| Creatives Chaos mit Melancholie |
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Abschiedsvorstellung des Darmstädter Schauspielensembles |
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Abschiede
haben immer etwas Melancholisches, auch wenn man sich
noch so viel Mühe gibt, fröhlich zu sein. Aber warum
sollten sie den Hauch der Vergänglichkeit verdrängen?
Besser ist es, das Schmerzliche an einem Abschied mit
der Hoffnung auf einen neuen Anfang zu verbinden. So mag
das Ensemble des Darmstädter Schauspiels unter der
Leitung von Heinz Kreindl gedacht haben, als es darum
ging, anlässlich des Intendantenwechsels und des damit
unvermeidlichen Zerfalls eines eingespielten Ensembles
eine Abschiedsvorstellung zu geben. Molière hatte man
sich ausgesucht, eine Komödie über das Theater und
seine "Backstage"- Geschichten.
Dem
Publikum präsentiert sich eine Baustelle mit Gerüst,
Förderband, Absperrungen und anderen Zutaten einer
veritablen Baustelle. In diesem Aufbau- oder
Umbau-Ambiente - das Staatstheater wird derzeit massiv
umgebaut - stehen und flanieren die Mitglieder des
Ensembles herum, üben Bewegungen, Schritte, Gesten und
Deklamationen. Als sich alles auf den Beginn zu
konzentrieren scheint, kommt Spielleiter Kreindl auf die
Bühne und teilt dem verblüfften Publikum mit, dass die
Vorstellung leider vor wenigen Minuten aus
baupolizeilichen Gründen verboten worden sein. Das
anfangs ebenfalls irritierte Ensemble sieht freudig
einem freien Abend entgegen, der designierte
Hauptrollen-Darsteller - Matthias Scheuring - jedoch
bricht in einen Wutanfall aus, da er nun nicht den
König spielen kann. Intendant und Schauspielleiter
müssen den wild um sich Schreienden beruhigen.
Wein,
Weib und Gesang ums Klavier....
Doch
das Ensemble geht nicht nach Hause, und die Zuschauer
bleiben auch schön brav sitzen. Spielerisch beginnen
die Darsteller vor sich hin zu spielen, was ihnen gerade
einfällt, wobei sich zusehends spontane Paare bilden.
Man sucht und man findet sich, und das alles unter dem
Deckmantel bekannter Szenen. Ob auf dem Gerüst oder an
der Rampe, am Klavier oder im freien Gesang - überall
entwickeln sich Szenen aus den verschiedensten Stücken,
die nahtlos ineinander übergehen. Im Baugerüst hängen
die drei Hexen aus "Macbeth" im
Rokokko-Kostüm und zitieren ihre altenglischen
Zauberverse. An einer anderen Stelle entwickelt sich
eine weitere Szene aus Macbeth, bedeutungsschwer und
schicksalsgeschwängert. Aus einer anderen Ecke tönt
Brechts Ballade "Ja mach nur einen Plan...",
dann beginnen sich die Szenen zu jagen, dass langsam der
Überblick über die Quellen der jeweiligen Szenen
verloren geht. Da sieht man Ferdinand und Luise aus
"Kabale und Liebe" - dieses Mal stimmen
zeitlich sogar die Kostüme -, dann wieder Hedda Gabler
am Klavier in der Auseinandersetzung mit ihrer
heimlichen Jugendliebe. Auch die verklemmte Schwester
aus "eine schöne Bescherung" doziert noch
einmal über die Unwichtigkeit von Sex, die Gräfin aus
"Emila Galotti" kämpft verbal mit dem
aalglatten Marinelli, und so geht es weiter, immer
aufgelockert durch Lieder aus der
"Dreigroschen-Oper" - Hubert Schlemmer ist
hier in seinem Element - oder aus anderen Stücken mit
Gesang.
Eine
Zuordnung aller Szenen und Szenchen ist kaum noch
möglich, obwohl der sportliche Ehrgeiz den Rezensenten
antreibt, alles zuzuordnen. Doch bei einem Fundus von
vier Jahren Schauspiel ist es kaum noch möglich. Da,
der Geizhals, das war unverkennbar: "Kosten,
Kosten, Kosten, immer nur Kosten!" Oder plötzlich
schleicht Shylock um die Ecke und presst noch einmal
sein Leiden an der Ausgrenzung des Juden in die
abenteuerliche Forderung nach einem Stück
Menschenfleisch hinein. Ach ja, vier Frauen sitzen in
einem Thüringer Lokal und lassen sich von jungen
Soldaten zum Tanzen auffordern, bevor sie den "Ritt
auf die Wartburg" wagen. Aus dem Boden schaut
plötzlich Elisabeth Kreijcir und spricht - vom
Sonnenschirm beschattet - zu Willi von den
"Glücklichen Tagen", nur um kurz danach als
Emmy Göring mit Staatsschauspieler Gustav Gründgens zu
plaudern und schließlich - Höhepunkt und Gratwanderung
zugleich - mit Gerhard Hermann alias Adolf H. zu tanzen.
Auch Leonce und Lena kommen zu ihrem Recht, und die
Frauen von der Wartburg müssen sich flugs zu Tschechows
"Schwestern" umgruppieren. Mittendrin besingt
dann Hubert Schlemmer wieder das Paulinchen aus dem
"Struwwelpeter", und hin und wieder wird
jemand erschossen oder vergiftet. Doch alle stehen
wieder auf und machen in der nächsten Rolle weiter.
Das
dramaturgische Chaos hat jedoch System und ist durchaus
kreativ. Nahtlos und fast logisch gehen die Szenen
auseinander hervor, und im Mittelpunkt steht immer
wieder die Liebe, was sich auch in heftigen Umarmungen
und ausgiebigen Knutschereien im Vorder- und Hintergrund
ausdrückt. Die immer wieder eingeblendeten
musikalischen Episoden lockern den Lauf der Ereignisse
auf und verhindern Wortlastigkeit. Und immer ist alles
in Bewegung, man trifft sich und man trennt sich, Liebe
und Abschied sind die beiden großen Themen des Abends.
Der Schluss gestaltet sich dann so natürlich wie
zwanglos. Mit Rosenbuketten bewaffnet steigen die
Darsteller in den Zuschauerraum und verteilen die Blumen
einzeln an das Publikum. Die so Beschenkten bedanken
sich nicht nur mit Beifall, sondern verabschieden dieses
Ensemble, das in der nächsten Spielzeit etwa zu Hälfte
ersetzt wird, mit "standing ovations", die so
manchem/mancher Darsteller(in) die Tränen in die Augen
treiben. Man spürt an diesem Abend deutlich, dass
Publikum und Ensemble im Laufe der Jahre
zusammengewachsen sind und sich gegenseitig zu schätzen
gelernt haben. Der Abschied ist für beide Seiten nicht
einfach und setzt viele Emotionen frei. Jedoch: gut die
Hälfte des Ensembles bleibt uns erhalten, und auf die
Neuen sind wir schon gespannt.
Es
ist an dieser Stelle müßig aufzählen zu wollen, wer
wann was gespielt hat. Zu viele Szenen aus den
unterschiedlichsten Inszenierungen kamen hier mit
schnell wechselnden Besetzungen zur Aufführung, und
nicht immer waren es die ursprünglichen Mimen der
jeweiligen Produktion, die den Text aufsagten. Daher
muss es reichen festzustellen, dass das gesamte Ensemble
an dieser - soll man sagen Inszenierung? - beteiligt war
und offensichtlich mit ganzem Herzen bei der Sache war.
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