Nordische Heiterkeit (fast) zur Mitsommerzeit

7. Sinfoniekonzert mit skandinavischem Schwerpunkt


Skandinavien lag auch kulturell lange an der Peripherie Europas, nicht zuletzt, weil die Ostsee in den vor-medialen Jahrhunderten eine natürlich Sperre bildete und den Austausch von physischen wie von kulturellen Gütern erschwerte. Die langen, dunklen Winter in Zeiten ohne elektrisches Licht trugen weiter dazu bei, das kulturelle Treiben auf ein Minimum zu reduzieren. Dennoch ist auch in dieser dünn besiedelten Region Europas bemerkenswerte Musik entstanden, und das Staatstheater Darmstadt hat kurz vor der Sommersonnenwende diesen Ländern musikalisch Reverenz erwiesen. Unter der Leitung von Raoul Grüneis brachte das Orchester Werke von Hugo Alfvén, Carl August Nielsen und Jean Sibelius zu Gehör.


Der Schwede Alfvén, selbst Geiger, veranschaulicht in seiner einsätzigen Rhapsodie "Midsommarvaka" musikalisch das Treiben der Landbevölkerung zur Zeit der sommerlichen Sonnenwende. Jung und Alt zieht hinaus ins Grüne, um dieses Fest bei Musik und ausgelassenem Tanz zu feiern. Dabei versucht sich so mancher mit fragwürdigem Erfolg im Gesang, andere streiten sich, ein Liebespaar verschwindet im Wald, und über allem schwebt die Atmosphäre der sommerlichen Natur. Den Anfang macht eine weltbekannte Volksmelodie, die man geradezu als Ohrwurm bezeichnen kann. Wer immer sie hört, wird sagen: "Ach DAS ist von einem schwedischen Komponisten?" Aus diesem anfänglichen Motiv entwickelt sich eine humorvolle Darstellung des Treibens zum Mitsommerfest. Die hohen Bläser imitieren eine krächzende Alte, der Bass ein paar alte Männer. Die ausgelassenen Tänze der jungen Leute kommen genauso zur Geltung wie das teilweise dilettantische Spiel der Tanzkapelle, die das Orchester ironisch zitiert. Die Einheit von Liebespaar und Natur kommt in einer lyrischen Passage besonders gut zur Geltung, und den Schluss macht ein wirbelnder Tanz, der das Fest und die Komposition beschließt. Das Darmstädter Orchester zeigte bei dieser Konzerteinleitung viel Spielfreude und Temperament.

Solistin Janne Thomsen

Den Mittelpunkt des Abends bildete das Flötenkonzert des Dänen Carl August Nielsen, 1925 als Teil einer Solokonzert-Trilogie entstanden und interpretiert von der jungen dänischen Flötistin Janne Thomsen. Obwohl dieser Aspekt mit der musikalischen Leistung nichts zu tun hat, kann es sich der Rezensent nicht verkneifen festzustellen, dass bereits der äußere Eindruck dieser jungen Frau vor allem die männlichen Zuhörer beeindruckte. Ein weiteres Argument für eine "Live"-Konzert gegenüber einer CD-Aufnahme.....

Carl August Nielsen

Das Flötenkonzert zeichnet sich durch äußerste Lebhaftigkeit, ja geradezu tonale Sprunghaftigkeit aus. Scharf akzentuierte, expressive Tonfolgen prägen dieses Stück, das moderne Motivbearbeitung mit einer ausgewogenen tonaler Grundlage verbindet. Bisweilen kam diese Komposition sehr modern, dann wieder romantisch daher, wurde jedoch nie sentimental. Eine typisch nordische Sprödigkeit, durchaus nicht humorlos, durchzieht das gesamte Stück, und man kann sich dahinter ein von salzigem Wind aufgefrischtes Land vorstellen. Besonders reizvoll waren die einzelnen "Solo-Duette", bei denen die Flöte einmal mit der Klarinette, dann mit der Posaune und schließlich mit der Bratsche ein Thema in nahezu gleichberechtigter Weise abhandelt. Sehr schön waren hier die Übergänge und die Verschränkungen zwischen den zwei Instrumente, und die unterschiedliche Klangfärbung, vor allem bei der Posaune, übten einen eigenartigen Reiz aus. Janne Thomsen zeigte sich nicht nur bei diesen Soli als wahre Meisterin ihres Faches, modulierte sowohl hohe als auch tiefe Lagen mit sattem Klang und fand bei aller Virtuosität immer auch den lyrischen Ton. Symphatisch wirkte auch die Mimik, mit der sie das Orchester vor ihrem Einsatz begleitete. Man spürte förmlich, wie sie die Musik im wahrsten Sinne des Wortes "erlebte", auch wenn sie nicht selbst spielte. Der Beifall für ihre großartige Leistung hielt so lange an, bis sie sich zu einer Zugabe entschloss, die aus einer lebhaften "Kinderszene" bestand.


Jean Sibelius


Der Finne Sibelius mit dem französischen Vornamen Jean bildete mit seiner 5. Sinfonie in Es-Dur den Abschluss. Das dreisätzige Werk beginnt gleich mit einer Hommage an Beethoven, erinnert das ab- und aufsteigende Anfangsmotiv doch an den Beginn des Finalsatzes von dessen Violinkonzert.  Dieses Motiv wandert dann für einige Zeit durch die Instrumente, wird dann abgewandelt, bis es sich schließlich im Orchesterklang auflöst. Ansonsten erinnert diese Sinfonie mal an Brahms und mal an Mahler. Im Gegensatz zum ersteren ist es jedoch etwas spröder, und gegenüber Mahler fehlen die langen, geradezu endlosen Themenbögen. Erstaunlich für die Entstehungszeit (1915/1919) ist die Tonalität, die oftmals noch weit ins 19. Jahrhundert verweist. Insofern wirkt diese Sinfonie heute etwas anachronistisch, vergleicht man andere Kompositionen von Zeitgenossen. Das liegt vielleicht auch daran, dass Siebelius als Finne nicht den einschneidenden Eindrücken des Ersten Weltkriegs ausgesetzt war und damit eher die Kontinuität der Vorkriegsmusik wahren konnte.
Das Orchester unter der Leitung von Raoul Grüneis schien jedoch nicht richtig eingestellt. Zu langsam und schwer kam diese Sinfonie daher, und selbst die expressiveren Passagen wirkten seltsam verhalten, so als ob sie mit "angezogener Handbremse" gespielt würden. Das Publikum spürte diesen mangelnden Elan und war durch das Ende fast überrascht, wohl auch etwas in Gedanken, da die Musik nicht wirklich gefangen nahm. Der Abschlussbeifall gestaltete sich dann eher freundlich, Begeisterung ließ sich kaum orten. Etwas schade, denn dadurch wurde der exzellente Eindruck der beiden ersten Kompositionen zu Unrecht verwässert.