| Satire auf die leichte Art |
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Frederick
Loewes Musical "My Fair Lady" in Darmstadt |
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Mit dem Wort "Evergreen" bezeichnet man gerne ein musikalisches Werk, das nicht nur "grient", wenn Spaniens Blieten bliehn", sondern unabhängig von den Zeitläuften eine hohe Popularität genießt. Frederick Loewes Musical "My Fair Lady" gehört zu dieser Gattung, wohl, weil es trotz vordergründiger Zeitgebundenheit eine über Generationen hin bleibende Wirkung ausübt. Diese Wirkung liegt zwar weniger in tief schürfender gesellschaftlicher Kritik als viel mehr in der gelungenen Mischung aus Satire und leichter Unterhaltung.
Der Chor als
"Snobs von Ascot"
Ein Grund für diesen Dauererfolg liegt in der Wahl des "Librettos". Hier hat nicht ein Musicalschreiber sich eine Handlung ausgedacht oder eine mehr oder minder platte Märchenhandlung zum Vorwurf genommen, sondern Loewe hat sich bei Bernard Shaw bedient, dem geistreichen satirischen Kritiker des viktorianischen Englands. Sein Theaterstück "Pygmalion" beschreibt ein satirisch gemeintes Experiment am "lebenden Subjekt": Der Sprachforscher Prof. Higgins stößt bei Sprachstudien in Londons Gassen vor der Oper auf das Blumenmädchen Eliza Doolittle, das ein fürchterliches Cockney spricht. Dem zufällig ebenfalls anwesenden Oberst Pickering, ebenfalls ein Sprachspezialist, bietet Higgins die Wette an, dieses Gossenmädchen innerhalb von sechs Monaten soweit ausbilden zu können, dass man sie problemlos bei Hofe präsentieren kann. Die den Dialog zufällig verfolgende und nur halb verstehende Eliza bittet Higgins darauf um Sprachunterricht, den dieser nach einiger arroganter Abwehr annimmt, jedoch nur aus sportlichen Gründen, um Pickering sein Können zu beweisen. Tatsächlich gelingt es ihm, Eliza in kurzer Zeit soweit zu trimmen, dass sie sich beim Galopprennen in Ascot unter die "High Society" mischen kann, ohne unangenehm aufzufallen. Als sie schließlich sogar auf einem großen Hofball zum Star des Abends wird, ist die Wette gewonnen, so dass Higgins und Pickering sich gegenseitig beglück wünschen, das "Subjekt" der Wette dabei als vernachlässigbares Objekt betrachtend. Die derart zum Gegenstand entwürdigte Eliza wirft darauf Higgins die Pantoffeln an den Kopf und flieht aus dem Haus. Erst jetzt verspürt Higgins den Verlust, sucht sie überall und findet sie schließlich ausgerechnet bei seiner eigenen Mutter, zu der der eingefleischte Junggeselle ein fast ödipales Verhältnis hat und die ihm gründlich den Kopf wäscht. Am Ende zeigt sich Eliza als ebenbürtige "Gegnerin", die sich endgültig von Higgins befreit und einem eigenständigen Leben entgegengeht. Soweit die Vorlage. Frederick Loewe folgt der Geschichte in seinem Musical sehr eng, übernimmt sogar weit gehend die Dialoge, kürzt natürlich und betont die Stellen, die sich für eine musikalische Umsetzung eignen. So wird die Sprachausbildung durch das Lied "Es grünt so grün..." untermalt und endet in dem schwärmerischen "Ich hätt´getanzt heut Nacht". Die Quälereien während der Ausbildung und seine entwürdigende Behandlung schlagen sich in Elizas Rache-Arie "Wart´s nur ab, Henry Higgins" nieder, und Higgins entlarvt sich selbst in seiner gesungenen Frage "Warum kann eine Frau nicht so sein wie ein Mann?". Eine weitrer wichtige Person ist Elizas Vater, Alfred Doolittle, ein Müllmann und feierfroher Trinker, der durch einen Scherz von Higgins unverhofft zu Geld kommt und plötzlich gegen seinen Willen aus der Unterschicht in die Mittelschicht gespült wird. Diese Situation bietet natürlich reichlich Stoff für scharfe Gesellschaftssatire, und sowohl Shaw als auch Loewe nutzen diese Gelegenheit, letzterer aber mehr auf die heitere Art. Natürlich ändert Loewe das Ende etwas und stellt ein Happy End zwischen dem chauvinistischen Higgins und der mittlerweile erwachsenen Eliza zumindest in den Bereich des Möglichen. Diese künstlerische Freiheit sei ihm gegönnt und entspricht der Erwartungshaltung eines breiten Publikums. Die Darmstädter Inszenierung geht keine Experimente ein und bewegt sich tatsächlich im Ambiente des Londons Anfang des letzten Jahrhunderts. Unterhaltung steht im Mittelpunkt, Zuspitzung der Gesellschaftskritik gehört nicht ins Musical. Die Darsteller bemühen sich erfolgreich um eine verständliche Sprache, was angesichts der langen Sprechphasen für das Verständnis der Handlung wichtig ist. Außerdem zeigen die aus dem Sängerfach kommenden Darsteller erstaunliche schauspielerische Fähigkeiten, allen voran Horst Schäfer als Professor Higgins. Seine Arroganz und Selbstgewissheit kommt derart nonchalant und natürlich daher, dass man sie - ungerechter Weise - fast für eine Eigenart des Darstellers halten könnte. Dadurch gewinnt das Spiel natürlich an Farbe. Daneben liefert sein Bass wie selbstverständlich eine ebenso überzeugende Leistung ab. Der zweite Aktivposten ist Susanne Reinhard als Eliza. Zwar könnte sie als Blumenmädchen noch schriller und ordinärer sein, dafür bezaubert sie jedoch in den mädchenhaften, schwärmerischen und verletzten Momenten und spielt die spätere (Fast-)Lady mit viel Witz und Esprit. Oberst Pickering, dessen Rolle mehr die eines Stichwortgebers und zeitweiligen Antipoden des Professors ist, interpretiert Klaus Ziemann mit viel englischer Würde und Geradlinigkeit. Hubert Bischoff spielt den trinkfreudigen Doolittle mit deutlich sichtbarem Spaß aus, obwohl auch er etwas mehr Gewöhnlichkeit vertragen könnte. Aber da streitet die realistische Zeichnung der Charaktere bisweilen mit der Verständlichkeit des Textes, denn richtige Vulgarität lässt sich nur schwer verständlich auf die Bühne bringen, vor allem gesungen! Sehr schön auch Werner Volker Meyer als schmelzender und Süßholz raspelnder Verehrer Freddy und Hildegard Krost als resolute und lebensweise Mrs. Higgins, Mutter des Professors. Der Chor des Staatstheaters, wie immer exakt einstudiert von André Weiß, agiert sehr lebendig und stimmsicher mal als Londons Unterschicht, mal als snobistische Gesellschaft beim Galopprennen von Ascot und mal als Pausen füllendes Hauspersonal. Dabei sind viele kleine Gags immer für einen Lacher gut, so wenn eben dieses "Umbau-Personal" in pseudo-militärischer Art auf- und abtritt, oder wenn in Ascot das Gestühl von uniformierten Helfern auf ein "GO" wie mit Hackenklappen aufgestellt wird.
Higgins (Horst Schäfer), Eliza (Susanne Reinhard) und Mrs. Pearce (Ulrike Leithner) Bis zur Pause überzeugt diese Inszenierung durch Temperament, Witz und eben die bekannten "Ohrwürmer. Nach der Pause überwiegen leider die elegischen Momente mit viel gesprochenen Texten und wenig zündenden Gesangsnummern. Das liegt jedoch in der Struktur des Stückes selbst und ist der Inszenierung nicht anzulasten. Ob man diese Längen im zweiten Teil durch Kürzungen oder Umbauten verhindern kann, ohne das Stück zu sehr zu verfälschen, sei dahin gestellt. Aber zu einem Musical gehören schließlich neben Witz auch "Herz" und "Schmerz", und dieses Pärchen kommt im zweiten Teil wirklich auf seine Kosten. Das Orchester unter der Leitung von Raoul Grüneis glänzte durch viel Spielfreude und wohl ausgewogene Präsenz. Die Musik, Kernstück des Musicals, prägte die Aufführung, ohne zu dominieren und den Sängern Raum zu nehmen. Das Publikum (der B-Premiere) dankte dem Ensemble mit begeistertem Applaus, der sich am Ende zu "standing ovations" steigerte. Frank Raudszus |