"Die (Familien-)Szene wird zum Tribunal

Schauspiel "Das Fest" des Staatstheaters Wiesbaden in Darmstadt
Familienfeste sind etwas Heiliges, vor allem die höheren runden Geburtstage der Familienväter oder -mütter. Von überall reisen die erwachsenen Kinder und die fernen Anverwandten an, um dem Jubilar zu gratulieren und sich ansonsten familiären Ritualen und gesteigertem Alkoholgenuss hinzugeben.


Die Rede Christians (r.) an die (noch) fröhliche Festgemeinde

Das Geschehen nimmt seinen Lauf mit einer gefährlichen Ruhe, die immer wieder durch blitzartige Ausbrüche von Michael oder die steife und unnahbare Art von Christian destabilisiert wird. Trotz der vordergründigen Heiterkeit des Familienfestes zeichnet sich in anfangs noch schwachen Konturen die Katastrophe ab. Wenn die Festtafel ins Bild gerückt wird, wirkt sie wie ein Zitat des Abendmahls. Alle Beteiligten sitzen in einer Reihe mit dem Gesicht zum Publikum, der Jubilar mit Frau in der Mitte, flankiert von seinen Eltern und Generationsgenossen. Die beiden Söhne nehmen - dies schon ein Symbol - die gegenüber liegenden Enden der Tafel ein. Sich gegenseitig misstrauend und dennoch wie ein Zangenangriff auf das Zentrum der Familie angetreten.

Den Eklat liefert Christian, wenn er in seine Laudation auf den Vater wie spielerisch, ja fast heiter, unvermutet den langjährigen sexuellen Missbrauch an ihm und seiner in den Freitod gegangenen Zwillingsschwester Linda durch den eigenen Vater einflicht. Die im Tenor an einen heiteren Bericht über einen Sommerausflug erinnernde Schilderung ermöglicht es der Gesellschaft, sie als unpassende Phantasie des schon immer zu Geschichten aufgelegten Christian hinzustellen. Wie üblich in solchen Fällen gilt die Kritik dem Boten, nicht dem Übeltäter, denn die Konsequenz der Wahrheit wäre der Zusammenbruch des gesamten Lebensbildes jedes Einzelnen dieser Gruppe. Jeder und jede ist in gewissem Maße an den Zusammenhalt der Familie angewiesen, und die unmittelbare kollektive Verdrängung des Unvorstellbaren funktioniert perfekt.

Helge, der um diesen Rückhalt der Anderen weiß, stellt seinen Sohn väterlich-liebend- enttäuscht-jovial zur Rede und rückt ihn dabei in die Nähe eines psychisch Kranken. An diesem Punkte schwankt auch der Zuschauer, ob es bei Christians Anklage um die Wahrheit oder die Ausgeburt einer kranken Phantasie geht. Erst als Helges Tochter Helene einen Abschiedsbrief ihrer Schwester , der Christians Anklage bestätigt, findet und vor der Festgemeinde verliest, bricht die Gesellschaft zusammen. Doch jeder sieht sich als Opfer eines verdorbenen Festes, und Christian ist deswegen noch lange nicht der Held der Runde, ja, die ältere Generation verübelt ihm sogar die Aufdeckung des so lange so erfolgreich Verborgenen.

Wenn Helge am Schluss dennoch isoliert und geächtet die Runde verlässt, ist er deswegen nicht die tragische Person. Diese Rolle nimmt seine Frau Else ein, die während des ganzen Festes das Gesicht nicht einmal zum Lächeln oder gar Lachen verzieht, die immer die beherrschte Miene einer Dame von Welt zeigt und vorschriftsmäßig Konversation treibt. Sie muss all die Jahre um die Dinge gewusst haben, hat jedoch zugeschaut und aus Angst vor der sozialen Schande alles zugedeckt. Sie bringt es sogar fertig, ihren eigenen Sohn wegen seiner Anklage anzugreifen und ihn der Lüge zu bezichtigen, nur um sich selbst nicht die Wahrheit eingestehen zu müssen. Sie ist im Laufe der Jahre an der Verdrängung versteinert und wandelt nur noch als Maske ihrer selbst durch das Familienleben.

Erst ganz am Ende sagt sie sich von ihrem Mann los, ohne sich dadurch jedoch ihren Kindern zu nähern. Ihre tragische Schuld liegt in der Verdrängung aus guter Absicht, um die Familien zusammen zu halten. Am Ende steht sie vor den Trümmern ihres Lebensgebäudes.

Der Bruder aus Linz, der mit jovialer, polternder Fröhlichkeit lange Zeit versucht hat, die unliebsame Entwicklung zu überspielen, sieht sich jetzt einer unbequemen Wirklichkeit gegenüber, die keine aufgesetzte Fröhlichkeit mehr erlaubt, und tröstet sich mit den Getränkeresten an der sonst sonst leeren Festtafel, Michael geht mit dem Stuhl auf den schlafenden Vater los, und der Totschlag liegt in der Luft.

An dieser Stelle hätte das Stück enden können und sollen: der verkrachte Sohn, auch er offensichtlich frühkindliches Opfer väterlicher "Spiele", erschlägt den Vater und befreit sich dadurch von der erdrückenden Vergangenheit. Doch die Autoren legen noch den "Morgen danach" als Zugabe drauf. Dieser "Appendix" besteht allerdings nur aus einem zerknirschten Schuldeingeständnis des Vaters, das in seiner Schlichtheit beinahe kitschig und fast wieder affirmativ wirkt. Als ob eine Entschuldigung das Verbrechen an den eigenen Kindern tilgen könnte. Die ausdrückliche Ausgrenzung durch die eigenen Kinder - Michael entzieht ihm brüsk seine Kinder - wirkt da dramaturgisch etwas hilflos und Christians schließlich glückliche (?) Liaison mit dem jungen Dienstmädchen Pia wie ein unpassendes Happy-End.

Eine weitere Schwäche des Stückes ist die nahezu eindimensionale Fokussierung auf den sexuellen Missbrauch. Die Gründe werden nicht hinterfragt, die reine "Enthüllung" überwiegt gegenüber der Ergründung einer unter Umständen komplexen psychologischen Situation. Natürlich ist sexueller Missbrauch von Kindern - auch noch der eigenen - etwas Furchtbares. Die bloße Aufdeckung dieses Sachverhalts und die Entlarvung des vermeintlich honorigen Bürgers reicht im post-bürgerlichen Zeitalter jedoch nicht mehr aus. In einer Zeit, da die Medien jeden solchen Fall gnadenlos vor der Öffentlichkeit ausbreiten, stellt eine solche "Entlarvung" keine Provokation des bürgerlichen Publikums mehr dar. Hier wäre die mehr psychologischer Tiefgang wünschenswert gewesen.

Die Darsteller jedoch machen aus diesem Stück das Beste, allen voran Rosemarie Schubert, die die nur scheinbar einfache Rolle der versteinerten Mutter Else brillant spielt. Bernd Ripken glänzt als selbstzufriedener und seiner selbst sicherer Helge, der nach dem Motto lebt: "Erlaubt ist, was keinen Widerstand erfährt". Hans-Jörg Krumpholz veranschaulicht den inneren Zwiespalt und seine plötzlichen Ausbrüche Christians mit viel Gespür für die labile Psyche dieses jungen Mannes, und nicht von ungefähr drängen sich Parallelen zum berühmten "Dänenstück" des großen Engländers auf: verbrecherischer Vater, zögernder, verzweifelnder Sohn, Gemetzel am Ende.....


Helge (Bernd Ripken, l.)) und Else (Rosemarie Schubert, r.)

Thomas Klenk bringt die zerrissene Psyche des nur vordergründig selbstsicheren Michael ausgesprochen realitätsnah zum Ausdruck, Franz Nagler spielt den leicht öligen und nervig kumpelhaften "Toastmaster" aus Österreich mit viel Verve, und Wolfgang Ziemssen lässt den senilen Großvater mit seinen immergleichen Witzen direkt aus Alzheim einreisen.....

Alles in allem ein Stück, das betroffen macht, dem aber die rechte inhaltliche und dramaturgische Tiefe fehlt, um das Publikum wirklich zu ergreifen. Dennoch viel freundlicher Beifall, vor allem für die Leistungen der Schauspieler.