Grenzen sprengende Klangwelten

2. Sinfoniekonzert mit Liszt und Busoni in Darmstadt
Die Musikgeschichte weist im Laufe ihrer kurzen Ent- stehungsgeschichte von gerade einmal fünf- bis sechs- hundert Jahren - wenn wir mal die gregorianischen Kir- chengesänge ausnehmen und uns nur auf den Begriff der bürgerlichen Musik beschränken - in gewissen Ab- ständen Umwälzungen aus, die bei näherem Hinschau- en mit den jeweiligen historischen Umwälzungen eng zusammenhängen. So löste Luthers Reformation den ersten Schub weltlicher Musik aus, die sich im Barock zu voller Üppigkeit entfaltete, die Aufklärung mit dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und der bevor- stehenden französischen Revolution kreierte die Klas- sik, und die beginnende Industrialisierung weckte die Frühromantik aus ihrer Verinnerlichung. An dieser Stelle trat Franz Liszt auf, ein ungarisches Genie sowohl als Interpret auf seinem Instrument, dem Flügel, wie auch als Komponist. Letztere Eigenschaft wurde ihm allerdings zu Lebzeiten von vielen Kritikern aber- kannt; zu gewagt und vom Gewohnten sich entfernend schienen seine musikalischen Werke vielen Zeitgenos- sen. Mit diesem Schicksal befindet sich Liszt jedoch in guter Gesellschaft von Künstlern aller Gattungen, die ihrer Zeit voraus waren. Das Staatstheater Darmstadt hatte in seinem 2. Sinfonie- konzert am 9. und 10. September Liszt an den Anfang des Programms gestellt, gefolgt von dem ebenfalls die musikalischen Grenzen ausreizenden Ferrucio Busini.


Pianist David Lively

Das Programm begann mit zwei Orchester-"Legenden" von Franz Liszt aus dem Jahr 1863. Liszt hat in diesen Kompositionen versucht, bestimmte christliche Mythen musikalisch nachzufinden. In "St. Francois d´Assise" intoniert er das berühmte Gespräch des Heiligen Franziskus mit den Vögeln, und in "St. Francois de Paule" vertont er den Gang des Heiligen über das Wasser. Beide Kompositionen fallen aus ihrer Zeit. Vergeblich sucht man Elemente wie Thema, Durch- führung und Variation, Die Musik konzentriert sich vollständig auf die Wiedergabe, oder besser gesagt: die Erschaffung - der Atmosphäre, wie man sie sich bei diesen beiden Legenden vorstellt. Das erste Stück ist voll von Vogelstimmen, ohne deshalb an sentimentale Programmmusik zu erinnern. Liszt setzt neben feinsten Klängen und Schattierungen, vor allen in den Streicher und bei den Flöten, vor allem das Mittel der Pause ein. Immer wieder verharrt die Musik für kurze Zeit auf einem leisen Ton oder in kurzer Stille, um dann mit einem anderen Motiv wieder zu beginnen. Dabei ver- weigert er dem Publikum bewusst Identifikation stif- tende "schöne" Melodien, die seine Musik letztlich schlichten Assoziationen opfern würde.

Der Gang übers Wasser dagegen lebt von wogenden Wellenbewegungen und gemessenem Schreiten. Man spürt förmlich das selbstgewisse Schreiten des Heili- gen über das für die normalen Sterblichen gefährliche Wasser. Die Musik lebt von der Spannung des drohen- den weil bei WInd tobenden Wassers, die sanften Wel- len sind Andeutungen der elementaren Kraft, beugen sich aber dem Schritt des Franz von Assisi in Ehr- furcht. So etwa könnte man die Wirkung dieser Musik beschreiben. Auch hier herrscht kompromisslose Kon- zentration auf die tonale Wiedergabe mythisch-geistige Atmosphäre, wie die Legende sie evoziert. Beide Kom- positionen nahmen das Publikum durch die äußerst exakte und dem Detail nachspürende Interpretation des Orchesters unter der Leitung von Stefan Blunier gefan- gen und übten eine geradezu zwingende Wirkung aus.

Als Kontrast hierzu präsentierte das Orchester im Anschluss daran den "Mephisto-Walzer" des selben Komponisten nach Lenaus "Faust". Die Bezeichnung dieses Musikstücks täuscht, denn einem Walzer ähnelt es wahrlich nicht. Hier brodelt das Dämonische, das sich an keine menschliche Regeln hält, das alles Bekannte und Gewohnte auf den Kopf stellt. Man kann förmlich Mephistos höllisches Lachen sehen, das dem Regeln gewohnten und Regeln erfindenden Menschen gilt. Liszt zieht hier alle instrumentalen Register und geht an die Grenzen der klanglichen Möglichkeiten. Lautstärke und Expressivität stehen dabei auf der einen Seite, gewagte Harmonik, wie man sie vielleicht erst wieder Jahrzehnte später gehört hat, auf der anderen. Diese Komposition lässt sich in ihrer Radikalität leicht mit manchen Werken des zwanzigsten Jahrhunderts messen.

Diese Komposition forderte das Orchester bis zu seinen Grenzen, galt es doch, bei aller Expressivität weiterhin Transparenz zu wahren und den Faden nicht zu verlieren. Doch keinen Moment ließen die Musiker Spannung oder Konzentration vermissen und brachten das Stück mit Bravour zu Ende.


Franz Liszt am Klavier

Nach der Pause kam ein wahrhaft monumentales Werk zur Aufführung: Ferruccio Busonis Klavier- konzert mit Männerchor, op. 39, besteht aus fünf Sätzen und zieht sich über mehr als eine Stunde. In der Kombination mit dem Chor erinnert es an Beethovens Chorfantasie, aber das ist schon alles an Analogie, zu sehr unterscheiden sich diese Klanggebirge von der klassischen Klarheit Beethovens. Der amerikanische Pianist David Lively, einer der renommiertesten internationalen Solisten, hat sich dieser schwierigen Aufgabe gestellt und löste sie ohne ein einziges Noten- blatt!

Der erste Satz beginnt mit einem fast endlos wiederkehrenden kurzen Motiv des Flügels, das wie Bachs erstes Präludium aus dem "Wohlem- perierten Klavier" bei gleich bleibender Struktur durch alle Harmonien geschickt wird. Der erste Satz entwickelt sich zur großen, ausladenden Geste, die von Anfang an Solist und Orchester vereint. Wie schon bei Brahms ist bei diesem Klavierkonzert die herkömmliche deutliche Tren- nung von Soloinstrument und Begleitung aufge- hoben, so dass man eher von einer "Sinfonie mit obligatem Klavier" sprechen könnte. Aber dieser Klavierpart hat es in sich. Er verlangt dem Pianis- ten alles ab und wirkt bisweilen fast unspielbar, wenn die Sprünge über die halbe Tastatur gehen oder sich wahre Akkord-Kaskaden und brillante Läufe aneinander reihen. Seltsamerweise wirkt diese Anhäufung von höchster Virtuosität nie als Selbstzweck sondern dient in jedem Moment einem musikalischen Ganzen, das bei aller Entgrenzung dennoch in sich stimmig bleibt. Und nebenbei zeigt Busoni auch so etwas wie Humor, wenn er im vierten Satz plötzlich ein typisches italienisches Volkslied, wie man es vom Schlager kennt, kurz aber prägnant im Klavierpart kontu- riert. Der Zuhörer merkt auf, staunt und findet sich schon wieder in Busonis eigener Welt. Im dritten Satz, mit "pezzo serioso" bezeichnet, unterlegt das Schlagzeug die Streicher mit einer länger anhaltenden Sequenz, die wie ein akustisch verstärkter Herzschlag wirkt.

David Lively leistete am Flügel fast Unglaubli- ches. Allein schon die physische Anstrengung der so expressiven wie temporeichen Akkord- folgen und Läufe forderte das Äußerste von ihm. Darüber hinaus zeigte er jedoch auch in den lyrischen Momenten ein sehr wohl ausgewoge- nes Gefühl für die jeweilige Tonlage. Wenn es sein musste, konnte er die Töne auch "verhau- chen" lassen, nur um im nächsten Moment wieder mit äußerster Verve in die Tasten zu greifen. Bei aller musikalischen Wucht hatte man jedoch nie das Gefühl von roher Kraft sondern spürte eher zupackende Musikalität, und Lively schien das Instrument tatsächlich in seinem Innersten zu "begreifen"


Ferrucio Busoni

Das Orchester des Staatstheater unter der Lei- tung von Stefan Blunier verdiente sich neben die- sem singulären Solisten ein Sonderlob. Selten hat man dieses Ensemble, das schon für seine hohe Qualität bekannt ist, so konzentriert und "auf den Punkt" präsent erlebt. David Lively moti- vierte mit seiner großartigen Darbietung auch die Musiker des Orchesters zu Höchstleistungen.

Als die letzten expressiven Akkorde verklungen waren - eigentlich waren es Akkordschläge, die gar nicht verklingen können - benötigte das Pub- likum einige Sekunden, um aus der Trance dieser Aufführung zu erwachen. Dann jedoch steigerte sich der Beifall schnell bis zur Begeisterung und endete in "standing ovations" für Orchester und Solisten, vor allem jedoch für letzteren. Leider gelang es nicht, David Livels noch zu einer Zuga- be zu bewegen, aber das war nach diesem Mam- mutprogramm mehr als verständlich.