| Poesie eines Ausgegrenzten |
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Premiere von Ridge Theatre´s "Jennie Richee" in Darmstadt |
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Das amerikanische Tanztheater, vornehmlich die New Yorker Szene, ist immer wieder gut für ausgefallene um nicht zu sagen innovative Inszenierungen, deren Eigenart vor allem darin besteht, dass sie immer wieder die Grenzen des klassischen Spartentheaters überschreiten und ohne Hemmungen Elemente des Schauspiels, des Balletts und der Oper miteinander verbinden. Darüber hinaus entdecken sie immer wieder neue und ausgefallene Themen und bringen sie auf die Bühne.
Das Stück "Jennie Richee" des Ridge Theatres aus New York gehört zu den Produktionen, die erst seltsam berühren, dann aber einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen.
Im Jahr 1973 starb der allein lebende Sonderling Henry Darger. Nach dem Tode seiner Mutter bei der Geburt einer Tochter gab sein Vater den Sechsjährigen in ein Heim, in dem er ein kindliches Martyrium durch Missbrauch und Quälereien durchlebte und sich zum Sonderling entwickelte. Seine Schwester sah er nie; sie hatte der Vater nach der Geburt zur Adoption frei gegeben. Diesen Hintergrund muss man kennen, um die weitere Entwicklung Dargers zu verstehen. In seinem kleinen Appartement fand man nach seinem Tod einen Roman von 15.000 (!) Seiten sowie eine Autobiografie von 8.000 Seiten Umfang. Außerdem unzählige Bilder, die offensichtlich der Phantasie einer kranken weil schwer geschädigten Persönlichkeit entsprungen waren.
Der Roman handelt von Kindern, vorzugsweise kleinen Mädchen, die verfolgt, missbraucht, gequält und gemordet werden. Hier spiegelt sich offensichtlich das Trauma der verlorenen Schwester wider, die Darger ebenfalls als Opfer einer anonymen Erziehung sieht. In der zweiten Ebene agieren die Soldaten, gesichtslose Gestalten eines Unterdrückungsapparates, die gnadenlos mit den Kindern umgehen, sie ausnutzen, zu Zwangsarbeit anhalten und sie auf teilweise sadistische Weise umbringen. Schließlich sind da noch die engelsgleichen Wesen, mit Flügeln angetan, die aber im Gegensatz zu den uns "bekannten" Engeln eine ambivalente, nicht rettende Rolle spielen. Sie scheinen die Geschehnisse auf der Erde lediglich zu beobachten, übernehmen jedoch keinerlei Verantwortung. Hier schlägt sich Dargers jahrzehntelange Abkehr vom christlichen Glauben nieder. Der teilweise deklamatorische, teilweise hymnische Text wird immer wieder durch Dargers prosaische Kommentare zum Wettergeschehen unterbrochen, in denen er aus seinem Phantasiereich kurzfristig in eine traurige Wirklichkeit zurückfindet.
Ein Soldat: Im Vordergund die "Vivisektion" eines Kindes
In der Inszenierung des Staatstheaters Darmstadt, vom New Yorker Regisseur Bob McGrath geleitet, spielen mediale Effekte eine große Rolle. McGrath lässt auf verschiedene, hintereinander angeordnete Gazevorhänge Texte, Filmsequenzen und Bilder projizieren, etwa wesentliche Elemente - Satzfesten - des Textes, Blumen,idyllische Landschaftsszenen oder Filmszenen eines Hurrikans, den Darger einmal über Hunderte von Seiten minutiös beschreibt. Dazu unterlegt er die Handlung mit einer Musik, die den zwanghaften Charakter des Textes und seine versteckte Poesie zum Ausdruck bringt. Dabei verliert das Ganze bei aller Grausamkeit nie einen märchenhaften Charakter. Doch die guten alten Märchen - z.B. die Grimmschen - verbanden ja ebenfalls auf bodenständige Weise Grausamkeit und Hoffnung. Die märchenhafte Komponente steckt in den Mädchen, die - in geblümten Kleidchen, mit Pferdeschwanz und Blumen im Haar - einem Poesiealbum entsprungen sein könnten. Die "Vivian Girls", so ihr Name bei Darger, entziehen sich immer wieder der grausamen Realität, indem sie sich an den geheimen Ort "Jennie Richee" zurückziehen, eine Metapher für den Rückzug ins Innerliche, wohin kein Feind folgen kann. Aber man sollte die Handlung keiner strapaziösen Interpretation unterziehen, denn Darger war kein Meister der Handlungslogik, sondern hat sich seine Traumen in einer Mischung aus Arno Schmidts "Zettels Kasten" und dem "Herrn der Ringe" von der Seele geschrieben. Man sollte die Handlung daher eher als atmosphärisches Bild denn als eine gesellschaftliche Anklage oder gar als eine lösungsorientierte Darstellung konkreter Konflikte verstehen.
Henry Darger selbst (Daniel Zippi) ist Teil des Romans (und der Inszenierung), kommentiert das Geschehen und seine Person vor dem Vorhang und diskutiert hinter ihm mit den Personen des Stücks, greift sogar aktiv in das Geschehen ein, wird - als General Darger- einmal Teil der Soldateska und muss sich sein Leben lang damit auseinandersetzen, dass er das Bild eines erdrosselten Mädchens, das für ihn elementare Bedeutung gewonnen hat, verloren hat. Ein Leben lang suchte Darger nach diesem Bild und hat diese Suche in seinem Roman verewigt. Die verschiedenen Handlungsebenen werden in McGraths Inszenierung auch optisch verdeutlicht. Die Soldaten agieren fast durchweg im Hintergrund der Vorderbühne, deutlich hinter den revuehaft aufgestellten Mädchen, die Engelwesen dagegen - unverwechselbar hermaphroditisch ausgebildet - schweben erhöht im Bühnenhintergrund wie auf Wolken und vollführen Figuren, die an klassische Gemälde erinnern. Die gelungene Kombination aus den durchweg englischen Texten - die man übrigens nicht unbedingt "en detail" verstehen muss -, dem Bühnenbild mit seinen multimedialen Effekten und der Musik vermittelt einen geradezu suggestiven Eindruck von der introvertierten um nicht zu sagen autistischen Verfassung des Autors. Doch bei aller Exzentrizität sollte man ihn nicht zum verschrobenen Außenseiter oder gar Verrückten abstempeln. Denn trotz oder gerade wegen der Abweichung vom "Normalen" liegt in diesem Stück viel Wahrheit und traurige Poesie, die dem Publikum zu vermitteln Regisseur und Ensemble in hervorragender Art gelungen ist. Entsprechend reagierte das Premierenpublikum mit lang anhaltendem Beifall. |