| Schrei
nach Erlösung
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Wiederaufnahme von Franz Schrekers Oper "Der Schatzgräber" in der Frankfurter Oper |
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Franz
Schreker gehört zu den eher unglücklichen Figuren im
Musikbetrieb des letzten Jahrhunderts. Geboren Ende des
19. Jahrhundert, wuchs er als Sohn jüdischer Eltern in
eine von Krieg und Umsturz geprägte und zunehmend
antisemitisch sich gebärende Zeit hinein. So wurde er
denn auch Opfer der nationalsozialistischen
Machtergreifung und erlag bereits 1934 einem nicht
zuletzt durch die Verfolgungen bedingten Herzleiden. An
dieser Stelle haben wir bereits die Darmstädter
Inszenierung seine Oper "Das
Spielwerk" besprochen.
Im
"Schatzgräber" nimmt Schreker ähnlich
märchenhafte Motive auf wie im "Spielwerk".
Im Prolog beklagt sich der König eines fiktiven Reiches
darüber, dass sich seine Frau über den Verlust ihres
geliebten Schmucks grämt. Der Hofnarr verspricht ihm,
den fahrenden Sänger Elis zu finden, der mit seiner
Laute angeblich Schätze aufspüren kann.
Zur
gleichen Zeit verzehrt sich auch die junge Els nach
diesem Schatz, dessen Dieb sie kennt und von dem sie den
Schatz als Hochzeitsgeschenk erbittet. Doch schickt sie
dem Ungeliebten einen Mörder hinterher, der ihr den
Schmuck ohne Mann bringen soll. Als kurz danach der
fahrende Sänger Elis auftaucht und einen im Wald
gefundenen Schatz spontan der schönen Els schenkt, ahnt
sie Schreckliches. Und prompt wird die mittlerweile
gefundene Leiche ihres Bräutigams dem Sänger
zugeschrieben und dieser vom Vogt, Els´ abgewiesenem
Verehrer, zum Tode verurteilt. Der zufällig eingeweihte
Hofnarr kann jedoch in letzter Minute die Hinrichtung
durch einen Herold des Königs verhindern, der den
Sänger zum Hof zitiert, um den Schmuck zu suchen. Els
weiß jedoch um die Wahrheit und vor allem, dass
entweder sie oder Elis scheitern wird. In einer
Liebesnacht schenkt sie Elis den Schatz, ohne ihm die
Herkunft zu verraten, und erkrankt durch den Verlust des
Schatzes. Als der Mörder des Bräutigams gefasst wird
und alles gesteht, soll Els sterben. Der Narr jedoch
besteht auf seinem Recht, sich als Lohn für die
Wiederbeschaffung des Schmucks eine Frau aussuchen zu
können, und wählt Els. In letzter Selbstverleugnung
ruft er sogar Elis an das Sterbebett der todkranken Els,
um ihr zu seiner Laute ein letztes Lied zu singen.
Sie
Symbolik der Handlung ist unübersehbar. Der Sehnsucht
nach dem Schatz spiegelt den Wunsch nach Erlösung
wider. Ohne sie gehen die Menschen - hier die Frauen -
zugrunde. Der
Erlöser naht in Gestalt eines Künstlers und bringt die
Erlösung - den Schatz - mit Hilfe der Musik. Doch die
Brechung gesellschaftlicher Tabus - hier durch Mord -
verhindert die Erlösung, Els wird mit dem Schmuck nur
für einen kurzen Augenblick glücklich, dann ereilen
sie die Folgen ihrer eigenen Selbstsucht. Auch
Elis verliert angesichts des Eros seine Ziele aus den
Augen, was sich an dem durch Els veranlassten Diebstahl
der Laute zeigt. Der Frau verfallen, droht ihm die
Schmach, da er den Schmuck nicht finden kann. Doch Els
schenkt ihm gerade diesen als höchstes eigenes
Liebesopfer und geht daran schließlich zugrunde. Sie
opfert die eigene Erlösung dem Geliebten. Im Narr
schließlich verdichten sich Pragmatismus und
Uneigennützigkeit. Obwohl selbst nach Glück sich
sehnend, opfert er alles, nur um seine Umwelt - König,
Königin und sogar die sterbende Els - glücklich zu
sehen, und steht am Ende mit leeren Händen da.
Schreker
hat diese Handlung mit geradezu "amotivischer"
Musik unterlegt. vergeblich wird man durchgängige
Themenbögen oder wiedererkennbare Motive wie in der
klassischen Oper suchen. Die Musik gilt nur dem
Augenblick und dem Ausdruck der jeweiligen Emotion und
vergisst sich selbst sofort wieder. Dadurch entsteht ein
scheinbar unstrukturiertes Klanggebäude, das aber in
Wirklichkeit hoch komplex aufgebaut ist und den
einzelnen Figuren und Handlungssträngen minutiös
nachgeht. Dabei bewegt sich die Musik in für die
Zeit - Anfang der zwanziger Jahre - erstaunlich
konventionellen Bahnen. Viele Klangkombinationen
könnten von Wagner, Strauss oder Mahler kommen, nur
bisweilen gehen sie in die Atonalität über, die man
aus der Zeit des Expressionismus eigentlich kennt und
auch hier erwartet. Vor allem in den expressiven
Momenten geht die Harmonik an die Grenzen der
herkömmlichen Tonalität und darüber hinaus, während
sie in den lyrischen Momenten eher wie aus dem 19.
Jahrhundert herüber zu schallen scheint.
Regisseur
David Alden hat aus dem Libretto eine kontrastreiche,
zuweilen fast grelle und groteske Inszenierung gemacht.
Die Gesellschaft um Els besteht aus grotesken Figuren,
die teilweise Tiergestalt oder sonstige skurrilen Form
annehmen. Diese Gesellschaft ist habgierig,
eigennützig, unterwürfig, schmeichlerisch,
hinterhältig und brutal. Man versteht, dass Els keinen
dieser Männer ehelichen will und sich ganz der
Sehnsucht nach dem Schatz verschreibt. Elis fällt
geradezu verständnislos in diese Gesellschaft hinein
und ist ihr hilflos ausgeliefert. Nur der "deus ex
machina" in Gestalt des fernen Königs kann ihn
retten. Daher wird auch der Herold des Königs in
geradezu kitschiger Überhöhung auf einem weißen Pferd
mit güldenen Kleidern und viel Strahlenglanz ins Spiel
gebracht. Mit versteckter Ironie wird hier die Distanz
der höheren Macht zum niederen Volk demonstriert und
gleichzeitig durch die Übertreibung ad absurdum
geführt. "Schaut her, so erträumt Ihr Euch
Weisheit und Macht des Königs", meint man den
Autor süffisant kommentieren zu hören. Doch auch
diesem Herrscher geht es nur um das eigene Wohl,
und dazu veranstaltet er das Brimborium der Macht.
Dennoch,
die Ironie will nicht recht in Fahrt kommen, denn
Schrekers Stück ist dazu zu symbolbeladen und die
dunkel expressiv raunende Sprache sträubt sich gegen
jede Ironisierung. So bleibt die Inszenierung in einem
seltsamen Schwebezustand zwischen poetischem Ernst und
dessen ironischer Hinterfragung. Das schlägt sich auch
im Bühnenbild, den Kostümen und der Szenenregie
nieder. Das Bühnenbild kommt mal in grellen Farben,
fast clownesk daher, dann wieder karg, auf die
Bühnenbretter begrenzt. Der Clown trägt Melancholie zu
großen Karos, der König erscheint im Straßenanzug des
20. Jahrhunderts und die Königin als depressive
Autistin mit Pappkrone. Els schaukelt mal auf einer
Lampe wie Pippi Langstrumpf über die Bühne, mal gibt
sie die große Geste der Entsagungsvollen. Doch
zugegeben, es ist sehr schwierig, diese symbolhaltigen
Märchen des Expressionismus heute schlüssig zu
inszenieren, und eine "werkimmanente"
Inszenierung, die den Handlungsstrang ohne
Einschränkung ernst nimmt, ist wohl kaum denkbar.
Das
Orchester unter der Leitung von Jonas Alber wird den
Ansprüchen dieser Musik jedoch in vollem Umfang
gerecht. Sowohl in den lyrischen als auch in den
expressiven Passagen bewahrt das Ensemble Transparenz
und Struktur, nie zerfloeßt die Musik zur
Unbestimmtheit oder Beliebigkeit. Die dramatischen
Konflikte kommen besonders in den Bläsern machtvoll zum
Ausdruck, wenn auch die Musik in solchen Momenten nicht
unbedingt jedermanns Sache sein mag.
Die
Darsteller überzeugen durchweg sowohl darstellerisch
als auch stimmlich. Da sind vor allem die Protagonisten
Taina Piira als Els und Jeffrey Dowd als Elis zu nennen.
Auch Niklas Björling Rygert als Narr und Johannes
Martin Kränzle als Vogt zeigen deutliches Profil. Die
anderen Rollen fallen dagegen jedoch nicht ab, so dass
sich das Bild eines homogenen und gut aufeinander
abgestimmten Ensembles ergibt.
Wer
sich für die Musik des 20. Jarhhunderts interessiert
und auch "Nachromantischen" Klängen nicht
abgeneigt ist, sollte sich diese Inszenierung ansehen.
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