| Musik als Verdichtung von Emotionen |
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Vincenzo Bellinis Oper "Norma" konzertant in Darmstadt |
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Konzertante Inszenierungen von Opern gelten bei Darstellern wie beim Publikum üblicherweise eher als ungeliebt. Den Zuschauern wird der optische Reiz und die Spannung einer Handlung weit gehend vorenthalten, und die Darsteller haben wenig bis keine Möglichkeiten, ihre darstellerischen Fähigkeiten auszuspielen. Doch jedes öffentliche Theater führt aus Kostengründen pro Saison mindestens eine konzertante Aufführung im Programm, und soll das Werk gelingen, muss es schon eine Oper sein, die allein von ihrer Musik lebt und auch aus ihr heraus zu interpretieren ist. Das Staatstheater Darmstadt hat dafür Vincenzo Bellinis (1801-1835) Oper "Norma" ausgewählt und damit ein unfehlbares Gespür für die musikalische Wirkung bewiesen. Zeit und Hintergrund des Librettos lässt sich am besten mit den einleitenden Sätzen eines bekannten literarischen Werkes illustrieren: "Gallia est omnis divisa in partes tres,.....", Gaius Juilis Caesars Bericht vom gallischen Krieg ("De bello gallico"). Zwischen 58 und 51 a. Chr. n. hatte Caesar Gallien erobert, musste sich jedoch mit den unruhigen und ewig aufständischen Kelten herumschlagen. Allerdings wird man sowohl in Caesars Bericht wie im Libretto der "Norma" vergeblich das Dorf Klein-Bonum suchen.....
Die Priesterin Norma soll den aufrührerischen Galliern den richtigen Termin für den Aufstand gegen die Römer weissagen. Da sie jedoch entgegen ihrem Keuschheitsgelübde heimlich mit dem römischen Prokonsul Pollione liiert ist und hat ihm sogar zwei Kinder geboren hat, zögert sie den Termin hinaus, um ihren Geliebten zu schonen, obwohl sich dieser von ihr abgewendet hat. Als die junge Novizin Adalgisa ihre verbotene Liebe zu einem Mann beichtet, verzeiht sie ihr in seliger Erinnerung an die schönen Zeiten mit Pollione. Als sich jedoch bei der Frage nach dem Geliebten herausstellt, dass beide den selben Mann lieben, schwört Norma Rache und gibt den Galliern das Zeichen zum Aufstand. Gleichzeitig plant sie, ihre und Polliones Kinder zu erstechen, bringt es aber nicht übers Herz. So wählt sie die eigenhändige Tötung Polliones für sich als ultimative Rache, kann jedoch auch gegen ihn den Dolch nicht erheben. Stattdessen klagt sie in Polliones Anwesenheit eine Priesterin des Bruchs ihres Keuschheitsgelübdes an - jeder denkt an Adalgisa - und nennt schließlich unter Polliones Flehen und in Erinnerung ihrer eigenen Verfehlung - sich selbst. Konsequent verzichtet sie auf jegliche Begnadigung und steigt zusammen mit Pollione auf den Scheiterhaufen, um mit ihm gemeinsam zu sterben. Das Libretto ist von seltener Schlichtheit und Geradlinigkeit. Hier gibt es kaum Winkelzüge oder unlogische Entwicklungen, hier treibt die Entwicklung von Beginn an auf das tragische Ende zu. Alle Beteiligten sind durch ihre Gefühle und durch ihre Einbindung in den politischen Kontext an bestimmte Rollen gebunden. Selbst wenn Pollione nicht Norma wegen Adalgisa verlassen hätte, wäre der tragische Konflikt unvermeidlich. Die erotische Komponente steigert die politische nur noch ins Persönlich-Emotionelle. Auch die Szenenfolge gehorcht dieser inneren Logik. Nur wenige aber intensive Szenen bestimmen den Ablauf. Norma und der Gallierfürst Oroveso, in der Oper auch ihr Vater, Norma und Pollione, Norma und Adalgisa, und dann schon das Ende mit Pollione, Oroveso und dem Chor der Gallier. Die Oper lebt vor allem von der intensiven Musik, in der die unlösbaren Konflikte und die persönliche Tragik auf einzigartige Weise ihren Ausdruck finden. Bellinis Musik zeichnet sich durch eine ausgeprägte Innigkeit und Gefühlstiefe aus, die sich in fast schlichten aber umso eindringlicheren Melodiebögen niederschlagen. Vor allem die Arien von Norma - in der Premiere gesungen von der Schwedin Lena Nordin - und von Adalgisa (Katrin Gerstenberger) entfalten eine fast suggestive Wirkung. Das Duett der beiden Frauen, wenn Norma Adalgisa über die Identität ihres Liebhaber aufklärt, ist an Dichte und Intensität kaum noch zu überbieten. Aufs Engste verschränken sich beide Stimmen wie zu einer akustischen Umarmung zweier Leidender und lösen sich erst zum Ende des Duetts voneinander, wenn Adalgisa sich tief betroffen von Pollione lossagt und Norma ihr volles Mitgefühl angedeihen lässt. Kaum weniger intensiv sind die Duette zwischen Norma und Pollione, wobei besonders der letzte Akt mit der entsagungsvollen Selbstbezichtigung Normas hervorzuheben ist. Diese Musik kann auch ohne Bühnenhandlung leben, sie bereitet ihre eigene musikalische Bühne, deren Grenzen von den Sängern und dem Orchester gezogen werden. Bei dieser Premiere verschwand der Mangel einer Bühnenhandlung und des optischen Reizes eines Bühnenbilds mit zunehmender Spieldauer. Die Darsteller und das Orchester bauten das Handlungsgerüst allein mit der Musik in der Phantasie der Zuschauer auf und hielten das Publikum bis zum letzten Ton gefangen. Allerdings benötigte das Orchester unter der Leitung von Raoul Grüneis einige Zeit, um das richtige Maß zu finden. Im ersten Akt deckten sie einige Male die Sänger, vor allem Friedemann Kunder als Oroveso, akustische so zu, dass diese kaum zu hören waren. Vor allem die um externe Musiker verstärkte Bläsergruppe zeigte sich anfangs übermotiviert und bisweilen auch etwas unsicher im Einsatz. Dies war jedoch entschuldbar, mischten sich hier doch Profis mit begeisterten Amateuren. Mit zunehmender Spieldauer nahmen sich jedoch auch die Bläser zurück, wurden geschmeidiger und sicherer und fügten sich harmonisch in das Orchester ein. Spätestens ab dem 2. Akt traten die Solisten klar hervor und konnten ihr sängerisches Potential voll entfalten. Allen voran ist dabei Lena Nordin als Norma zu nennen, die in allen Lagen und Ausdrucksvarianten höchste Sicherheit und Gestaltungskraft bewies. Bei ihr wirkt die sehnsüchtige Erinnerung an eine große Liebe nie sentimental und die Rachlust nie billig. Alles kommt im rechten Maß und ohne falsche Übertreibung zum Ausdruck, und dabei hilft ihr eine außerordentlich modulationsfähige Stimme mit einer weiten Emotionsskala. Katrin Gerstenberger stand ihr als Adalgisa kaum nach und glänzte vor allem durch eine auch in den hohen und expressiven Lagen klare und kraftvolle Stimme. Gustavo Porta sah aus, wie man sich den italienischen Tenor gemeinhin vorstellt: klein, rundlich, strahlend und mit einem allen Anforderungen gewachsenen Tenor. Man sah ihm den Spaß am Singen geradezu an, selbst wenn sein Pollione an der Schwelle des Todes steht. Überhaupt überzeugten alle Sänger auch darstellerisch, obwohl ihnen Kostüme - Frack und Abendkleid - und Bühnenanordnung dazu wenig Gelegenheit bieten. Doch sparsame Gestik und intensive Mimik können zusammen mit dem Gesang ein ganzes Bühnenbild ersetzen. Das Publikum brauchte nach dem Verklingen der letzten Akkorde lange Sekunden, um sich auf den Beifall zu besinnen, so lange wirkte die Szene nach. Dann jedoch brandete ein Beifall auf, der erst in Bravo-Rufen und schließlich in "standing ovations" mündete. Ein "Buh" hätte man vergebens gesucht, und jeder der Anwesenden hatte das Gefühl, einen großen Opernabend erlebt zu haben. |
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