| Monolog einer Minimalistin
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Werner Fritschs "Enigna Emmy Göring" als Uraufführung in Darmstadt |
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Einen Tag nach der Uraufführung von Werner Fritschs "Bach" folgte in der "Werkstatt" des Staatstheaters die ebenfalls erste szenische Aufführung seines Einpersonen-Stücks "Enigma Emmy Göring". Bereits in "Chroma", der Entmythologisierung des "großen" Gustav Gründgens durch den zeitgenössischen Autor, spielte Emmy Göring eine zentrale Rolle, da sie als Schauspielerin mit Gustav Gründgens gespielt hatte und diesen in nicht näher bekanntem Maß verehrt hatte. Über Emmy Göring konnte Gründgens einige jüdische Schauspieler vor dem Tod im Lager retten. Werner Fritsch hat sich jetzt dieser schillernden Person intensiver angenommen, da sie aus seiner Sicht hervorragendes Anschauungsmaterial für die Struktur der nationalsozialistischen Gesellschaft darstellt. Zum Verständnis des Stücks muss man ferner wissen, dass Emmy Göring nach dem Kriege lediglich einige Jahre Berufsverbot erhielt und 1973 starb, ohne sich jemals kritisch über das Dritte Reich geäußert zu haben.
Werner Fritsch lässt Emmy Göring über ihre Zeit als "erste Dame" des Reichs an der Seite von Herrmann Göring sprechen. Für die Rolle der Emmy hatte er Elisabeth Kreijcir gewonnen und selbst die Regie übernommen. Auf dem kahlen Bühnenboden des Werkstatt-Theaters ist eine kleine Bühne mit blutrotem Vorhang aufgebaut. Das Rot steht für die Fahne der Nazis und das von ihnen vergossene Blut. Elisabeth Kreijcir trägt die Erinnerungen der Emmy Göring an einem Tisch sitzend vor, sich während der ganzen Zeit nicht bewegend. Erstaunlicherweise las sie bei der Premiere den Text aus einem als Illustrierte ("Quick" als Metapher für den geistigen Horizont der Emmy Göring) kaschierten Manuskript ab. Da Monologe auch von einer Stunde Länge normalerweise frei gesprochen werden - siehe die ebenfalls von Elisabeth Kreijcir interpretierten "Glückliche Tage" -, fragte man sich verwundert nach dem Grund dieser szenischen Einschränkung. Da ein regietechnischer Grund nicht ersichtlich war, ist eine eingeschränkte Textsicherheit anzunehmen. Emmy Göring entlarvt sich in ihren "dahin geplapperten" Erinnerungen selbst als nicht nur unpolitische, sondern geradezu sträflich naive Frau, die nicht nur den Kern des nationalsozialistischen Systems und seiner Vertreter nicht erkennt, sondern sich auch gegen jede rationale Erkenntnis sträubt. Hitler ist für sie - wie für viele Frauen dieser Zeit - ein Idol, das man uneingeschränkt bewundert und dessen Nähe man nur mit einem leichten Schauer der Ehrfurcht genießt. Die überhöhte Selbstdarstellung und die hohlen Worte werden wörtlich genommen und zur letzten Wahrheit erhoben. Neben Hitler genießen dessen Mitkämpfer den Abglanz seines Ruhms und werden damit automatisch selbst zu Helden der Frau(en).
Hermann Göring, dessen intellektuelle Kapazität sich nach allgemein anerkanntem Urteil umgekehrt proportional zu seiner Selbstdarstellung und seiner Genussfreudigkeit verhielt, wird bei Emmy zu einem "wahren Mann", dessen Wert für Emmy - unbewusst - nur in seiner Stellung besteht. Derselbe Mann als kleiner Beamter hätte bei ihr wahrscheinlich nur ein müdes Lächeln hervorgerufen. Emmy klebt an der großen Gesellschaft und der Macht wie eine Fliege am Honigtopf. Und da sie sich auf der "Sonnenseite", sprich auf der Seite der Macht befindet, betrachtet sie auch ihr Leben als gelungen. Der Krieg ist dabei "nur" eine lästige Störung ihres Lebens, und das Ende des Dritten Reiches und den Tod ihres Mannes betrachtet sie bis zum Schluss als ein eher persönliches Unglück. Emmy Göring illustriert durch ihre Person die "Banalität des Bösen", wie Hannah Arendt das innere Wesen des Nationalsozialismus einmal gekennzeichnet hat. Sie ist das paradigmatische Aushängeschild einer Gesellschaft, die trotz aller Macht im kleinbürgerlichen Spießertum verhaftet blieb und die Welt zwölf Jahre lang nach diesem Bild geprägt hat.
"Enigma" bedeutet im Griechischen "Rätsel" und war gleichzeitig die Bezeichnung für eine Verschlüsselungsmaschine der deutschen Wehrmacht. Emmy Göring ist insofern ein Rätsel, als die naive "Nicht-Rezeption" des Grauens um sie herum und die beharrliche Schönfärberei bis an ihr Lebensende schwer verständlich ist. Doch dieses Rätsel ist auch banal, und genauso, wie der Code der "Enigma"-Maschine ohne Wissen der Deutschen bereits im Jahr 1942 geknackt wurde und dieses Wissen von den Engländern gegen die Deutschen genutzt wurde, so war auch das Rätsel "Emmy Göring" und das der gesamten Gesellschaft um sie herum bereits frühzeitig gelöst. Nur die Darsteller wussten nichts davon und lebten weiter im Glauben ihrer Unbesiegbarkeit.
Für eine über einstündige szenische Aufführung gibt dieser Ausgangspunkt jedoch nicht viel her. Die Banalität ist schnell enthüllt und entwickelt schließlich eine ungewollte Komik. Zwar hat das Banale immer einen grotesken Zug, doch sollte das Stück eigentlich nicht zum Lachen reizen. Die - übrigens nicht schlechten - Witze, die Emmy naiv präsentiert, tragen noch zu dieser komischen Wirkung bei. Der ganze Monolog schwankt zwischen selbstentlarvender Nachmittags-"Talkshow" und Farce. Das hinter der Person Emmy Göring lauernde Grauen kommt jedoch nicht zum Vorschein. Dabei hat vielleicht auch die Tatsache eine Rolle gespielt, dass Elisabeth Kreijcir offensichtlich etwas indisponiert war. Mehr als von ihr erwartete und bisweilen plakative Versprecher sowie eine hohe Nervosität besonders zu Beginn ließen die richtige Spannung erst gar nicht aufkommen. Als sie schließlich den mehr als freundlichen Beifall entgegen nahm, sah man ihr die Erschöpfung deutlich an. Worauf diese zurückzuführen war, lässt sich nur vermuten. Offensichtlich fühlte sie sich jedoch in der Rolle nicht sehr wohl. |