Märchen der anderen Art

Elfriede Jelineks "Prinzessinnendrama" in der Darmstädter Werkstatt
Märchen, nur scheinbar Kinderunterhaltung, haben wegen ihres mythischen Charakters seit jeher Schriftsteller aller Couleur fasziniert und zu Umdichtungen motiviert. So nimmt es nicht Wunder, dass auch die exzentrische Österreicherin Elfriede Jelinek, bekannt für ihre polarisierenden und provozierenden Texte, sich verschiedener Märchenstoffe angenommen und sie in ihrer eigenen Art aufbereitet hat. Unter dem Titel "Der Tod und das Mädchen I und II" - Untertitel "Schneewittchen und Dornröschen" - hat sie zwei archetypische Frauenfiguren des Märchens neu interpretiert. Die Regisseurin Heike Scharpff hat Elfriede Jelineks Texte freizügig angereichert, offensichtlich, um eine gewisse Distanz zu ihnen zu dokumentieren.

Als "Grundton" ihrer eigenen Interpretation dient dabei die zusätzliche Rolle einer fiktiven Souffleuse, die von der kleinwüchsigen Silke Schönfleisch gespielt wird und offensichtlich als Kopie der Autorin gedacht ist, zumal Britta Hübel (Schneewittchen) sie einige Male ausdrücklich mit den Worten "Elfriede, Text bitte" anherrscht. Hier haben wir also bereits die erste Provokation: Elfriede Jelinek wird mit einer schweren Behinderung assoziiert, was nur als Distanzierung zu verstehen ist. Die Tatsache, dass hier mit einer realen Behinderung einer anwesenden Person - so man Kleinwüchsigkeit nicht als normale Erscheinung betrachtet - polemisch agiert wird, entbehrt nicht eines gewissen Zynismus und wird nur durch die ausdrückliche Zustimmung der Darstellerin erträglich.
Auch das Werkstatt-Theater ist für diese Inszenierung umgestaltet worden. An der Rückseite erhebt sich ein treppenartiges Gerüst, auf dem die Schauspielerin Britta Hübel als Schneewittchen auf einem angedeuteten Berg grüner Äpfel - Referenz auf das Märchen - steht. Neben ihr lümmelt sich ein Jägersmann (Timo Lindemann) mit Kniebundhosen, Federhut und Gewehr auf den Stufen. Die Zuschauer sitzen an Biertischen und -bänken, nur das Bier fehlt....

Schneewittchen irrt auf der Suche nach den sieben Zwergen - symbolisiert durch sieben kegelförmige Gebilde - durch den Wald und trifft den Jäger, der sich jedoch bald als der Tod entpuppt. Zwischen diesen beiden entwickelt sich ein Monolog, der sich vor allem durch Schneewittchens betont naive Koketterie und des Tod-Jägers beiläufigen Zynismus auszeichnet. Bei diesem wechselnden Monolog - das Wort Dialog wäre hier falsch am Platze - geht es vor allem um die Stellung der Frau in einer Welt von Männern, um die Gewalt, die letztere ersteren antun, und um das Recht, dies zu tun oder zu unterlassen. Schneewittchens Naivität kontrastiert dabei scharf mit dem Thema, und an einem bestimmten Punkt entledigt sie sich des Prinzessinenkleides und damit auch der affektierten Gefallsucht und wandelt sich zu einer emanzipierten, kaltschnäuzigen Frau in erotische aufgemotzten Dessous, die mit dem Tod auf gleicher Augenhöhe verhandelt. Das dieser sie letztlich - im Gegensatz zum Märchen - doch noch holt, ist pessimistisch-ironisches Apercu.
Mit dem Tod Schneewittchens erhebt sich Matthias Scheuring als mächtiger Zwerg aus einem Kegel, räsoniert über das Leben und die leidige Pflicht, als Zwerg das wegräumen zu müssen, was andere anrichten, und tut genau dies mit dem Treppenpodest. Danach bittet die fiktive Elfriede Jelinek das Publikum, ihre Plätze auf dem Podest einzunehmen, damit auf der Fläche der zweite Teil ablaufen kann.

Hier erscheinen jetzt Dornröschen (Iris Melamed) und der Prinz (Matthias Scheuring), und letzterer küsst erstere ordnungsgemäß wach. Danach jedoch verfällt das Stück nicht dem märchenhaften Happy-End, sondern die Wachgeküsste beginnt mit ihrem Erwecker über den Tod - Schlaf - und das Erwachen zu diskutieren, stellt sein Recht als Mann in Frage und fordert ihn verbal heraus. Den anschließende Dialog zu verstehen, sollte man gar nicht erst versuchen. Bewusst hat Elfriede Jelinek hier viel philosophische Versatzstücke vor allem Heideggerscher Prägung verarbeitet, oder besser gesagt "verwurstet", denn ihr geht es nicht um den Urgrund des "Seins" , sondern sie will die verquasten Worte gerade dieses Philosophen als ein Stück Herrschaftsausübung von Männern über ihresgleichen und vor allem über Frauen entlarven. Da ist viel vom "Sein" und "Nichtsein" (nein, nicht Hamlet!) die Rede, nahezu unverständliche Gedankenketten reihen sich aneinander, unterbrochen nur durch handfeste sexuelle Parodien. Nichts ist hier wirklich ernst zu nehmen, vor allem das Gesagte. Es stellt nur den Versuch einer Verschleierung der Realität vor, frei nach dem Motto: "Solange man redet, handelt man nicht". Und wer nicht handelt, ändert nichts. So lässt sich diese Dornröschenversion verstehen. Am Ende beendet der Prinz die Wortschlacht mit einem schweigenden Akt der ursprünglichsten Art, führt im Tierkostüm alle menschlichen Worte auf nackte Triebe zurück.

Den Dialog von Prinz und Prinzessin begleiten Schneewittchen und der Tod, wie ein Geschwisterpaar oder wie Zwei, die das Ganze schon einmal durchgemacht haben und jetzt das Drama von Dornröschen aus dem Jenseits betrachten und kommentieren. Auch dies ist eine Zugabe der Regisseurin, die dadurch beide Stücke stärker miteinander verschränken will. Der Zuschauer bleibt nach diesem Stück in gewisser Weise ratlos, Natürlich haben die Darsteller das Beste aus dem Text gemacht und die hinter - nicht in - den Worten lauernde Botschaft zum Ausdruck gebracht. Dennoch bleibt außer einem Gefühl der ohnmächtigen Wut oder der wütenden Ohnmacht nichts weiter, denn die Worte sind hier nur "Schall und Rauch", verbale Tünche über einer so schrecklichen wie unabänderlichen Realität. Jeder muss selbst entscheiden, ob er diesem Jelinekschen Entwurf etwas abgewinnen kann oder nicht.

Die Darsteller jedenfalls erhielten vom zahlreich erschienenen Publikum lang anhaltenden und mehr als freundlichen Beifall.