Rockende Parodie auf einen Klassiker |
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"The Rocky Horror Show" im Staatstheater Darmstadt |
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Wer kennt nicht den Schwarzweißfilm aus den Früh- tagen der bewegten Bilder über den seltsamen Dr. Frankenstein, der auf einem einsamen Schloss aus den Einzelteilen gefangener Menschen einen
"Kunstmenschen" erschuf. Damals erweckte dieser Film bei einem cineastisch noch untrainierten Publikum
Grausen, heute hat er längst Kultstatus erreicht und erntet für seinen Inhalt nur noch Lächeln.
Hubert Schlemmer als Frank´n´Furter Im Jahr 1973 nahm der arbeitslose Schauspieler Richard O´Brien diesen Stoff zur Vorlage für ein Rock- Musical, das all die verrückten und provokanten Elemente enthalten sollte, die damals die junge Generation als Reaktion auf ein - vermeintlich? - in Konvention erstarrtes Kulturleben begeisterten. Obwohl es damals Rock-Musicals - vor allem erfolglose - wie Sand am Meer gab, entwickelte sich "The Rocky Horror Show" schnell zu einem Renner und schließlich zu dem erwähnten Kultstück, das heute regelmäßig von unterschiedlichen Bühnen aufgeführt wird. Dass auch das Staatstheater Darmstadt es nun in das Repertoire aufnahm, ist daher keine Sensation oder gar Provokation sondern eher Bestätigung eines weltweiten Trends. Das Musical hält sich eng an die Vorlage des Filmklassikers, verzerrt jedoch Personen und Geschehnisse ins Groteske und eindeutig Sexuelle, wobei letzteres aufgrund der unübersehbaren Satire durchaus kritische Qualitäten aufweist und nicht nur den vermeintlichen Voyeurismus des Publikums bedient. Die Verlobten Brad und Janet finden nach einer Autopanne bei strömendem Regen Unterschlupf in einem alten Schloss am Wegesrand und werden gleich mit einem seltsamen Diener-Ehepaar konfrontiert, dass nicht von dieser Welt zu sein scheint und andeutungsvolle Reden führt. Bereits etwas verunsichert, sehen sie sich dann plötzlich dem "Meister" gegenüber, einem Transvestiten mit einem Gesicht wie Marylin Manson und bekleidet mit Netzstrümpfen, hohen Schuhen und Strapsen. Sein Name mutiert in der Darmstädter Inszenierung - sozusagen als Verneigung vor dem Rhein-Main-Gebiet - von "Frank´n´Stein" zu "Frank´n´ Furter". Diese Horror einflößende Gestalt wird bald umringt von einer Schar schräger Figuren, die als Dienstboten oder Anhängsel des "Meisters" wirken. Im Musical besteht ihre Hauptaufgabe darin, sich im Rhythmus des Rock´n Roll zu entgrenzen. Als der plötzlich auf dem Motorrad dazu stoßende Jung- Rocker Eddie vom "Meister" mit der Axt zerlegt wird, zeichnet sich der Höhepunkt des Stückes ab, denn der Meister benötigt Eddies Gehirn für seinen künstlichen Menschen, den er anschließend in einem feierlichen Akt mit viel Nonsense-Technik und Funkenregen in affenähnlichem Aufzug aus der Mülltonne steigen lässt. Während im Film diese Figur Horror verbreitet, ist sie im Musical fast liebenswert, tut sie doch keinem etwas zu Leide und erschrickt eher über die schreckliche, irre Welt, in die sie geraten ist. Dagegen mischt Frank´n´Furter die Gesellschaft auf, indem er jegliche menschlichen Verhaltensregeln außer Kraft setzt. Als konsequenter Transvestit verführt er erst Janet, dann Brad, beide jeweils in der Verkleidung des "richtigen" Partners, und ergießt sich in eloquentem Zynismus über die Welt und die Menschen. Als Pointe der Geschichte stellt sich heraus, dass er zusammen mit dem Dienerehepaar von einem fremden Planeten stammt. Diese wiederum sind eigentlich Herrscher und eliminieren zum Schluss ihn und seine Bagage zur Strafe für die misslungene Menschenschöpfung. In einem Schlussbild, dass einer "Hamlet"-Aufführung gleicht, bleiben nur Brad und Janet übrig. Die ganze Geschichte wird noch von einer Rahmenhandlung eingefasst, in der das Dienerehepaar nach zwanzig Jahren in das leer stehende Schloss kommt und die Geschichte Revue passieren lässt. Dabei können diese Ereignisse durchaus der Phantasie dieses nun gar nicht mehr exaltierten Paares entsprungen sein. Der Realitätsgehalt dieser sowieso abstrusen Geschichte wird dadurch in doppelter Weise in Frage gestellt und ironisiert. Regisseur Michael Gruner hat das Musical in eine karge, düstere Bühnenlandschaft platziert. Das ist durchaus konsequent, da auch die Uraufführung als "Low-Budget"-Produktion eher studentischen, ja fast anarchischen Charakter auswies. Da sind aufwändige Requisiten fehl am Platze. Auch die Kostüme von Michael Sieberock-Serafimowitsch sind bewusst wie aus der Altkleidersammlung zusammengestellt: schrill, bunt und willkürlich. Aber gerade dadurch gewinnen sie an Glaubwürdigkeit. Hier muss alles wie "Trash" wirken, hier darf nichts gestylt aussehen.
Gruner hält sich ansonsten eng an das ursprüngliche Konzept, verzichtet auf die leichten Lacher zeitlicher oder geographischer Aktualisierungen - "Frank´n´Furter" bleibt die Ausnahme - , und lässt das Stück für sich sprechen. Das fällt ihm um so leichter, als es ausreichend Gelegenheit für Lacher bietet, auch wenn einem diese bisweilen im Hals stecken bleiben, so, wenn die
Gliedmaßen des gemeuchelten Eddie über die Bühne fliegen.
Vor allem lässt Gruner in seiner Inszenierung genüsslich die 60er Jahre Revue passieren. Da rockt es von Beginn an im schönsten Sound dieser Jahre, mal sentimental, mal lustvoll, mal aggressiv. Leider versteht man die Texte nur sehr selten, teils wegen der beabsichtigten Unterschicht-Artikulation, teils wegen des musikalischen Hintergrunds. Den liefert ein Quintett im hinteren Bühnen- "Untergrund", das selber in schwarzen Kostümen alternativen Zuschnitts gewandet ist und mit seiner Musik die "gute alte Zeit" vor der 68er-"Revolte" beschwört. Wer diese Epoche als Jugendliche(r) kennengelernt hat, fühlt sich um 40 Jahre zurückversetzt. Einen besonderen Anteil an dieser erfolgreichen Inszenierung haben natürlich die Darsteller, die bei dieser turbulenten, ja aberwitzigen Geschichte ihr Bestes geben müssen. Allen voran ist Hubert Schlemmer als wirklich "abgefuckter" Frank´n´ Furter zu nennen, der in seiner zynisch verbrämten Egozentrik und Übersteigerung seiner selbst alle gesellschaftlichen Dimensionen sprengt. Allerdings hätte man ihn sich manchmal noch zynischer und schärfer gewünscht, zeigt er doch bisweilen fast so etwas wie beginnende Einsicht oder gar Sentimentalität, was zu seinem Profil nicht passt. Aber das sind marginale Momente, die den Gesamteindruck nicht trüben. Neben ihm überzeugen vor allem Nicole Averkamp als verrückt-schlampige Magenta und Aart Veder als obskurer Diener Riff Raff. Auch Karin Klein als piepsstimmig-naive Columbia, Till Sterzenbach als dozierender Dr. Scott in Strapsen sowie Christian Wirmer als Macho-Eddie sind hervorzuheben. Tim Bierbaum als Brad und Isabella Bartdorff als Janet konnten als "normale" Menschen in diesem Toll-aus natürlich nur reagieren, ihnen selbst ist keine Extravaganz in die Rollen geschrieben worden. Dennoch wirkten sie nicht blass und füllen ihren Part überzeugend aus. Christian Schöne spielt einen so akrobatischen wie verschreckten oder gar sentimentalen Kunstmenschen "Rocky" und weckt beim Publikum eher Mitleid als Schrecken, somit die schaurige Mär vom grausigen Monster ironisch verfremdend. Dazu liefern die Student(inn)en der "Stage & Musical School Frankfurt" gekonnte Rock-Einlagen, die der ganzen Inszenierung noch den rechten Schuss Lebensfreude und Augenzwinkern beimischen. Das Publikum dankte dem Ensemble für diese Leistung mit begeistertem, nicht enden wollendem Beifall, der sich zum Schluss zu "standing ovations" steigerte und den sich das Ensemble wahrlich verdient hatte. |