| Dekadenz
als weltgeschichtliche Konstante
|
![]() |
Bruno Madernas Oper "Satyricon" in einer Inszenierung des Darmstädter Tanz/Theaters |
|
Der Darmstädter Komponist Bruno Maderna (1920 - 1973) hat in seinem letzten Werk in seinem Todesjahr das satirische Werk "Satyricon" des römischen Autors Petronius als moderne Oper auf die Bühne gebracht. Petronius, selbst ein äußerst stilvoller Genießer und gehobener Müßiggänger mit Talent zum Leistungsträger, geißelt in diesem in seiner scheinbaren Naivität an den späteren "Simplicissimus" erinnernden Buch die Ausschweifungen der Neu- und Superreichen in Neros Rom. Mittelpunkt des "Satyricon" ist die Beschreibung des Gastmahl des Trimalchios, eines zu unermesslichem Reichtum gelangten früheren Sklaven, das an Protzerei, Prasserei und Perversität kaum noch zu übertreffen ist. Maderna hat diesen zentralen Teil musikalisch geformt und - wegen der deutlichen Parallelen zum späten zwanzigsten Jahrhundert - in eine zeitgenössische Form umgewandelt.
Die Handlung selbst besteht mehr oder minder in der Beschreibung des Gastmahls, das bei Petronius neben der detailgenauen Schilderung der Speisen vor allem aus Klatsch und Tratsch des alten Roms besteht und die Unterwürfigkeit der Gäste gegenüber dem Gastgeber und Vertreter des Geldes, Trimalchios, entlarvt. Selbst die öffentliche Entleerung seines Darms und seine dauernden Flatulenzen ertragen die Gäste, wenn auch zeitweise mit zugehaltenen Nasen, und wenn Trimalchios` Diener einen großen Kuchen mit Schweinenasen hereintragen, drängeln sich alle danach, die Schweinenasen aufsetzen zu dürfen. Sobald sie die wie Clownsnasen aussehenden Masken aufgesetzt haben, werden sie buchstäblich zu Schweinen und kriechen grunzend und schnüffelnd über die Bühne, ihre letzte menschliche Würde verlierend. Der Höhepunkt des Gastmahls besteht darin, dass die Thai-Schöne, die vorher einen so machohaften wie gelangweilt wirkenden Michel nach allen Regeln der Kunst zufrieden gestellt hat, wie ein Spanferkel drapiert aufgetragen wird. Rundherum garniert mit erlesenen Speisen, wird sie zur kalten Platte, von der sich die Gäste die Spezereien herauspicken. Diese Exzesse haben jedoch bei Maderna keinen dramatischen Stellenwert, etwa als Handlungselement oder Konfliktpotential. Wie bei Petronius dienen diese Szenen nur als Illustration der Dekadenz. Zusammen ergeben sie ein Bild des sinnlosen Schlemmens und der entleerten Kommunikation. Denn Unterhaltungen finden unter den Gästen kaum statt. Nach einem ausgedehnten anfänglichen "Bussi-Bussi" findet man sich zu anzüglichen, frivolen oder aggressiven Spielchen wieder, die auch mal ein ein paar Ohrfeigen enden können. Trimalchios und seine Frau Fortunata unterbinden jeden eventuellen Versuch einer eigenständigen Kommunikation zwischen den Gästen. Nur sie stehen im Mittelpunkt, und die Gäste werden mit immer neuen Speisen oder Spielchen ruhig gestellt. Wenn Trimalchios aus Langeweile seine Jacke nimmt und mit ihr in der Luft Figuren beschreibt, so bilden die Körper der Gäste - immer noch mit Schweinsnasen im Gesicht - diese Figuren unverzüglich nach und bilden zuckende, sich windende Bündel auf dem Boden. Und als die junge Studentin dem verdutzten Trimalchios die Jacke entreißt und sein Werk fortsetzt, folgen die Gäste auch ihr, da Trimalchios diese Eigenmächtigkeit offensichtlich gut heißt. Kurz, das gesamte Gastmahl ist eine einzige Hommage der gesamten Gesellschaft an das Geld, und "money" ist auch immer wieder das Thema der eingestreuten Sprech- und Gesangstexte. Apropos Gesang: Maderna lässt in seiner Musik die gesamte Palette der Musikgeschichte in einem Schnelldurchlauf Revue passieren, jedoch nicht als plumpen Potpourri, sondern geschickt integriert in die moderne, meist atonale Musik. Da hört man plötzlich ein Thema aus Carmen im Untergrund des Orchesters, oder die "Stars und Stripes" flattern durch die Partitur. An einer anderen Stelle verfällt die besagte Sängerin aus einer undefinierbaren Tonfolge in die Arie der "Königin der Nacht" oder Trimalchios gibt ein kleines Stück aus einer Verdi-Arie zum Besten. Zwischendurch hört man von von den Bläsern einen Gassenhauer oder der Moderator Michel geht herum und lässt eine barocke Arie in lateinischer Sprache hören.
Zum Schluss lässt sich Trimalchios, frei nach dem Original, als Statue seiner selbst - und des Geldes - auf dem Tisch aufrichten, wobei diese Statue fatal in die Nähe des gekreuzigten Christus rückt. Wenn das beabsichtigt war, lassen sich durchaus einige gesonderte Betrachtungen daran knüpfen. Historisch jedenfalls lagen diese Ereignisse nicht weit auseinander, und mit dem Aufstieg des Christentums verfiel Rom. Doch dieser Gedankenkette zu folgen, würde hier zu weit führen. In erster Linie steht zum Schluss Trimalchios als sein eigenes Denkmal da, und wenn er nicht gestorben ist, lebt er noch heute...... Hervorzuheben bei dieser Inszenierung sind die hervorragenden sängerischen und darstellerischen Leistungen, so von Peter Grönlund als Trimalchios und Barbara Baranowska als Fortunata. Saskia Assohoto als Verona glänzte mit einer kräftigen und modulationsfähigen Stimme. Die Mitglieder der Tanz-Truppe mussten dieses Mal ihre schauspielerischen Fähigkeiten zeigen und das zeigten sie durchweg überzeugend, so Christina Czetto als K., Guido Markowitz als Michel oder Rolf Kast als Banker. Daniel Zippe gab einen so markigen wie servilen General. Das kleine (Kammer-)Orchester meisterte die wahrlich nicht einfache Partitur unter der Leitung von Niels Muss, der den Verlockungen der Prasserei erstaunlicherweise erfolgreich widerstand, mit hoher Präzision und Konzentration. Das Zusammenspiel mit den Solisten klappte fehlerfrei, was angesichts der wenig motivischen Ausrichtung der Musik sicherlich nicht einfach war. Abschließend ist noch hervorzuheben, dass man sich angesichts der eingeschränkten Thematik auf eine zeitliche Ausdehnung bewusst verzichtet und die Dauer auf 75 Minuten begrenzt hat. Das verlieh dem Stück Tempo und Dichte und vermied jegliche Längen. |
|