| Sprache
ohne Worte
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Uraufführung
von Martin Heckmanns "Kränk" im Frankfurter Schauspiel |
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Dass
Theater aus Sprache besteht, ist eine Tautologie; doch
dient dem Theater die Sprache üblicherweise als
Transportmittel, um Konflikte darzustellen, auszutragen
und eventuell zu lösen. Selten wird die Sprache selbst
zum Gegenstand des Stückes, und in solchen Fällen
nimmt der Gang der Handlung "selbstreferenzielle"
Züge an. Der 1971 geborene Autor Martin Heckmann hat
sich dieser Aufgabe gestellt und in "Kränk"
Wesen und Unwesen der täglichen Sprache in den
Mittelpunkt gerückt.
Vater
(Joachim Nimtz) und Sohn Ernk (Rainer Frank) leben
alleine, nachdem die Mutter in eine Nervenheilanstalt
eingeliefert worden ist. Der Vater ist
Kommunikationsdesigner - hier scheint die erste Ironie
auf - und pflastert seinen täglichen Sprachweg mit den
üblichen Plattitüden, aus denen unser aller Repertoire
besteht. Ernk, der eigentlich Christoph heißt, sich
aber aus Protest einen Kunstnamen gegeben hat, opponiert
durch die Umgestaltung seiner Sprache gegen die Welt der
Erwachsenen und vor allem seines Vaters, mit dem er sich
im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr versteht. Ernk
möchte alles "änders" machen, erfindet neue
Worte und Satzkonstruktionen und unterminiert in
subversiver Weise mit seiner "Kränk" - von
"krank" - genannten Sprache den
Kommunikationskonsens der Gesellschaft, um sich
persönlich Freiraum zu verschaffen. Doch dieser Protest
landet durch seine Einsilbigkeit in einer Sackgasse, da
er mit niemandem kommuniziert.
Eines
Tages lädt der Vater seine Mitarbeiterin - Mama Doris
(Sascha Icks) - mit deren Tochter Rosa (Susanne
Buchenberger) ein. Während sich die beiden Erwachsenen
sofort auf der ihnen geläufigen Smalltalk-Ebene mit
verbalen Versatzstücken verstehen und sich in
vorsichtigen Kreisen näher kommen, lehnt Ernk den
Kontakt zu Rosa ab und konfrontiert sie mit seiner
Unsprache. Rosa reagiert jedoch überraschenderweise
nicht gekränkt (!), sondern geht auf seine
Sprachspielereien ein und erweitert sie um ihren
fernsehgesättigten Erfahrungshorizont. Schnell finden
die beiden zumindest auf einer verbalen Ebene
zueinander, und es baut sich sogar eine gewisse
Vertrautheit, bei ihr sogar Verliebtheit auf.
Als
jedoch die Erwachsenen, die mittlerweile den Weg zur von
ihm ersehnten und von ihr einkalkulierten Kopulation
gefunden haben, anschließend wieder mit den
Jugendlichen konfrontiert werden, beginnen sie
"Kränk" zu usurpieren und ins Alberne und
Lächerliche zu verwandeln. Damit rauben sie Ernk seine
mühsam aufgebaute Gegen-Identität und treiben ihn in
die Verzweiflung.
Ernk,
der zwischenzeitlich seine Mutter (Babett Arens) in der
Anstalt besucht hat, wo sie mühsam wieder die
Grundzüge einer scheinbar vernünftigen verbalen
Kommunikation erlernt hat, entschließt sich, zusammen
mit seiner Mutter aus dem Leben zu gehen. Er sieht sie
genau so wie sich als ein Opfer der patriarchalischen
Verbalgewalt, die sie in den Irrsinn und ihn in die
Verzweiflung getrieben hat. Ohne dass die Mutter
begreift, was vor sich geht, schneidet
er ihr und sich die Kehle durch. Anschließend blicken
beide aus einer anderen Welt zurück auf die Menschen,
die weiter in den unerträglichen Zuständen leben
müssen. Zum Schluss finden sich alle im gemeinsamen
Singen des "Halleluja" aus Bachs H-Moll-Messe
wieder, ein Zeichen dafür, dass der Mensch sich nur im
Gesang authentisch äußern kann.
Soweit
Heckmanns Handlung. Die Aussage ist deutlich, wiederholt
sich aber recht schnell. Dass die Menschen aneinander
vorbeireden, ist keine neue Erkenntnis, und dass Sprache
verhunzt und zu Floskeln reduziert wird, wissen wir auch
schon lange. Das Gleiche gilt für die Macht der Sprache
zwischen Eltern und Kindern wie zwischen Vorgesetzten
und Untergebenen. Dies alles ist nicht unbedingt neu,
wenn Heckmann dem Thema auch einige neue Aspekte
abgewonnen hat. Allerdings wird die Verdrehung der
Sprache durch Ernk ziemlich ausgewalzt und gerinnt statt
zum Ausrucksmittel zum Selbstzweck. Untrügliche
Anzeichen einer solchen Schwäche sind immer wieder die
falschen Lacher in einer an sich ernsten Situation wegen
des komischen Charakters der Sprache. Der Kalauer ist
bei diesen Sprachspielereien nicht fern und provoziert
geradezu flache Lacher.
Regisseurin
Simone Blattner verleiht durch eine straffe Regie dem
Stück hohes Tempo. Da gibt es keine größeren Pausen
oder langatmige Dialoge, und der eigentlich
handlungsarme Text wird auf eine Stunde
zusammengedampft. Dieses Tempo verleiht dem Stück an
vielen Stellen auch einen scharfen Witz, der das Lachen
in den Hals zurücktreibt. Die bewusst abgehackte und
emotionsarme Art des Vortrags - Blattner verzichtet
völlig auf "natürliche" Dialoge - bringt das
Schablonenhafte und "Abgehörte" und
Wiedergekäute der Alltagskommunikation auf den Punkt.
Hier reden keine Menschen miteinander sondern sprechende
Hülsen, denen es nur um das Reden an sich geht, das den
Charakter eines Grundbedürfnisses oder einer Notdurft
annimmt. Was geredet wird, spielt keine Rolle, solange
geredet wird. Die zugespitzte Sprechart und der eher
einer Probe ähnliche Auftritt der Schauspieler - die
gerade nicht Agierenden bleiben im Hintergrund sitzen -
verleihen dann dem Stück dann doch die Aussage, die der
Text alleine nicht immer leisten kann.
Das
Ensemble wirkt wie aus einem Guss und bringt die
einzelnen Typen glaubwürdig auf die Bühne. Joachim
Nimtz spielt einen leicht öligen Vater mit
pseudo-liberalen Anwandlungen und väterlicher
Aggression, Sascha Icks gibt Mama Doris mit einer
"zickigen" Erotik, Babett Arens geistert
geistesabwesend als mental verstörte Mutter Iris durch
eine unverstandene Welt, Rainer Frank verleiht dem Ernk
anarchische, mit Verzweiflung durchwachsene Züge und
Susanne Buchenberger schließlich zeigt sich als
helfende und heilende Rosa, die Ernk erlösen möchte
und sich zwischen ihn und die Eltern stellt.
Das
Publikum belohnte die Leistung der Darsteller mit lang
anhaltendem Beifall.
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