| Fuge der Erinnerungen
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Uraufführung von Werner Fritschs "Bach" in Darmstadt |
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Werner Fritsch, den zeitgenössische Autor aus dem Fränkischen, verbindet eine langjährige Zusammenarbeit mit dem Darmstädter Theater, die mit dem
"Wondreber
Totentanz" begann und sich mit "Chroma" und "Nico, Sphinx aus Eis" fortsetzte. Fritschs Trilogie "Wondreber Totentanz", "Allerheiligen" und Bach" dreht sich um die Vergangenheit seiner Familie, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts auf einem einsamen Bauernhof im Fränkischen lebte. Die Erfahrungen der verschiedenen Generationen mit dem Dritten Reich und dem Krieg kommen in den einzelnen Stücken eindringlich zu Wort und konfrontieren auf eine in festen Riten, Werten und Sitten eingebundene Gesellschaft mit den Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Fritschs Stücke weisen dabei den großen Vorzug auf, dass sie durchweg auf Erlebtem beruhen, auf der Geschichte seiner Familie und seines Dorfes, die hier nur in geringem Maße anonymisiert wurde.
In "Bach" liegt Werners Vater im Sterben. Werner ist hier gleich zu setzen mit Werner Fritsch. Während dieses Sterbens hört Werner den vorbeirauschenden Bach und die Matthäuspassion, dessen Lied "Oh Haupt voll Blut und Wunden" der Vater sich zu seinem Tod gewünscht hatte. Aus dieser Doppeldeutigkeit des Begriffs "Bach" entwickelt Fritsch das Stück konsequent in Form einer Fuge. Der sterbende Vater sieht die bereits früher Verstorbenen seiner Umgebung vorbeiziehen und durchlebt noch einmal die bedrängendsten Augenblicke seines Lebens. Die "Toten" scharen sich um den sterbenden Vater
Werner Fritschs Vater war als kleiner Junge zusammen mit seinem Bruder Zeuge des Mordes an seinen Eltern. Nach Kriegsende hatten freigelassene KZ-Häftlinge den Bauernhof überfallen und die beiden erschossen. Das Tragische an dieser authentischen Handlung besteht darin, dass ausgerechnet die Opfer eines Schreckensregimes nach glücklichem Überstehen der Qualen zu Mördern an Unschuldigen werden. Doch Fritsch geht es hier nicht um einen rationalen Diskurs um Schuld oder gar Vergeltung. Er beschränkt sich auf die Wiedergabe der Traumsequenzen seines Vaters, so wie er sie aus dessen letzten Worten interpretiert hat. Dabei spiegelt er alle Elemente der realen Ebene an denen des Traums und umgekehrt, invertiert sozusagen die Themen wie in einer Fuge. Aus dem Theaterboden steigen die Toten mit kalkweißen Gewändern und Gesichtern auf. Da sind die Eltern der beiden Buben, mit deutlich markierten Einschusslöchern in Kopf und Brust. Dazu kommen die Großeltern, das Gesinde des Hofs und ein alter Pfarrer. Diese Gestalten aus dem Leben des sterbenden Vaters tanzen nun einen schemenhaften Totentanz um sein Bett, lassen ihre Klagen und ihre Erzählungen noch einmal hören. Dabei treten Stück für Stück die Ereignisse am Kriegsende hervor. Unter die Geister der Toten mischen sich KZ-Häftlinge, die dem Tod durch Ertrinken oder Erhängen ins Auge blicken, wir erleben den kleinen Jungen, der sich sein (Über-)Leben buchstäblich mit der Geige erspielt, um dann selbst zum Henker an seinem Stellvertreter als Opfer zu werden. Wir sehen die Häftlingsfrau, die ihr Kind in der Jauchegrube verliert, und den Kapo, der die zum Tode Verurteilten selektiert. Diese Ereignisse aus dem realen KZ-Leben spiegeln sich fugenartig in nahezu identischen Szenen unter den Toten. In deren Erinnerungen ereignen sich gleichartige Unglücke, die Ebenen beginnen sich wie in einem Vexierbild zu vermischen. Einerseits spiegelt dies die beginnende Verwirrung und die Übermacht der Erinnerung im Kopf des Sterbenden wider, andererseits relativiert es den Begriff der Täter und der Opfer. Diese Relativierung dient jedoch nicht apologetischen Zwecken, sondern steht lediglich für die Erkenntnis, dass auch Leid sich nicht monopolisieren lässt. Zum Ende, wenn der Vater gestorben ist und die Geister wieder im Boden der Bühne versunken sind, verbreitet sich eine nüchterne Tageslicht-Atmosphäre. Der heutige Werner präsentiert mit seiner Frau Anna und seiner kleinen Tochter eine friedliche Familienidylle, bei der die Tochter in naiv-liebevoller Art mit dem toten Großvater spricht. "Vom Eise befreit sind Strom und Bäche" könnte man diese Szene übertiteln, denn die beiden wirken nach dem leidvollen Sterben des Vaters wie erlöst. Der Autor schlägt sich hiermit eindeutig auf die Seite der Lebenden und gesteht diesen ein Recht auf die Befreiung von einer düsteren Vergangenheit zu. Doch bleibt auch dieser Hinweis in der Schwebe: ein Unterton von spießiger Selbstzufriedenheit zieht durch diese vermeintliche Idylle, der vor der vermeintlichen "Gnade der späten Geburt" warnt. KZ-Häftlinge tanzen um ihr Leben
Regisseur Heinz Kreindl hat für dieses im Schwebezustand zwischen Tod und Leben angesiedelte Stück den passenden Rahmen gefunden. Das Bühnenbild von Peter Schulz scheint nur einfach, da außer einem Bett keine Utensilien auf der Bühne zu sehen sind. Doch die hohe Wand an der Rückseite reicht nicht ganz bis zum Boden. Unter ihr winden sich die Darsteller wie verdrängte Erinnerungen aus einer fernen Vergangenheit durch, um in das Bewusstsein einzudringen oder aus diesem zu verschwinden. Auch der Vater entfernt sich nach seinem Tod durch diesen schmalen Spalt. Die Symbolkraft dieses unscheinbaren Regieeinfalls entfaltet sich erst im Laufe der Aufführung zu ihrer vollen Wirkung. Ähnlich wirkungsvoll gestaltet sich das Auftauchen der Toten aus dem Untergrund (des Bewusstseins), die wie eine Laokoon-Gruppe wirken und ihr Leid und ihre Erinnerungen in schwebenden, puppenartigen Bewegungen artikulieren. Zeitweise gerät die Symbolik der einzelnen Bilder an die Grenze des zuträglichen, so wenn ein scheinbar lebendes Pferd die Geschichte vom Pferd "Fallada" illustriert. Auch andere Szenen zeigen bisweilen eine Überlast an Symbolik, doch die Grenze zum Pathetischen oder gar nur Sentimentalen wird nie wirklich überschritten. Das Ensemble schafft es, die fragile Atmosphäre einer nicht zu fassenden Traumlandschaft bis zum Ende aufrecht zu erhalten. Fritschs Sprache erweist sich dabei als äußerst hilfreich. Weder plakativ noch überladen, dabei jedoch von hoher Ausdruckskraft und lyrischem Tonfall, fügt sie sich nahtlos in das Traumgeschehen ein und erspart diesem verbale Schädigungen. Erinnerungen werden in Worte, in Assoziationen, in Bilder gefasst. Wie auf Zehenspitzen wandeln die Toten über die Bühne und schauen fragend zurück auf den Lauf ihrer Leben. Die Lebenden schauen zu, verstehen und sehen die Geister der Verstorbenen nicht, fühlen sie aber und drücken dies durch eine aus dem Inneren kommende Bildersprache aus. Die "Toten" um einen Friedhofsengel
Es gibt in dieser Inszenierung keine "Hauptrolle". Till Sterzenbach als sterbender Vater steht zwar nominell im Mittelpunkt, spielt aber eher einen passiven Part. Werner (Uwe Zerwer) und Anna (Karin Klein) halten sich im Hintergrund und begleiten das Sterben. Die Toten spielen die eigentlichen Hauptrollen, aber als Gruppe. Nicole Averkamp als Mutter Elisabeth, Olaf Weißenberg als (Groß-)Vater Johann, Achim Barrenstein als Onkel Werner (der ebenfalls dem Mord zusah), Hubert Schlemmer und Sigrid Schütrumpf als Urahnen sowie Klaus Ziemann und Karin Klein in einer Doppelrolle) bilden ein homogenes Ensemble, das vor allem durch die genau aufeinander abgestimmten, einem Tanz/Theater würdigen Bewegungen beeindruckten. Das Publikum brauchte nach dem letzten Bild einen Augenblick, um die intensiven Eindrücke zu verarbeiten, belohnte dann jedoch die beeindruckende Ensembleleistung mit lang anhaltendem, mehr als freundlichem Beifall. |