| Das ewig Weibliche zieht Euch hinab.....
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Frank Wedekinds "Lulu" im Staatstheater Darmstadt |
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Man muss sich das in etwa so vorstellen: Ende des 19. Jahrhunderts, "Fin de siècle", Dekadenz, Reichtum, Überdruss, Langeweile, Korsett der Konventionen, Verdrängung des Sexuellen in die Tabuzone. Die gesamte Männerwelt lebt eine Doppelmoral zwischen bürgerlicher Moral und mehr oder minder willigen Dienstmädchen. In diese schwüle, aufgeheizte Atmosphäre platziert Frank Wedekind sein Theaterstück über das Männer mordende "Weib" Lulu, das wegen seiner dem Augenblick hingegebenen Kindlichkeit sich unbewusst allen erotischen Besitzansprüchen entzieht und gerade deshalb die Männerwelt verrückt macht.
Lulu, mit dem alternden Dr. Goll verheiratet, lässt sich von dem Maler Schwarz portraitieren und beginnt mit ihm eine Verhältnis. Der sie "in flagranti" erwischende Goll erliegt daraufhin einem Herzanfall, was die Heirat der beiden Verliebten zur Folge hat. Doch der naiv-verspielten Lulu reicht das nicht, und als ihr alter Förderer Dr. Schön auftaucht, verfällt dieser wider besseres Wissen der jungen Frau. Dabei hatte er sie bewusst Goll zur Frau gegeben, um sich von ihr loszureißen. Sich seiner Schwäche bewusst, beschimpft und schlägt er sie sogar, bedroht sie schließlich in äußerster Erregung und Selbsthass mit dem Revolver, befiehlt ihr, sich selbst zu erschießen, und stirbt im halb erotischen, halb tätlichen Gerangel selbst an einer Kugel. Lulu flieht mit der in sie verliebten lesbischen Gräfin Geschwitz, dem alten Lüstling Schigolch, der sich zwecks körperlicher Annäherung als ihr Vater ausgegeben hat, und einigen anderen Verehrern nach Paris, wo sie von dem Artisten Rodrigo wegen Schöns Tods erpresst und zur Prostitution gezwungen wird, um allen den Lebensunterhalt zu sichern. Nacheinander nähern sich ihr ihre verstorbenen Ehemänner in Gestalt unterschiedlicher Freier, bis der letzte, Dr. Schön ähnlich und "Jack" genannt, die über diese Koinzidenz glückliche Lulu in eine unbestimmte Zukunft entführt. Man kann sich bei dem Namen "Jack" leicht den Zusatz "the Ripper" vorstellen (im Originaltext schreit Lulu "he rips me") , und alles deutet auf ein gewaltsames Ende der jungen Frau hin. Kindfrau und Maler
Wedekind hat in der Figur der Lulu die reine weibliche Körperlichkeit in den Mittelpunkt gestellt. Ohne rationales Kalkül, ohne all die Versatzstücke eines bürgerlichen Frauenlebens geht diese Lulu durch die Welt, kennt nur Augenblick, nimmt die Männer wie sie kommen und lässt sie genauso leicht wieder fahren. Gerade diese innerliche Unabhängigkeit, die mit einer unstillbaren, aber nicht artikulierten Sehnsucht nach menschlicher Nähe einhergeht, trifft die sie Begehrenden ins Mark, sei es Mann oder Frau. Alle wollen Lulu besitzen, sind vom erotischen Begehren geradezu besessen und sehen in ihrer Blindheit nicht den Menschen sondern nur den Körper Lulu. Diese gerinnt geradezu zum Inbegriff des Sexus, ist mehr Metapher als Mensch, was sich auch darin widerspiegelt, dass man ihr das Fehlen von Vater und Mutter nachsagt. Wedekind thematisiert in ihrer Gestalt die Macht der Sexualität, die gerade in ihrer verdrängten Form besonders ausgeprägt ist. Man darf sicher sein, dass es dieses Stück zu seiner Entstehungszeit nicht leicht hatte mit der expliziten und impliziten Zensur.
Vor hundert Jahren konnte man so etwas durchaus realistisch spielen, weil allein die ungeschminkte - zumindest verbale - Darstellung des Geschlechtlichen provokatives Potential barg. Der Eindruck beim Publikum dürfte sich gerade durch die Tabuisierung dieses Bereiches verstärkt haben. Heute jedoch, da Film und Fernsehen kaum noch Tabus kennen und da Menschen in Talkshows freiwillig ihre sexuellen Verirrungen zur Schau stellen, hat eine solche Inszenierungen wenig Chancen auf eine durchschlagende Wirkung. Regisseurin Bernarda Horres betont daher das Verlorene der Figuren. Lulu ist eine verspielte und eigentlich äußerst liebenswerte junge Frau, die allen wohl und niemandem wehe ist. Sie verliebt sich in nahezu jeden Mann, weil sie in ihrer Spontaneität Nähe sucht und die Erotik als selbstverständliches Mittel für diesen Zweck sieht. Ihre Umwelt jedoch sieht die Erotik als Selbstzweck und Selbstvergewisserung, Besitzmehrung, Ego-Anreicherung. Ja, die Männer wähnen sich als Liebende und folgen doch nur ihren eigenen Bedürfnissen, die darauf ausgerichtet sind, das eigene Selbstbewusstsein durch den Gewinn dieses Geschöpfes zu erhöhen und die Selbstzweifel zu zerstreuen. Bernarda Horres´ Figuren irren durch ein offenes weil eigentlich nicht existierendes Bühnenbild. Keine der Personen verlässt das Spielfeld wirklich. Wer nicht zur Szene gehört, verfolgt diese vom Rand des Geschehens wie ein Voyeur, bereit einzugreifen, sobald die Handlung dies erfordert. Dadurch gehen die Szenen ineinander über und auseinander hervor und alle Beteiligten sind immer in gewisser Weise beteiligt. Aus Lulus Sicht ist dies auch stimmig, denn alle ihre Verehrer, verstorbenen Ehemänner und Verfolger kreisen in ihren Erinnerungen und damit in ihrem Leben. Für sie leben noch alle und bilden ein weites Geflecht von Beziehungen. Die Dialoge wirken oft beiläufig, so als seien die Personen nicht bei der Sache, seien mit ganz anderen Gedanken beschäftigt. Außer dem Verlangen nach Lulu kennen sie keine weiteren Bedürfnisse oder Interessen. Jeder lebt für sich in einem gekapselten Raum, lässt den Anderen teilnahmslos vorbeigleiten und leidet vor allem an seinem Begehren. Bei Bernarda Horres taumelt eine zutiefst dekadente und abgewirtschaftete Gesellschaft im hoch stilisierten Rausch des Erotischen apathisch dem Untergang entgegen. Lulu und Dr. Schön: verzweifelt
Die Darsteller setzen dieses Konzept konsequent um, allen voran Susanna Burkhard als so naive wie unbarmherzige Kindfrau. Die permanente Präsenz - alles dreht sich nur um Lulu - fordert ihr die äußerste Konzentration ab. Mit Bravour und einem breiten Ausdrucksspektrum meistert sie diese Aufgabe. Bisweilen wirkt sie etwas zu lieb und "strahlend", ein wenig mehr Berechnung und Kälte täte der Rolle gut, aber das sind Details, die wohl auch dem natürlichen Charme dieser Schauspielerin zu "schulden" sind. Gerhard Herrmann als Dr. Schön ist ihr ebenbürtiger Widerpart und bringt die brüchige Verzweiflung, den wachsenden Selbsthass und den seelischen Zusammenbruch dieser Figur überzeugend zum Ausdruck. Nicole Averkamp erfüllt die eher undankbare Aufgabe, eine exotische Randfigur - auch die Frauen lieben Lulu erotisch - zum Leben zu erwecken, mit der ihr eigenen Erfahrung, Markus Frank spielt den verzweifelten Maler Schwarz, Klaus Ziemann den früh verblichenen Dr. Goll, Christian Wirmer den Artisten Rodrigo, Jo Kärn den alten schleimigen Schigolch und Tim Bierbaum schließlich Dr. Schöns Sohn Alwa, der es ebenfalls unglücklich mit Lulu trieb. Das Abonnenten-Publikum - der Rezensent besuchte nicht die Premiere - konnte sich allerdings nur zu einem freundlichen Beifall aufraffen. Wer Unterhaltung oder gar Spannung erwartet hatte, sah sich hier wahrscheinlich enttäuscht. |