Frau. Doch auch sie durchlebt das Wechselbad der Gefühle, wenn sie sich aus gewachsenen familiären Strukturen und Vorstellungen lösen und einen eigenen Weg finden muss. Nicola Gründel ist Udo Samel eine vollständig gleichwertige Partnerin als eine Tochter, die den Vater wie ein rohes Ei behandeln und ihn dennoch langsam aber zielgerichtet "erziehen" muss. Diese beiden Darsteller schaffen auf der düsteren Bühne eine derart dichte und spannungsvolle Atmo- sphäre, wie sie manch weiter gespanntes Drama nicht schaffen könnte. Leider präsentierte sich das Ensemble bei der öffentlichen Generalprobe nicht dem Publikum, so dass dessen anhaltender Beifall im leeren Bühnenraum verhallte. |