Die Bekehrung eines Misanthropen

Stefan Vögels Komödie "Eine gute Partie" im Darmstädter TAP
Wer bei dem Titel an eine lukrative Heirat denkt, sieht sich bald eines Besseren belehrt. Zwar geht es hier auch um menschliche Beziehungen, aber in erster Linie steht der Titel für eine gute Partie Schach. Fred Kowinski hat sich nach dem Tod seiner Frau vor sechs Jahren zu einem wahren Ekel entwickelt. Er lebt in einer verwahrlosten Wohnung vor sich hin, geht nicht aus dem Haus, spricht gelegentlich auch schon morgens der Whiskeyflasche zu und trifft sich lediglich dienstags mit seinem alten Freund Walter, um mit ihm Schach zu spielen. Da Walter nicht der schnellste ist, ziehen sich die Partien über Wochen hin und werden während der Woche in einem Schrank aufbewahrt, zu dem nur Walter einen Schlüssel hat. Denn dieser kennt seinen alten Kumpel Fred nur zu gut. Aber Fred wäre nicht Fred, wenn er nicht schon längst einen Weg gefunden hätte, Walters Sicherheitsmaßnahmen zu umgehen und sich einen fortwährenden Vorteil zu verschaffen.

Freds Sohn Leonard, seines Zeichens Staubsaugervertreter, versucht, mit Hilfe von eigens hierfür engagierten Haushälterinnen etwas Ordnung in Freds Wohnung und Leben zu bringen, aber dieser schafft es, jede innerhalb weniger Tage durch seine misanthropische Art zu verjagen. Nun steht wieder einmal eine junge Dame für diese Aufgabe vor der Tür, und Leonard bittet seinen Vater inständig, diese nicht auch wieder aus der Wohnung zu jagen. Doch Fred begegnet der jungen Rosalie, einer Deutschen mit dem sich für Sottisen geradezu anbietenden Nachnamen Hundsheimer, mit all der rabiaten Direktheit, deren er fähig ist. Da hilft ihm die Tatsache, dass er im Krieg die Deutschen sozusagen ganz allein geschlagen hat, natürlich als Ausgangspunkt vortrefflich an. Doch Rosalie lässt sich keinesfalls einschüchtern, überhört seine Aufforderungen, die Wohnung zu verlassen, genauso wie seine Beleidigungen, antwortet mit viel Witz und Charme und bringt nebenbei noch die Wohnung in Ordnung. Als sie sich auch noch als Schachkennerin entpuppt und Walter fast zu seinem ersten Sieg seit 37 Jahren verhilft, schlagen bei Fred jedoch alle Alarmglocken an. 
 
Vier Wochen später hat sich das Blatt jedoch vollständig gewendet. Bei einem seiner seltenen Besuche findet Leonard eine aufgeräumte Wohnung und einen noch viel aufgeräumteren und liebenswürdigeren Fred vor, der mit Rosalie beinahe in einer Art Lebensgemeinschaft zu leben scheint. Da brechen in dem Sohn die Eifersucht und der Verdacht der Erbschleicherei am übrigens untauglichen Objekt durch. Als dann auch noch Walter Freds langjährige Betrügereien beim Schach entdeckt und sich ein allgemeines Gewitter von Sohn und Freund auf Fred entlädt, schiebt dieser alles in heilloser Flucht auf Rosalie, so dass diese Knall auf Fall das Haus verlässt.

Kurze Zeit später hat sich Fred wieder in sein trauriges Alter Ego verwandelt: schlampig gekleidet, leicht alkoholisiert, die Wohnung ein einziges Chaos, vegetiert er ohne Haushälterin und Freund dahin und wartet nur noch auf den Tod. Aber dies wäre keine Komödie, wenn nicht plötzlich wider Erwarten Walter auftauchen würde, dem zu Hause auch die Decke auf den Kopf gefallen ist und der ein schlechtes Schachspiel mit einem nicht vertrauenswürdigen Partner immer noch dem Alleinsein vorzieht. Wie sich dann die Geschichte mit einem Überraschungseffekt doch noch zum Guten wendet und einen heiter-besinnlichen Ausgang nimmt, soll hier nicht verraten werden, um den potentiellen Besuchern nicht die Spannung zu nehmen.

Die Rolle des Fred ist Hausherr und Regisseur Dieter Rummel geradezu auf den Leib geschrieben. Besonders überzeigend wirkt er zum Schluss, wenn sich bei Fred die Erkenntnis seiner Schwächen und des Wertes seiner Freunde durchsetzt und er in sich schaut. Joachim Rudolf meister die Rolle des alternden Walters mit gekrümmtem Rücken und gespielter Schwerhörigkeit recht gut und lässt sein jugendliches Aussehen fast vergessen. Oliver Lemki muss als Leonard in einer Art Dauer-Erregung spielen, die ihm keine große Ausdrucksvielfalt erlaubt. Besonders hervorzuheben ist jedoch Nadja Solf, die mit Sicherheit und Gespür für die Situation die nicht einfache Situation der Haushälterin Rosalie meistert und dabei eine bemerkenswerte Ausdrucksbreite zeigt. Inka Schmietendorf als kurzfristige Ersatzhaushälterin vervollständigt ein Ensemble, das diese nachdenkliche Komödie mit viel Engagement auf die Bretter brigt.

Vorstellungen dienstags bis samstags um 20.15, sonntags um 18 Uhr. Kartenvorbestellungen dienstags bis samstags von 11.00-14.00 Uhr und 18-20 Uhr, sonntags ab 17 Uhr.  Telefon 06151/33 555  oder per e-mail