Das Mädchen und die Posaune...

Nils Landgren und Rigmor Gustafsson mit "A sentimental journey" beim Rheingau Musik Festival

 

Auch der Jazz hat seinen Stellenwert beim Rheingau Musik Festival. Und präsentiert wird er mit Vorliebe an orten, die sich dem leichten Sinn öffnen und die Lebensfreude fördern. Am 29. Juli traten die schwedische Jazz-Sängerin Rigmor Gustafsson und hier Landsmann Nils Landgren, seines Zeichens Posaunist, mit ihrer Band (Piano: Roberto di Gioia, Schlagzeug: Wolfgang Haffner, Bass: Dieter Ilg) im Schloss Vollrads auf. Dieses Schloss ragt nördlich des Rheintals bei Oestrich-Winkel aus den Weinbergen hervor und bietet einen weiten Rundblick über die Rheinebene. Im Schlosshof hatte man eine "Seebühne" über den Schlossgraben gespannt, die ein fast südländisches Ambiente beschwor. Ringsum saßen die Zuhörer - das Konzert war so gut wie ausverkauft - unter alten Bäumen, genossen an diesem warmen Sommerabend den Schatten und natürlich den einschmeichelnden Jazz von der Bühne.

Nils Landgren ist nicht nur ein hervorragender Posaunist und Sänger. sondern zeichnet sich auch durch "Entertainer"-Qualitäten aus. In mehr als passablem Deutsch unterhielt er die Zuschauer mit humorvollen Einlagen und kleinen Anekdoten, ohne dabei jedoch die Musik zu vernachlässigen. Und diese gestaltete er im Wechsel mit Rigmor Gustafsson, einer schlanken jungen Frau mit einer weichen, erotischen Stimme, die den Evergreens der Jazz-Geschichte viel Gefühl einhauchte. Wer sich in diesem Genre auskennt, wird viele Stücke wiedererkannt haben, teilweise in völlig neuer Interpretation. Balladen, Jazzstandards und Popsongs bilden den Kern der "sentimental journey", und all diese Titel passten ideal zur Stimmung eines lauen Sommerabends hoch in den Weinbergen oberhalb des Rheins.
 
Natürlich erhielt jeder Musiker Gelegenheit zu ausgedehnten Solis, sei es Nils Landgren selbst, der auf der Posaune wahre Meisterstücke ablieferte und diesem Instrumente Töne entlockte, die man ihm nie zugetraut hätte, sei es der Bassist, der sein so oft in den Hintergrund verdrängtes Instrument zu erstaunlichem Leben erweckte, sei es der Pianist, der sich als Meister der Skalen erwies, oder schließlich der Schlagzeuger, der die Stöcke ausgiebig wirbeln ließ. Und über allem immer wieder die rauchige, verheißungsvolle Stimme von Rigmor Gustafsson, die alle Tonlage zwischen frech und melancholisch beherrscht. Und wenn sie mal nicht sang, dann griff Nils Landgren selbst zum Mikrofon und sang in einer leicht falsettartigen Tonlage, die - so selten gehört - Aufmerksamkeit erweckte und durchaus zu den Stücken passte.
 
Der einzige Nachteil eines sonst rundherum gelungenen Programms bestand darin, dass die einzelnen Stücke nicht im Programmheft aufgeführt waren, so dass die Zuhörer ihre musikalischen Erinnerungen bemühen und teilweise raten mussten. Das tat jedoch dem Genuss keinerlei Abbruch. Der hervorragende Rheingau-Wein, der an mehreren Ständen ausgeschenkt wurde, tat ein Übriges, um die Stimmung zu heben und zu halten.
 
Das Publikum schaffte es mit ausgiebigem Beifall sogar, Nils Landgren und seiner Truppe noch einige fetzige Zugaben zu entlocken, ehe man sich zu den Parkplätzen trollte..