Fast ein Theaterstück

Marcel Reich-Ranicki im Staatstheater Darmstadt
Marcel Reich-Ranicki hat sich mit der Reihe "Kanon" daran gemacht, die seiner Ansicht nach wichtigsten Werke der deutschen Literatur in einem fünfteiligen Kanon vorzustellen. Die erste Reihe, den "Kanon der Romane", haben wir auf diesen Seiten bereits vorgestellt. Für die Vorstellung der zweiten Reihe, "Erzählungen" hatte die Darmstädter Buch- handlung Schlapp Marcel Reich-Ranicki persönlich ins Keine Haus des Staatstheaters geladen.

Die Veranstaltung war bereits Tage vorher ausver- kauft, und einige naive Tagesgäste mussten unver- richteter Dinge und verärgert wieder nach Hause gehen. Nach dem Ende des "Literarischen Quar- tetts" haben viele Menschen offensichtlich unter Entzugserscheinungen gelitten und nahmen die Gelegenheit wahr, den intellektuellen "Entertainer" einmal "live" zu erleben.

Bereits das Bühnenbild war ein ironisches Zitat des "Quartetts": neben einem Ohrensessel stand ein rotes Samtsofa, wie man es von der legendären Veranstalrung her kannte, und begleitete den Vor- trag des "Meisters" in beredter Ungenutztheit, denn dieser platzierte sich in den Ohrensessel und begann sofort frei und druckreif vorzutragen, nicht ohne die bekannten ausholenden Armbewegungen.

Der Einstieg gelang ihm mit einer lockeren Improvi- sation über eine Fernsehaufführung von Kleists "Prinz von Homburg" am Vorabend, die er als Bei- spiel einer gelungenen Inszenierung eines der be- eindruckendsten Dramas der deutschen Literatur- geschichte pries. Über Kleist kam er zur Sprache, zu den Romanen, derer in seinem ersten Kanon lie- bend gerne zehn weitere Beispiele beigefügt hätte, und schließlich zum Gegenstand der Veranstal- tung, dem Kanon "Erzählungen"

Doch es ging ihm weniger um eine detaillierte Be- schreibung dieses Kanons, sondern um die Bedeu- tung der Erzählung im Gegensatz zum Roman, die von einer angeblichen Abneigung des Publikums herrührende leidige Gering- oder Unterschätzung der Erzählung durch die Verleger und um die man- gelhafte Präsenz der klassischen Literatur im Deutschunterricht an den Schulen.

All dies brachte Reich-Ranicki in einem fort- laufenden Erzählstrom mit vielen kleinen, lite- rarischen und gesellschaftlichen Abschweifun- gen vor, die er aber wie ein guter Autor immer wieder rechtzeitig und sprachlich elegant auf das Thema zurückführte. Mit seiner pointierten und immer treffsicheren Ausdrucksweise ern- tete er so machen Lacher und spontanen "Szenenbeifall", wenn es um die unsägliche (autobiografische) Literatur unserer Tage geht.

Nach einer Stunde hatte man das Gefühl, der Inszenierung eines Theaterstücks für eine Solorolle beigewohnt zu haben, und insofern war auch der Veranstaltungsortpassend gewählt. Das Publikum verabschiedete den sprachgewaltigen und doch so "volksnahen" Kritiker mit herzlichem Beifall, und viele nutzten die Gelegenheit, sich im Foyer noch ein Buch von ihm signieren zu lassen.