Eine musikalische Liebesbeziehung

Rheingau Musik Festival präsentiert "Mozart in Prag" im Kloster Eberbach

 
"Mozart in Prag" - das ist wohl der Inbegriff des Gegenteils zu "Mozart in Wien". In den letzten Jahren vor seinem Tod erfuhr Mozart in Wien zunehmend Desinteresse bis hin zu offener Ablehnung. Zu sehr verunsicherte seine für damalige Verhältnisse revolutionäre Musik das an höfische Unterhaltung gewöhnte adlige Publikum, zu sehr störte eben diese Leute sein herausragendes Talent, das ihre eigene Bedeutung in den Schatten zu stellen drohte. Also ignorierte man ihn und hätte ihn am liebsten außer Landes gejagt.
In dieser Situation muss die Begeisterung der Prager für seine Musik Mozart wie ein Geschenk des Himmels vorgekommen sein. Schon sein "Figaro", aufgrund der offenen Kritik an den feudalen Zuständen beim Kaiser und der Hofgesellschaft durchgefallen, brach in Prag alle Rekorde und fand seinen Niederschlag in der Prager Alltagsmusik bis hin zu Tänzen und Straßengesängen. Auf diesem Erfolg ließ sich gut aufbauen, und Mozart nutzte die Gunst der Stunde und lieferte gleich noch einige Werke nach. Das Rheingau Musik Festival hat diese "Mozart-Manie" der Prager musikalisch nachgespielt und die wichtigsten Werke um diese Stadt im Kloster Eberbach an einem Abend zusammengefasst. Dazu hatte man das Prager Kammerorchester engagiert und ihm einige kleinere Ensembles zur Seite gestellt.
 
Das dreiteilige Programm begann mit konzertanten Auszügen aus den Opern "Le nozze di Figaro" und "La clemenza di Tito", aufgrund des Wetters in der Basilika statt im Kreuzgang dargeboten, setzte sich fort mit drei gleichzeitigen kammermusikalischen Zwischenmusiken in verschiedenen Räumlichkeiten und fand seinen Abschluss in der "Prager Sinfonie", wiederum in der Basilika.
 
Bei schönem Sommerwetter hätte das Opern-Programm im offenen Kreuzgang stattfinden sollen, ideal geeignet für solche Zwecke. Leider hatte bereits am Nachmittag der Himmel mit schwarzen Wolken gedroht, und der Wetterbericht hatte auch nichts Gutes vorhergesagt. So hatte man die Aufführung wohlweislich in die Basilika verlegt, und das pünktlich zu Programmbeginn einsetzende Gewitter gab den Veranstaltern Recht.  Leider verfügt die Basilika nicht über die allerbeste Akustik für Konzertzwecke; zu oft bricht sich der Schall an den harten Steinwänden und wird vielfach ins Kircheninnere zurückgeworfen. Dadurch entsteht ein Nachhall-Effekt, der die Qualität der Darbietung doch merklich mindert. Doch das ist das Risiko jeder "Open Air"-Veranstaltung, und damit hat man zu leben. Der "Figaro" eröffnete das Programm mit der Ouvertüre sowie drei Arien der Contessa, des Cherubino und der Susanna, gesungen von Elisabeth Scholl, Ruth Sandhoff und Silke Schwarz. Als "Stimmungsmacher" eignen sich diese bekannten Arien natürlich besonders gut und erfüllten ihren Zweck auch vollständig. Die eigens für eine Prager Krönungsfeierlichkeit komponierte Oper "La clemenza di Tito" hat es da schon etwas schwerer, weil diese Oper, obwohl von manchen Experten als Mozarts beste bezeichnet, dem breiten Publikum doch weniger bekannt ist und daher kaum Wiedererkennungseffekte auslösen kann. Dennoch fanden die dreizehn(!) Auszüge aus diesem Werk starken Anklang beim Publikum, was nicht zuletzt auf die engagierte Darbietung der Solisten zurückzuführen ist. Elisabeth Scholl zeigte sich als sehr starke Vitellia, wenn sie auch in den expressiven hohen Lagen kurzzeitig etwas gepresst wirkte; Antigone Papoulkas (Sesto), Ruth Sandhoff (Annio) und Silke Schwarz (Servilia) meisterten ihre Rollen überzeugend, während der Tenor Patrick Henckens als Titus bisweilen etwas Stimmvolumen vermissen ließ. Trotz der eingeschränkten Akustik eine erfolgreiche Darbietung, die das Prager Kammerorchester unter der Leitung von György Vashegy präzise und mit wohltuender Zurückhaltung unterstützte.
 
Der zweite Teil bestand aus drei parallelen Veranstaltungen: einem Trio für Violine (Anna Heygster), Horn (Mirjam Werner) und Klavier (Stanislav Unland-Boianov), das je ein Trio von Jan Ladislav Dussek (1760-1812) und von Wolfgang Amadeus Mozart spielte, einem japanischen Streichquartett mit zwei Mozart-Quartetten (d-moll, KV 173, und D-Dur, KV 499), sowie dem Ensemble Prisma, das auf acht Blasinstrumenten Musik aus dem "Don Giovanni" zum besten gab. Der Rezensent entschied sich für das Trio, das beherzt zur Sache ging und in dem die Violinisten deutlich den Ton angab, die Hornistin nach einigen anfänglichen "Kieksern" jedoch zunehmend an Sicherheit gewann und sich zum Ende hin auf die Höhe der Violin-Solisten spielte. Das Publikum applaudierte den drei jungen Leuten lange und mehr als nur freundlich, in offensichtlicher Unkenntnis musikalischer Gepflogenheiten jedoch leider auch in den Pausen zwischen den  einzelnen Sätzen.
 
Den Schluss bildete Mozarts "Prager" Sinfonie Nr. 38, KV 504, nun wieder in der Basilika. Die Besonderheit dieser Aufführung bestand darin, dass das Orchester auf einen Dirigenten verzichtete, sich enger zusammensetzte, die Blicke mehr aufeinander richtete und damit eine kompakte und absolut sichere Interpretation dieser nur dreisätzigen Sinfonie ablieferte. Besonders der zweite Satz (Andante), der sich durch ein äußerst dichtes Themengeflecht auszeichnet, behielt auch ohne Dirigenten seine Dichte und Intensität. Das Presto des dritten Satzes befreite dann Musiker und Zuhörer von der Konzentration des zweiten Satzes und verlieh dem Abschluss eine nahezu fröhliche Note, vor allem der Schlussakkord, der - fast augenzwinkernd - plötzlich und heftig daherkam.
 
Das "Rheingau Musik Festival" hat mit dem Thema "Mozart und Prag" eine gute Wahl getroffen und damit nicht nur Mozarts Musik gewürdigt sondern dem Publikum auch ein Stück seines Lebens näher gebracht.