Ausdruckstanz und Protest

William Forsythes Einstieg in die letzte Frankfurter Spielzeit
Wie Insider und Kenner des modernen Ausdrucks- tanzes wissen, wird William Forsythe nach der laufenden Spielzeit sein Engagement an der Frank- furter Bühne lösen, da ihm die Stadt Frankfurt nicht mehr die benötigten Gelder zur Verfügung stellen will. Dennoch wird er Frankfurt wohl ohne Zorn ver- lassen, denn mit der (Teil-)Premiere im Opernhaus hat er noch einmal Kreativität, Sensibilität und Ein- fallsreichtum bewiesen. Sein Weggang wird für das Frankfurter Kulturleben ein harter Schlag werden, weil mit ihm auch seine perfekt ausgebildete und hoch motivierte Truppe geht und voraussichtlich in alle Winde zerstreut wird.

Offensichtlich hatte man im Gegensatz zum bisheri- gen Aufführungsort - das Bockenheimer Depot - bewusst die Oper gewählt, um noch einmal mög- lichst vielen Menschen den Besuch dieser Choreo- grafie zu ermöglichen. Und damit hatte man das Richtige getan, denn das Haus war offensichtlich bis zum letzten Platz gefüllt.


"The Room as ist was"

Am Beginn des Programm stand die zwanzigminü- tige Produktion "The Room as it was". Acht Tänzer und Tänzerinnen finden auf der Bühne zusammen und gruppieren sich zu zweit oder zu dritt. Deutlich stehen immer wieder Annäherung und Abweisung, Kommunikation als Kampf und Einsamkeit im Mit- telpunkt der Bewegungen. Vor allem die Begegnun- gen zwischen den Geschlechtern sind hier in ihrer ganzen Spannungsbreite dargestellt, wenn sich zwei Personen miteinander und ineinander verwin- den, sich nicht lösen können oder wollen, doch auch nicht zusammenbleiben können. Dazwischen tritt ein Tänzer, der seine Arme Schwerthieben gleich durch die Luft sausen lässt und sich nur in dieser aggressiven Art der Abwehr in der Menge bewegen kann. Andere nehmen diese Bewegungen kurzfristig auf oder ducken sich unter ihnen weg. Die einzigen Geräusche sind die Luftschnitte der Arme und das Schnippsen der Finger. Ein einzelner Tänzer betritt die Bühne und agiert wie ein verzwei- felter Clown vor einer imaginären Glaswand, die er nicht durchdringen kann. Komische Verzweiflung ergreift ihn, der keine Verbindung zu den Anderen aufbauen kann. Für ihn gab es ob dieses mimisch wie gestisch ausdrucksstarken Solos spontanen Szenenapplaus. Ein anderer Tänzer legt sich eine Frau kunstvoll wie ein Schmuckstück oder eine Trophäe um den Hals, nur um sie kurz darauf gelangweilt wieder abzulegen. Die Verlierer dieser ewigen Hatz nach Nähe bleiben auf dem Boden liegen, erschöpft und seelisch gebrochen. Zum Schluss hebt sich der Zwischenvorhang und zeigt als Vision ein in ruhiger Symbiose erstarrtes Paar, das dem hetzen und Hasten entgangen ist. Dieses nur halb ausgeleuchtete und von knappen elektro- nischen Klängen begleitete Paar lässt sich durch- aus als Metapher auf Tod und Jenseits deuten, die allein Ruhe und Frieden bedeuten.

Weitere Vorstellungen finden am 20., 22. und 23. November in der Oper Frankfurt statt.

Im zweiten Programmpunkt lässt Forsythe eine Tänzerin und einen Tänzer einen Text von Virginia Woolf vortragen und durch Bewegung interpretieren. Der Vortrag beschränkt sich jedoch auf kurze Zitate, die wiederkehrend in verschiedenen Kontexten und mit wechselnder Expressivität erfolgen. Die Tänzerin steht zeit- weise wie ein Vogel auf einem Bein und imitiert Möweschreie, da der Text unter anderem von einem Spaziergang am Strand handelt. Und immer wieder erklingt das Zitat "Just like that", das geradezu zum Motto der Choreografie wird. Die Stimmen der beiden Darsteller wan- deln sich immer mehr von einem rein funktio- nalen Werkzeug zum tragenden Element. Licht und Lautstärke tragen durch dynamische Wechsel zu der Gesamtwirkung bei, bei der es darum geht, die verborgene Bedeutung eines Textes und seiner einzelnen Elemente durch die Sinne anstatt durch die Rationalität erfahr- bar zu machen

Die dritte Produktion führte in eine völlig andere Welt. Auf einem Flügel erklangen Variationen über Johann Sebastian Bachs "Ricercar a6" aus seinem "Musikalischen Opfer", allerdings in moderner tonaler und harmonischer Fär- bung. Diese Musik tanzen zwei Tänzerinnen und zwei Tänzer Takt für Takt und Note für Note aus. Jede Hebung der Tonfolge setzen sie in eine entsprechende Körperbewegung um, jeder Wechsel der Intensität spiegelt sich in der Ausdruckskraft der zugehörigen Figur wider. Die einzelnen Stimmen der Musik finden sich in den unterschiedlichen Darstellern wie- der, so dass man wirklich davon reden kann, dass Musik hier unmittelbar durch Bewegung ausgedrückt wird. Hier geht es nicht darum, wie im klassischen Ballett, zu einer Musik einen begleitenden Bewegungsablauf zu ge- stalten, sondern die autonome Kunst der Musik in eine gleichermaßen autonome Bewe- gungskunst umzusetzen. Wenn man die Musik ausgeblendet hätte, wäre der Eindruck der Bewegungen der gleiche gewesen, ja, ein wahrer Kenner hätte eigentliche die Musik aus den Bewegungen rekonstruieren können.


"Woolfs Phrase I"

Der letzte Programmpunkt schließlich war eine Wiederaufnahme aus dem Mai 2002. In "One Flat Thing, Reproduced" geht es um Tische als Requisiten einer wahrhaft akrobatischen Dar- bietung, die buchstäblich "über Tische und (nicht vorhandene) Bänke" ging. Die Übertra- gung aus dem Bockenheimer Depot mit seiner ausgeprägten Raumtiefe auf die wesentlich kürzere Opernbühne ergab neue Eindrücke und brachte die Darsteller dem Publikum näher.

Nachdem die Darsteller schon nach den ein- zelnen Programmpunkten begeisterten Beifall geerntet hatten, verließen sie nach dem letzten Stück geradezu "Hals über Kopf" die Bühne, nur, um sich vor dem Opernhaus aufzustellen und dort noch einmal verbal und mit Hilfe von Flugblättern gegen die Art und Weise zu pro- testieren, in der die Stadt Frankfurt die Auflö- sung des Frankfurter Ballets praktiziert. Auch ohne die grandiose Leistung auf der Bühne ist Solidarität mit den Künstlern geboten, und an dieser Stelle wollen wir die Stadt Frankfurt auf- fordern, wenn sie denn schon dieses Staren- semble ohne Bedauern gehen lässt, diesen traurigen (letzten) Akt dann doch wenigstens unter menschenwürdigen Begleitumständen abzuwickeln.