| "Liebe" im Doppelpack |
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Hindemiths "Sancta Susanne" und Bartoks "König Blaubarts Burg" als Doppelaufführung im Staatstheater Darmstadt |
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Betrachtet man die Opernliteratur, dann steht das Thema "Liebe" - wie auch in der tonlosen Literatur - mit an vorderster Stelle. Doch meist wird dann ein bestimmter Aspekt - Treue, Entsagung, Eifersucht - über drei bis fünf Akte herausgearbeitet. Selten drängen Librettist und Komponist das Thema auf einen Akt zusammen, entschlacken es sozusagen auf das Wesentliche.
Friedemann Kunder als Blaubart und Katrin Gerstenberger als Judit Paul Hindemith und Béla Bartók sowie ihre jeweiligen Librettisten August Stramm und Béla Balázs gehören zu dieser seltenen Spezies. In beiden Fällen hat das Duo jeweils einen "Kernaspekt" der Liebe aufgegriffen und in hoch verdichteter Form vertont. Regisseur Friedrich Meyer-Oertel hat in seiner letzten Spielzeit am Staatstheater Darmstadt diese beiden Einakter einander gegenübergestellt und dadurch ein reizvolles Spannungsfeld geschaffen. In "Sancta Susanna" hat sich die Nonne Susanna (Doris Brüggemann) vollständig der Liebe zu Jesus Christus hingegeben. Tag und Nacht betet sie, und selbst ihre Mitschwester Klementia (Elisabeth Hornung) kann sie nicht von der lebensgroßen Skulptur des Gekreuzigten weglocken, um etwas Schlaf zu finden. Die Gottesliebe wird noch durch die Legende einer anderen Nonne verstärkt, die einst eine Jesus-Figur in libidinöser Absicht umarmt haben und dafür lebendig eingemauert worden sein soll. Susanna betrachtet diese Figur eher als Vorbild denn als abschreckendes Beispiel. Als zudem noch durch die warme Mainacht lustvolles Stöhnen eines Liebespaares dringt, gewinnt der immer mitschwingende sinnliche Anteil an der religiösen Liebe die Oberhand. Susanna sieht sich außer Stande, die jungen Leute zu maßregeln, reißt sich die Tracht vom Leibe und zieht die Jesus-Statue auf sich. Als dies die zum Gebet kommenden Nonnen sehen. verdammen sie Susanna unter vorgestreckten Kreuzen als "Satana"
Doris Brüggemann als Sancta Susanna (v.) und Elisabeth Hornung als Klementia (h.) In Bartóks "Herzog Blaubarts Burg" dagegen steht von vornherein die Liebe zwischen den Geschlechtern im Mittelpunkt. Judit (Katrin Gerstenberger) verlässt Eltern und Bräutigam, um Herzog Blaubart (Friedemann Kunder) in seine Burg zu folgen, obwohl sie von dem Gerücht gehört hat, dass er dort seine Frauen umbringt. In dem Haus entdeckt sie sieben verschlossene Türen und lässt nicht eher locker, als bis Blaubart ihr mit zunehmendem Widerstreben die Schlüssel einzeln ausgehändigt hat. Hinter einer Tür entdeckt sie Folterkammern, hinter der nächsten Kriegswaffen, eine andere führt zu Gärten, dann eine aufs weite Land des Herzogs. Die vorletzte Tür führt auf einen See aus Tränen - seiner Frauen - und die letzte schließlich, in der Inszenierung Meyer-Oertel als Sarkophag-Deckel ausgebildet, zeigt die bisherigen Frauen als "tote" Abbilder. Die Geschichte ist von hoher Symbolkraft, die Türen stehen für die Abschottung der männlichen Psyche gegenüber der Umwelt, vor allem den Frauen, und das hinter ihnen Verborgene für die Phantasie der Männer: Gewalt, Krieg, doch auch Freiheit und Schönheit, sowie die Frau als leidendes Objekt männlicher Begierden. Die Frauen ihrerseits ruhen nicht, bis sie alle Türen geöffnet haben, und machen dadurch ein Zusammenleben unmöglich- sieh "Lohengrin". So endet auch Judit in diesem Einakter wie die bisherigen Frauen als ein bloßes Erinnerungsbild. Soweit die Handlung. Meyer-Oertel hat diese beiden so verschiedenen und doch so ähnlichen Stücke über die Klammer des Bühnenbildes verbunden. Eine hohe Gazewand trennt den vorderen Bühnenraum von dem rückwärtigen Teil, auf dem erhöht das Orchester unter Leitung von Stefan Blunier sichtbar agiert. Die Musik wird dadurch auch optisch Teil der Inszenierung, was dieser einen zusätzlichen Reiz verleiht. Denn tatsächlich spielt die Orchestermusik eine wesentlichere Rolle als in herkömmlichen Opern, wo sie eine mehr oder minder komplexe Handlung oft nur begleitet oder umspielt. Hier verdichtet die Musik selbst den eindimensionalen Handlungsstrang. "Eindimensional" bezieht sich hier weniger auf die Qualität als auf die Thematik. Die Musik zeichnet die Seelenzustände der Akteure bzw. die "Räume" der männlichen Psyche im Detail nach. Susannas sich steigernde Obsession, der stetige Übergang vom Geistigen zum Sinnlichen bis hin zum finalen Ausbruch finden sich in der Musik wieder, ja, die Gesangspartien stehen deutlich hinter der orchestralen Musik zurück, dienen nur als Korsett für die Handlung. Spielte man diese Einakter ohne Gesang, mit stummen Darstellern, so würde allein die Orchestermusik die Aussage verdeutlichen können. Das gilt auch und vor allem für "Blaubarts Burg", bei der sich die Musik sozusagen "von Tür zu Tür" ändert: die Folterkammer kommt mit drohenden, schmerzlich kreischenden Klängen daher, die Waffenkammer mit deutlichen Anklängen an Militärmusik, Garten und weites Land mit lyrischen und weit ausholenden Motivbögen. Zum Schluss dann fällt die Musik in düsteres Moll, wenn Blaubart wieder alleine davonzieht, die nächste Frau zu suchen. Die handlungsarmen, doch expressiven Libretti verlangt von den Darstellern höchste Konzentration, ist ihnen doch kein Moment Leichtigkeit oder Entspannung vergönnt. In beiden Einaktern steigert sich die Spannung vom ersten Ton bis zur finalen Katastrophe, und diese Steigerung setzen alle Darsteller überzeugend um. Das gilt vor allem für Doris Brüggemann als Sancta Susanna und Katrin Gerstenberger als Judit. Beide haben die jeweils aktiven Rollen mit einer größeren Ausdrucksbreite zu bewältigen, während Elisabeth Hornung als Klementia und Friedemann Kunder als Blaubart eher passive, d.h. reagierende Rollen einnehmen. Im letzteren Fall ließen sich daran noch einige psychologische Betrachtungen über das Geschlechterverhältnis anschließen, diese würden jedoch den Rahmen der Rezension sprengen. Allen Darstellern ist jedoch gemein, dass sie ihre Rollen glaubwürdig und überzeugend ausfüllten. Das Publikum erkannte die Leistung des Ensembles an und brachte dies durch kräftigen Beifall und diverse "Bravo"-Rufe zum Ausdruck. Ein "Programm-Renner" dürfte dieses Doppelpack angesichts des geringen "Unterhaltungswerts" jedoch kaum werden. |