Dekadenz als weltgeschichtliche Konstante

Bruno Madernas Oper "Satyricon" in einer Inszenierung des Darmstädter Tanz/Theaters

 

Der Darmstädter Komponist Bruno Maderna (1920 - 1973) hat in seinem letzten Werk in seinem Todesjahr das satirische Werk "Satyricon" des römischen Autors Petronius als moderne Oper auf die Bühne gebracht. Petronius, selbst ein äußerst stilvoller Genießer und gehobener Müßiggänger mit Talent zum Leistungsträger, geißelt in diesem in seiner scheinbaren Naivität an den späteren "Simplicissimus" erinnernden Buch die Ausschweifungen der Neu- und Superreichen in Neros Rom. Mittelpunkt des "Satyricon" ist die Beschreibung des Gastmahl des Trimalchios, eines zu unermesslichem Reichtum gelangten früheren Sklaven, das an Protzerei, Prasserei und Perversität kaum noch zu übertreffen ist. Maderna hat diesen zentralen Teil musikalisch geformt und - wegen der deutlichen Parallelen zum späten zwanzigsten Jahrhundert - in eine zeitgenössische Form umgewandelt.

Eine offene Bühne mit einem zum Gastmahl vorbereiteten Tisch präsentiert sich zu Beginn den Zuschauern. Am Kopfende sitzt der Gastgeber wie eine Statue in hellem Anzug und Stetson - deutlich als Amerikaner, sprich Texaner zu erkennen. Im Hintergrund ist das verkleinerte Orchester des Staatstheaters optisch in die Handlung integriert, in den Ecken der Bühne beobachten  "Body Guards" mit Sprechfunk und Sonnenbrillen und unbeweglichen Mienen das Geschehen. Die Gäste ziehen durch den Zuschauerraum ein und stellen sich auf dem Weg zur Bühne dem Publikum vor. Bereits diese Szene ist satirisch kaum noch zu übertreffen. Da skizziert der aalglatte Banker sich als "Herr aller Jobs" und die ihn begleitende Verona zynisch als Dummchen mit großer Stimme. Der Fernsehmoderator Michel kommt mit einer Thai-Schönen, deren Vorzüge er an Hand seiner Vorliebe für thailändische Küche erklärt, und preist sich selbst als gnadenlosen Henker aller Talkshow-Gäste. Der Vier-Sterne-General der US Army hat seine Stellung nach eigener, unverblümter Aussage durch Intrigen und geschickte Budget-Manipulationen erreicht. Statt mit Kampfhandlungen verbringt er seine Zeit lieber als Kontaktmann zur amerikanischen Schwerindustrie, vor allem der, die derzeit den Wiederaufbau des Iraks unter sich ausmacht. Eine einzelne Frau, K. genannt und mit Seherfähigkeiten ausgestattet, gesellt sich dem Gastmahl als Kassandra hinzu und und verfolgt das Treiben mit kaltem Zynismus. Sogar der Dirigent des Orchesters, Niels Muus, ist in die Handlung integriert, kommt er doch im weißen Anzug mit Blume und einer jungen Studenten am Arm, nur um diese am Tisch stehen zu lassen und sich seiner musikalischen Aufgabe zu widmen. Selbst die Kunst ist nicht immun gegen die Verlockungen des Geldes, warum sollte man auch Künstler wirklichkeitsfremd zu Lichtgestalten idealisieren? Maderna übt sich in dieser Figur in augenzwinkernder Selbstironie.

Die Handlung selbst besteht mehr oder minder in der Beschreibung des Gastmahls, das bei Petronius neben der detailgenauen Schilderung der Speisen vor allem aus Klatsch und Tratsch des alten Roms besteht und die Unterwürfigkeit der Gäste gegenüber dem Gastgeber und Vertreter des Geldes, Trimalchios, entlarvt. Selbst die öffentliche Entleerung seines Darms und seine dauernden Flatulenzen ertragen die Gäste, wenn auch zeitweise mit zugehaltenen Nasen, und wenn Trimalchios` Diener einen großen Kuchen mit Schweinenasen hereintragen, drängeln sich alle danach, die Schweinenasen aufsetzen zu dürfen. Sobald sie die wie Clownsnasen aussehenden Masken aufgesetzt haben, werden sie buchstäblich zu Schweinen und kriechen grunzend und schnüffelnd über die Bühne, ihre letzte menschliche Würde verlierend. Der Höhepunkt des Gastmahls besteht darin, dass die Thai-Schöne, die vorher einen so machohaften wie gelangweilt wirkenden Michel nach allen Regeln der Kunst zufrieden gestellt hat, wie ein Spanferkel drapiert aufgetragen wird. Rundherum garniert mit erlesenen Speisen, wird sie zur kalten Platte, von der sich die Gäste die Spezereien herauspicken.

Diese Exzesse haben jedoch bei Maderna keinen dramatischen Stellenwert, etwa als Handlungselement oder Konfliktpotential. Wie bei Petronius dienen diese Szenen nur als Illustration der Dekadenz. Zusammen ergeben sie ein Bild des sinnlosen Schlemmens und der entleerten Kommunikation. Denn Unterhaltungen finden unter den Gästen kaum statt. Nach einem ausgedehnten anfänglichen "Bussi-Bussi" findet man sich zu anzüglichen, frivolen oder aggressiven Spielchen wieder, die auch mal ein ein paar Ohrfeigen enden können. Trimalchios und seine Frau Fortunata unterbinden jeden eventuellen Versuch einer eigenständigen Kommunikation zwischen den Gästen. Nur sie stehen im Mittelpunkt, und die Gäste werden mit immer neuen Speisen oder Spielchen ruhig gestellt. Wenn Trimalchios aus Langeweile seine Jacke nimmt und mit ihr in der Luft Figuren beschreibt, so bilden die Körper der Gäste - immer noch mit Schweinsnasen im Gesicht - diese Figuren unverzüglich nach und bilden zuckende, sich windende Bündel auf dem Boden. Und als die junge Studentin  dem verdutzten Trimalchios die Jacke entreißt und sein Werk fortsetzt, folgen die Gäste auch ihr, da Trimalchios diese Eigenmächtigkeit offensichtlich gut heißt. Kurz, das gesamte Gastmahl ist eine einzige Hommage der gesamten Gesellschaft an das Geld, und "money" ist auch immer wieder das Thema der eingestreuten Sprech- und Gesangstexte.

Apropos Gesang: Maderna lässt in seiner Musik die gesamte Palette der Musikgeschichte in einem Schnelldurchlauf Revue passieren, jedoch nicht als plumpen Potpourri, sondern geschickt integriert in die moderne, meist atonale Musik. Da hört man plötzlich ein Thema aus Carmen im Untergrund des Orchesters, oder die "Stars und Stripes" flattern durch die Partitur. An einer anderen Stelle verfällt die besagte Sängerin aus einer undefinierbaren Tonfolge in die Arie der "Königin der Nacht" oder Trimalchios gibt ein kleines Stück aus einer Verdi-Arie zum Besten. Zwischendurch hört man von von den Bläsern einen Gassenhauer oder der Moderator Michel geht herum und lässt eine barocke Arie in lateinischer Sprache hören.

Überhaupt bestehen die Texte großenteils aus Übersetzungen des Petroniusschen "Satyrocons", mal in Englisch, mal in Deutsch, mal in Französisch. Man muss das nicht unbedingt alles verstehen, denn die Aussage kommt sehr gut in dem Ausdruckstanz der Truppe von Birgitta Trommler zur Geltung. Das eigentlich Neue an dieser Inszenierung liegt in der Übertragung der musikalisch gedeuteten Worte in Bewegung. Dabei nimmt sich die Truppe jedoch insofern zurück, als tänzerische oder gar akrobatische Elemente nur sehr sparsam zum Einsatz kommen. Körperhaltung und die kurze Bewegung stehen im Vordergrund, die Auseinandersetzungen zwischen Personen und die Befindlichkeit der einzelnen Figuren schlagen sich in Gestik und knappen Bewegungen nieder. Dadurch erlangt diese Inszenierung den Charakter einen wahrhaft multimedialen Darbietung, die als Kulmination durch raumgroße Video-Einblendungen von explodierenden Bussen, Schiffen und Flugzeugen ergänzt wird. Das Licht dieser wahrhaft elementaren Eruptionen flackert über die prassende, halb über der Festtafel liegende Gesellschaft und verwandelt das Geschehen in ein Fanal des Untergangs.

Zum Schluss lässt sich Trimalchios, frei nach dem Original, als Statue seiner selbst - und des Geldes - auf dem Tisch aufrichten, wobei diese Statue fatal in die Nähe des gekreuzigten Christus rückt. Wenn das beabsichtigt war, lassen sich durchaus einige gesonderte Betrachtungen daran knüpfen. Historisch jedenfalls lagen diese Ereignisse nicht weit auseinander, und mit dem Aufstieg des Christentums verfiel Rom. Doch dieser Gedankenkette zu folgen, würde hier zu weit führen. In erster Linie steht zum Schluss Trimalchios als sein eigenes Denkmal da, und wenn er nicht gestorben ist, lebt er noch heute......

Hervorzuheben bei dieser Inszenierung sind die hervorragenden sängerischen und darstellerischen Leistungen, so von Peter Grönlund als Trimalchios und Barbara Baranowska als Fortunata. Saskia Assohoto als Verona glänzte mit einer kräftigen und modulationsfähigen Stimme. Die Mitglieder der Tanz-Truppe mussten dieses Mal ihre schauspielerischen Fähigkeiten zeigen und das zeigten sie durchweg überzeugend, so Christina Czetto als K., Guido Markowitz als Michel oder Rolf Kast als Banker. Daniel Zippe gab einen so markigen wie servilen General.

Das kleine (Kammer-)Orchester meisterte die wahrlich nicht einfache Partitur unter der Leitung von Niels Muss, der den Verlockungen der Prasserei erstaunlicherweise erfolgreich widerstand, mit hoher Präzision und Konzentration. Das Zusammenspiel mit den Solisten klappte fehlerfrei, was angesichts der wenig motivischen Ausrichtung der Musik sicherlich nicht einfach war.

Abschließend ist noch hervorzuheben, dass man sich angesichts der eingeschränkten Thematik auf eine zeitliche Ausdehnung bewusst verzichtet und die Dauer auf 75 Minuten begrenzt hat. Das verlieh dem Stück Tempo und Dichte und vermied jegliche Längen.