Wenn die Groteske zum Programm wird...

Groteske "Anti-Oper" von Markus Jansen und Kay Voges im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt

Das Märchen "Eisenhans" der Gebrüder Grimm erzählt vom Wilden Mann, der den verlorenen Königssohn das Leben und Kämpfen lehrt und sich mit dieser Erziehungsaufgabe letztlich selbst erlöst. Dieses Märchen haben die beiden Autoren Markus Maria Jansen und Kay Voges in die Gegenwart transportiert und in eine groteske Oper mit kleiner musikalischer Besetzung umgeformt.

Gerhard Herrmann (Gregor Zöge) und Nicole Averkamp (Das Orakel)
 
Gregor Zöge (Gerhard Hermann) ist Chef der Firma Huzna und regiert wie ein Despot. Seine Angestellten leben wie Legehennen in ihren kleinen Arbeitskäfigen und erledigen ihre Arbeiten in genau abgezirkelten Bewegungen, immer wieder drangsaliert, gedemütigt und bestraft von ihrem Chef. Da sie nichts anderes kennen, nehmen sie dieses Leben als das einzig mögliche hin. Die Putzfrau (Iris Melamed) läuft immer exakt ein großes Rechteck ab, der stotternde Sekretär Putschnik (Axel Holst) windet sich nicht nur sprachlich, sondern auch körperlich, die Sekretärin (Britta Hübel) hat sich ihres Frauseins völlig enthoben,  und der rundliche Angestellte Beutler (Hubert Schlemmer) ist der biedere Pflichteifer in Person. Der Sohn des Chefs (Timo Lindenberg) bettelt kriechend um etwas Anerkennung, erhält jedoch nur Nackenschläge, und vergeht sich in ödipaler Rache an dem Leichnam seiner Mutter. Man sieht, hier geht es hart an der Grenze des Erträglichen entlang.

Diese Gesellschaft wird plötzlich von einer Fee (Nicole Averkamp) aufgemischt, die von oben einschwebt und allen wie in einer Halluzination den Kopf verdreht. Als erster befreit sich Putschnik, krönt sich mit einem Hirschgeweih, verstößt gegen alle Etikette und landet schließlich als vermeintlicher Hirsch auf einem großen Baum. Die Putzfrau verfällt ihm und entdeckt plötzlich die Sexualität, der Sekretärin schießt es plötzlich durch Schoß, Mark und Bein, und selbst der brave Beutler kommt langsam aus sich heraus. Despot Zöge versucht verzweifelt, die Zügel in der Hand zu behalten, wird aber vom Chaos der befreiten Sinnlichkeit überwältigt. Als schließlich ein Truppe erotisch aufgeputzter Mädchen den Männern und sogar ihm Avancen machen, geht er ihnen mit dem Geweht zu Leibe, aber die vermeintlich tödlich getroffenen Feen stehen wieder auf, so dass er schließlich verscheidet. Das Büro ist befreit, und als der Juniorchef in die väterlichen Bahnen einzulenken versucht, nimmt ihn niemand ernst. Zum Schluss singen alle zusammen das Lied der allgemeinen Befreiung wie bei den krudesten Brechtschen Lehrstücken vorne an der Rampe.

Axel Holst (Putschnik) und iris Melamed (Putzfrau)

Eine Zeitlang kann das Stück mit seinen grotesken Einfällen Lacher ernten, wobei vor allem Gerhard Hermann als Zöge mit seinem stelzenden Gang und seiner aus Eitelkeit, Machtgelüsten und Dummheit gemischten Rhetorik glänzt. Nach spätestens einer Stunde jedoch läuft sich die Groteske langsam tot, und da sich keine richtige Aussage entwickelt, verkommt das Stück zum Schluss zusehends zum Klamauk. Die Musik könnte hier - wie bei der "Rocky Horror Show" - so manches retten, aber auch hier fehlen die wirklich zündenden Rhythmen und Ohrwürmer, die zum Mitsingen animieren. Über weite Strecken wirkt die Musik des Quartetts eher anämisch denn mitreißend. Die Songs scheinen den handelsüblichen Musicals entnommen zu sein, so ähneln sie in Melodik und Harmonik deren musikalischem Repertoire.

Die Darsteller versuchen, das Beste aus dem etwas dünnen Handlungsfaden zu machen, und streckenweise gelingt ihnen das auch, siehe Gerhard Hermann. Auch die Rollen der beiden Angestellten sind dankbar, weil sie sich in grotesker Verzerrung ergehen können, die immer ein dankbares Publikum findet. Auch die Frauen haben kurze Phasen der grotesken Komik, müssen sich aber mit einer engeren Ausdrucksbreite begnügen.

Man sollte in dieses Stück nicht mehr hineininterpretieren als es leisten kann. Für eine Stunde liefert es gute Unterhaltung und harsche Gesellschaftskritik, die letzte halbe Stunde hält man auch noch durch. Der Beifall war freundlich, einige jüngere Leute bellten noch einige Begeisterungslaute dazu.