Märchen, Witz und Parodie

Prokofjews Oper "Die Liebe zu den drei Orangen" in Darmstadt

Zum Ende der Saison 2003/2004 und gleichzeitig zum Ende der Ära des scheidenden Intendanten Theo Umberg präsentierte auch Opern-Regisseur Friedrich Meyer-Oertel seine vorerst letzte Opern-Inszenierung am Staatstheater Darmstadt. Passend zur Umbruchsituation in Darmstadt und auch zur politischen Situation in Deutschland hatte er sich hierfür Sergej Prokofjews Oper "Die Liebe zu den drei Orangen" ausgesucht, die vor absurdem Witz, treffenden Parodien und satirischer Verdichtung einer heilen Märchenwelt nur so strotzt. In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstanden, agiert diese Oper sozusagen "gegen den Strich" des realistischen und massiv gesellschaftskritischen Theaters dieser Zeit.
                                                                                                                                                                                                                         
Anderas Wagner (Prinz) und Matthais Wohlbrecht (Truffaldino)
Das beginnt schon beim Einzug des Publikums. Auf der leeren Bühne spielt einsam am Klavier Joachim Enders, Korrepetitor am Staatstheater Darmstadt, und als sich die Gespräche im Parkett legen, hört man die nun beherzter werdende Musik auch. Von den Seitengängen drängt der als Opernpublikum "verkleidete" Chor und beginnt, unter Begleitung des Klaviers berühmte Opernarien zu präsentieren. Doch die Eitelkeit der Solisten erlaubt keine länger dauernde Selbstinszenierung. Gnadenlos wechseln mit entsprechend geschickten pianistischen Übergängen die Protagonisten an der Rampe, ihren jeweiligen Vorgänger mit unverhohlener Häme verdrängend, bis sie selbst dran sind. Das kommt recht lebendig und witzig daher, und schließlich einigen sich diese egomanischen "Künstler" doch darauf, das zur Aufführung anstehende Kunstwerk anzukündigen und auf Papptafeln sogar schriftlich kund zu tun. Ein mittlerweile von oben abgesenkter roter Samtvorhang - wie im alten Plüschtheater - darf sich nun zum ersten Bild des Spektakels öffnen. Vorher jedoch verwandeln sich die Solosänger in ein zwischen Bühne und Zuschauer geschobenes "Theaterpublikum", das sich in Folge köstlich amüsieren oder entrüstet abwenden wird, damit die bürgerliche Rezeption des Theatergeschehens subsumierend und das anwesende Publikum subtil parodierend und imitierend.

Im ersten Bild sieht man einen Hofstaat in aufwendigen Phantasiekostümen, der sich um das seelische Wohl des Königs Tréfle (Friedemann Kunder) sorgt. Dieser ist bekümmert, weil sein depressiver Sohn, der Prinz, das Lachen verlernt hat und nur jammernd im Bett liegt. Der Spaßmacher Truffaldino (Matthias Wohlbrecht) soll ihn zum Lachen bringen, der erste Minister Leander (Hand Christoph Begemann) und Prinzessin Clarissa (Katrin Gerstenberger) haben jedoch eigene Ambitionen auf die Thronfolge.....

Wie befürchtet, langweilen Truffaldinos Witze, Kunststücke und Slapstick-Einlagen den Prinzen nur, und erst, als Truffaldino die Hexe Fata Morgana (Doris Brüggemann) im Streit zu Boden wirft, bricht der Prinz ob der skurrilen Gestalt der gefallenen Hexe in Lachen aus. Diese verhext ihn zur Strafe mit der Liebe zu drei Orangen, die sich an einem gefährlichen Ort befinden. Ungeachtet der Warnungen des Vaters ziehen Prinz - wie Parzival als Schwert schwingender Ritter auf der Suche nach dem heiligen Gral - und Truffaldino los und finden die Orangen tatsächlich in einem Hexenhaus, das von der Oper "Hänsel und Gretel" sozusagen noch herumstand und "christo-gerecht" verpackt wurde. In diesem Haus herrscht die "Köchin von Kreonta" (Hans-Joachim Porcher"), die Truffaldino mit einem überdimensionierten Kochlöffel dermaßen heftig zusetzt, dass mittlerweile der Prinz heimlich die Orangen entwenden kann. Als die beiden auf der Rückreise in einer Wüste vor Durst fast umkommen, öffnet Truffaldino heimlich zwei der nun metergroßen Orangen, nur um dort zwei blonde junge Frauen vorzufinden, die kurz darauf mangels Wasser verscheiden. In der dritten findet der Prinz selbst die dritte Prinzessin, Ninetta, die gerade noch vom herbei eilenden Intendanten Theo Umberg mit einem Glas Wasser vor dem Verdursten bewahrt wird. Die "stante pede" ineinander verliebten jungen Leute eilen zurück an den Hof, um zu heiraten, die Hexe Fata Morgana jedoch verwandelt die Prinzessin in eine überlebensgroße Ratte, um Smeraldina (Tijana Grujic) , die arabische Nichte des intriganten Leander, zur Frau des Prinzen zu machen. Natürlich scheitert diese Verschwörung, Ninetta erhält ihre Menschengestalt wieder, und die drei Verschwörer werden den vermummten Henkern überantwortet und von diesen mit vorbereiteten Stricken in einer Art Polonaise durch den Zuschauerraum gejagt. Ende gut, alles gut - und zum Schluss singen alle Beteiligten in einem Schluss das hohe Lied auf Liebe und Gerechtigkeit.

Hans-Joachim Porcher (Köchin von Kreonta) und Matthias Wohlbrecht

Natürlich ist die "innere" Handlung nicht wirklich ernst zu nehmen, liefert aber ausreichend Gelegenheit zur Parodie gängiger Theater- und Opernklischées. Ungewollt aber passend kommt die Lethargie des Prinzen als Parallele zur derzeitigen deutschen Befindlichkeit her. Die übliche Unterhaltung - hie Truffaldino, da Fußball EM 2004 - scheitert bei dem Aufmunterungsversuch, erst die Schadenfreude verschafft dem Depressiven Erleichterung. Personenkult und Speichelleckerei finden in Leander und Clarissa ihre Protagonisten, das vermeintlich Böse wird in den Sündenböcken Hexe und Teufel (Thomas Fleischmann) identifiziert und damit fein säuberlich weggeschlossen. Die "guten" Prinzessinnen sind allemal blond, während die arabische Nebenbuhlerin nicht nur rassisch ausgegrenzt sondern auch als "femme fatale" diffamiert wird. Sicher hat Prokofjew diese satirischen Elemente nicht bewusst als Zeitkritik eingesetzt, als Ausfluss herrschender "Märchenideologie" bringen sie jedoch die Vorurteile und Ängste auch der heutigen Gesellschaft  auf den Punkt.

Daneben parodiert Prokofjew jedoch auch noch kräftig seine Opernkollegen, so wenn er seinen markanten Marsch à la Verdi immer wieder als Erkennungszeichen einsetzt oder dessen Verschwörungsszenerien - natürlich parodistisch platter - nachstellt. Die Musik hat Prokofjew bewusst auf die turbulente und komödiantische Handlung abgestellt. Keine großen Arien, keine vermeintlich tiefen Emotionen oder Schicksalskämpfe. Hier herrscht Gegenwart pur, Konflikte lösen sich wie im Märchen durch die Liebe oder einen beizeiten eingeflogenen "deus ex machina", der eine verhakte Handlungslogik mit einem Schlag befreit. Da das aber in einem Märchen nun einmal so ist, lässt es sich kaum als Kritikpunkt gegen diese Oper einsetzen. Die Inszenierung des Chors als Publikum - heute ein fast üblicher Gag - war damals noch neu und bildete eine ungewohnte und daher irritierende "Selbstreferenz" des Theaters. Gerade dieses "künstliche" Publikum schafft jedoch die nötige Distanz zum abstrusen Geschehen auf der Bühne, als wollte der Komponist sagen: "Es ist doch alles nur Theater!". Gleichzeitig kann er mit diesem Pseudo-Publikum das echte - anwesende oder allgemeine - wunderbar auf die Schippe nehmen, was er natürlich auch tut. Dass dieses Publikum eleganter gekleidet war als teilweise das "echte" draußen im Zuschauerraum, kann man als ironisches Apercu sehen. Die sommerliche Freizeitkleidung kontert implizit die Parodie auf ein nur in Selbstdarstellung schwelgendes bürgerliches Publikum. Daneben übt sich das "Bühnen"-Publikum jedoch auch in allen Arten hämischer, degoutanter oder auch empörter Reaktion auf das in der zweite Ebene dahinter Dargestellte. Wie auch im "richtigen" (Theater-)Leben stellt dieses Publikum das Recht an der eigenen Unterhaltung vor die Botschaft des Autors, hier einmal jedoch in parodistischer Absicht.

Prokofjews Musik, obwohl in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden, klingt nie atonal modern, d.h. anstrengend. Geradezu spielerisch kommentiert und begleitet die Musik das Geschehen auf der Bühne, fordert nicht das Primat der Musik über die Bühne ein, sondern lässt den Akteuren auf den Brettern viel akustischen Raum zur Entfaltung. Das Skizzenhafte herrscht anstelle durchgehender Motive, von dem erwähnten Marschmotiv einmal abgesehen. Der kurze musikalische Einfall steht für das Prinzip der "Commedia dell´Arte", die ebenfalls von dem brillanten Einfall lebte. Gast-Dirigent Jahbom Koo führte das Orchester souverän und mit viel Sinn für die musikalischen Nuancen durch die Partitur

Dem Ensemble bereitete diese Inszenierung offensichtlich viel Vergnügen, waren doch alle Darsteller mit viel Engagement und Witz bei der Sache, bis hin zu jedem einzelnen Mitglied des Chors, dessen schauspielerische Qualitäten dieser Mal besonders gefragt waren. Den meisten Beifall holte sich am Ende Matthias Wohlbrecht als quirliger Truffaldino, doch auch Andreas Wagner als Prinz, Hans-Joachim Porcher als Köchin von Kreonta und Doris Brüggemann als Hexe erhielten besonderen Beifall. Doch generell galt der Applaus des Premierenpublikums dem gesamten Ensamble, vor allem dem scheidenden Friedrich Meyer-Oertel, der sich "standing ovations" gegenüber sah, sowie dem Orchester unter Jahbom Koo.