Die Stunde der Dilettanten

"Poetry Slam" Im Nachtcafé der Volksbühne Berlin
 

In der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin Mitte, dort, wo Frank Castorf seine viel diskutierten Inszenierungen präsentiert, gibt es den so genannten "Roten Salon". Wer diesen Verschnitt eines Rotlichtviertels noch nicht gesehen hat, kann seine ironische Komponente kaum verstehen. Das Ambiente erinnert an die Beschreibungen der Bordells im ausgehenden 19. Jahrhundert, nur dass hier profane Plastikstühle statt aufgepolsterte Fauteuils den Raum füllen. Das Beste sind die Deckenleuchte, die in Form und Farbe eine Mischung aus der Nierentisch-Kultur der 50er Jahre und der späten SED-Epoche darstellen. Alte Sofas und leicht wacklige Sessel derselben Stilepoche ergänzen das Mobiliar, und der Besucher ist unschlüssig, ob es sich hier um Geldmangel oder beißende Ironie handelt.

In dieser Umgebung findet regelmäßig im Nachtcafé der so genannte "Poetry Slam" statt, bei dem junge oder nur unbekannte Dilettanten dem Publikum ihre literarischen Versuche präsentieren. Man erwartet hier keine etablierten Literaten, keinen gesicherten Kulturgenuss, sondern geht das Risiko eines eher zweifelhaften Programms ein. Doch der Reiz des Neuen, Ungewohnten, vielleicht Provokativen lockte an diesem Samstag Abend genug Besucher an, um den Salon zu füllen.

Zwei Künstler teilten sich das Programm: der Tscheche Jaromir Konecny und der Deutsche Niedermeier (RAN). Was der eingeklammerte Namenszusatz bei dem übrigens vornamenslosen Niedermeier bedeutet, erschloss sich dem Besucher nicht und wurde nicht erklärt. Wahrscheinlich setzte er dieses Wissen angesichts seines hohen Bekanntheitsgrades voraus.

Um es kurz zu machen: Konecny amüsiert durch frei vorgetragene Geschichten aus dem eigenen Erfahrungsschatz, so, wie er als Tscheche mit den deutschen Umlauten zu kämpfen hat, monatelang die ü, ä und ö lernt, nur um dann vom türkischen Gemüsehändler nach dem ersten Satz als Tscheche entlarvt zu werden. Oder die ewigen Missverständnisse mit seiner Karin, die immer anders denkt als er und deren emotionale Reaktionen ihn immer wieder überraschen. Kurz, er ironisiert sich selbst, bringt die Geschichten immer auf den Punkt und kann vor allem sehr amüsant und temporeich erzählen.

Als Kontrastprogramm tritt Niedermaier zwischen den Konecny-Texten mit der großen Geste auf. Vom Blatte liest er tief(?)sinnige Aphorismen aus seiner Gedankenwelt, wirft das Blatt nach der emphatischen Präsentation der Fragmente von sich und wandert eine Runde auf der Bühne, bevor er zum nächsten denkerischen Höhenflug ansetzt. Doch es geht ihm dabei wie Otto Lilienthal: er will hoch hinaus in die geistigen Höhen, landet jedoch nach kurzem Abheben auf dem Bauch. Doch das Polster seines Selbstbewusstseins bewahrt ihn zumindest vor den schmerzhaften Folgen dieses wiederkehrenden Absturzes. Ob er jedoch glaubt, sich bei seinen Höhenflügen zu den Wolken aufgeschwungen zu haben, bleibt unklar. Zumindest lassen sein kategorischer Ernst und die moralische Stringenz seiner Texte, die die Abscheu des jungen Wilden vor einer verkommenen und seiner nicht gemäßen Welt schön plakativ zum Ausdruck bringen, darauf schließen. Wahrscheinlich kann er innerlich über Konecnys lustigen Geschichten gar nicht lachen und fühlt sich fehl am Platze, da unter Wert verkauft.

Konecny kann man durchaus eine Zukunft als Autor humoristischer Geschichte zutrauen, Niedermeier wird dem "Poetry Slam" dagegen wahrscheinlich noch lange erhalten bleiben.